Klimaziele : Europa muss die Emissionen aus der Landwirtschaft entschlossen senken
Für das Erreichen der EU-Klimaziele gewinnt die Landwirtschaft an Bedeutung. Bisher waren die Emissionsminderungen im Sektor zu gering, sagt Sven Harmeling, Leiter im Bereich Klimapolitik beim Climate Action Network Europe. Zurückzuführen ist das auf die politischen Rahmenbedingungen. Nun aber steht auf EU-Ebene eine Reihe von Entscheidungen an, die einen Richtungswechsel einleiten könnten.
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28 Milliarden Euro. Das ist der durchschnittliche jährliche Schaden, den extreme Wetterereignisse der europäischen Landwirtschaft bereits heute zufügen. Bis zur Mitte des Jahrhunderts könnten es, befeuert durch den sich drastisch verstärkenden Klimawandel, 40 Milliarden sein. Diese Zahlen stammen nicht von Klimaaktivisten, sondern vom Europäischen Wissenschaftlichen Beirat für Klimawandel (ESABCC) – dem unabhängigen wissenschaftlichen Gremium, das die EU selbst eingesetzt hat, um politische Entscheidungen auf eine solide Grundlage zu stellen.
Sein neuer Bericht zu Klimaminderung und -anpassung in der europäischen Landwirtschaft, veröffentlicht am 11. März 2026, ist ein Weckruf. Er kommt wenige Tage nach der endgültigen formalen Einigung der EU-Mitgliedstaaten, EU-Kommission und EU-Parlament auf das neue EU-Klimaziel für 2040. Die Frage ist: Hört die Politik hin?
Deutliche Emissionsminderung in der Landwirtschaft möglich
Der Widerspruch, den der Bericht offenbart, könnte kaum schärfer sein: Die Landwirtschaft verursacht rund 13 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen der EU – und hat ihre Emissionen zwischen 2005 und 2023 gerade einmal um sieben Prozent gesenkt. Der Rest der Wirtschaft schaffte im gleichen Zeitraum rund ein Drittel.
Aufgrund bisher unklarer politischer Rahmenbedingungen könnte der Sektor in wenigen Jahren der größte Treibhausgasemittent der EU werden. Ein Sektor, der besonders stark unter dem Klimawandel leidet, ist gleichzeitig einer jener, der derzeit noch stark zum Problem beiträgt. Das ist keine Naturgesetzlichkeit – das ist das Ergebnis politischer Entscheidungen.
Im Zentrum des Problems – das zeigen die Zahlen sehr deutlich – steht die industrielle Tierhaltung. Laut ESABCC ist die Viehwirtschaