Münchener Sicherheitskonferenz : Die größte Sicherheit liegt darin, dass die Krise ausbleibt
In München geht es ab heute darum, wie sich Bedrohungslagen mittelfristig besser auffangen lassen. Dass ein langfristiger Blick auf die Ernährungssicherheit ebenso wichtig wäre, unterstreicht Agrarwissenschaftlerin Stephanie Franck. Insbesondere Sorten und Saaten müssen politisch mitgedacht werden, fordert die Vorsitzende des Bundesverbands Deutscher Pflanzenzüchter.
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Zum Auftakt der Münchner Sicherheitskonferenz lohnt der Blick auf jene sicherheitsrelevanten Faktoren, die nicht Teil akuter Krisenreaktion sind, sondern langfristige Vorsorge erfordern. Sicherheit beschreibt dabei nicht mehr allein die Abwehr eines klar erkennbaren Gegners. Sie umfasst zunehmend die Fähigkeit, Gesellschaften und Volkswirtschaften unter Bedingungen dauerhafter Unsicherheit handlungsfähig zu halten: Risiken früh zu erkennen, Abhängigkeiten zu begrenzen und Systeme so weiterzuentwickeln, dass sie unter Stress nicht kollabieren und weiter funktionsfähig sind.
Unter diesem Blickwinkel gehören Sorten und Saatgut zu den sicherheitsrelevanten, bislang jedoch politisch kaum eingeordneten Ressourcen. Ihre Bedeutung liegt vor allem darin, dass sie landwirtschaftliche Anpassungsfähigkeit ermöglichen. Diese Anpassungsfähigkeit entscheidet darüber, ob Agrar- und Ernährungssysteme unter Klimastress, zunehmendem Schädlingsdruck und geopolitischer Volatilität funktionsfähig bleiben.
Rahmenbedingungen heute stellen Weichen für Zukunft
Die meisten politischen Entscheidungen werden in kurzen Zyklen getroffen – entlang von Legislaturperioden, Haushaltsjahren und aktuellen Prioritäten. Pflanzenzüchtung folgt dagegen langen Entwicklungsprozessen. Bis zur marktreifen Sorte vergehen häufig zehn Jahre oder mehr.
Politische Rahmenbedingungen wirken in diesem Zeitraum unmittelbar auf Investitionen und Forschungsrichtungen. Zähe Regulierung, kurzatmige Förderprogramme oder unausgewogene Schutzrechtsregelungen schränken die Vielfalt züchterischer Lösungsansätze ein. Sicherheitspolitisch bedeutet das: Politische Rahmenbedingungen legen heute fest, wie groß die Anpassungsspielräume der Zukunft sind.
Langfristige Vorsorge anfällig für Unterinvestition
Vorsorge scheint in diesem Bereich strukturell benachteiligt: Die Kosten für Forschung, Züchtung und langfristige Investitions- und Planungssicherheit fallen früh an, während der Nutzen in Form verbesserter Sorten erst mit großer zeitlicher Verzögerung sichtbar wird und politisch kaum eindeutig zuzurechnen ist. Entsprechende Investitionen werden eher untergewichtet.
Wenn überhaupt, lässt sich versäumte Vorsorge später jedoch nur begrenzt kompensieren, da biologische Systeme nicht kurzfristig beschleunigt oder nachgerüstet werden können. Pflanzenzüchtung ist damit ein Feld, in dem sicherheitspolitische Vorsorge latent anfällig für Unterinvestition ist – wenn die Rahmenbedingungen falsch ausgerichtet sind.
Reaktionsfähigkeit statt Kontrolle
Je weniger Risiken vorab präzise bestimmbar sind, desto wichtiger wird die Verfügbarkeit unterschiedlicher Anpassungsoptionen. Sorten- und Kulturartenvielfalt erhöht diese Anpassungsfähigkeit, weil sie Reaktionen auf unterschiedliche Belastungen erlaubt. Sie schafft keine Sicherheit im Sinne von Kontrolle, sondern im Sinne von Reaktionsfähigkeit unter veränderten Bedingungen. Entscheidend ist also, ob ein Land über ein funktionierendes System verfügt, das kontinuierlich neue, angepasste Sorten hervorbringen kann.
Dazu gehören Forschungsinfrastrukturen, Züchtungskapazitäten, Daten und Prüfsysteme, verlässliche Investitionsanreize, klare Schutzrechte sowie internationale Kooperation und der Zugang zu genetischen Ressourcen. Dieses Zusammenspiel bildet dann die Sicherheitsarchitektur biologischer Anpassungsfähigkeit.
Regulierung als Teil der Vorsorge am Beispiel neuer genomischer Techniken
Wie politische Rahmensetzung die Innovationsfähigkeit beeinflusst, zeigt sich exemplarisch an der Regulierung neuer Züchtungsmethoden. Es geht dabei nicht um Technikbegeisterung, sondern um Verlässlichkeit und Rechtsklarheit. Sie entscheiden darüber, ob wissenschaftliche Erkenntnisse in robuste, marktfähige Lösungen überführt werden können – oder ob Entwicklung über Jahre verzögert wird, während sich Risiken weiterentwickeln. Gleichzeitig geht es darum, die Anwendung von innovativen Methoden einem Wirtschaftszweig zu ermöglichen.
Sicherheitspolitisch ist Regulierung damit Teil der Vorsorge: Sie kann Anpassung ermöglichen oder verzögern. Verzögerung ist nicht nur ein wirtschaftlicher Nachteil; sie ist eine Risikoverstärkung. Denn sie verkürzt den Zeitraum, in dem Anpassung wirken kann, und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Systeme in Stresslagen nur noch reaktiv verwaltet werden und in ihrer Funktionsweise massiv eingeschränkt sind.
Ähnlich grundlegend sind Fragen zum geistigen Eigentum in der Pflanzenzüchtung. Patente auf Pflanzeneigenschaften können Innovationspfade verengen, Marktzugang erschweren, Konzentration fördern und damit die Diversität der Problemlösungsansätze reduzieren. Für die Resilienz ist entscheidend, ob Innovation breit ankommt oder ob sie nur in wenige Knotenpunkte wandert.
Fördermaßnahmen müssen langfristig angelegt sein
Auch öffentliche Forschungsförderung ist im Innovationssystem Pflanze kein Zusatzinstrument, sondern Voraussetzung langfristiger Anschlussfähigkeit. Pflanzenzüchtung erfordert kontinuierlichen Wissensaufbau und Weitergabe dieser Erkenntnisse über viele Jahre – von der Grundlagenforschung bis zur Anwendung.
Kurzfristige, kleinteilige Projektförderung erzeugt zwar sichtbare Aktivitäten, verhindert jedoch den Aufbau zusammenhängender Forschungskapazitäten. Dadurch sinkt die Fähigkeit, neue Risiken frühzeitig zu erkennen und in züchterische Lösungen zu überführen.
Strategisches politische Ansätze alternativlos
Die Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis systematisch zu bauen, ist eine Governance-Frage: Wie organisiert der Staat Vorsorge dort, wo die Funktionsfähigkeit zu jedem Zeitpunkt sichergestellt sein muss und wo die Wirkung erst später sichtbar wird? Zu klären ist, wer ressortübergreifend Verantwortung übernimmt, wie Prioritäten bei Zielkonflikten gesetzt werden und wie langfristige Programme gegen kurzfristige politische Verschiebungen abgesichert werden können.
Sicherheit entscheidet sich nicht nur daran, ob wir Krisen managen. Sie entscheidet sich daran, ob wir Optionen aufgebaut haben, bevor Krisen sie erzwingen. Sorten und Saatgut sind eine äußerst wertvolle Währung dieser Handlungsfähigkeit – und verdienen eine strategische politische Einordnung, bevor sie zum Engpass werden.
Stephanie Franck ist Agrarwissenschaftlerin und Inhaberin der Pflanzenzucht Oberlimpurg in Schwäbisch Hall, die Getreide für den europäischen und internationalen Markt züchtet. Seit April 2013 ist sie Vorsitzende des Bundesverbands Deutscher Pflanzenzüchter e. V. (BDP) und stellvertretende Vorsitzende der Gemeinschaft zur Förderung von Pflanzeninnovation e. V. (GFPi). Stephanie Franck war Mitglied der Zukunftskommission Landwirtschaft.
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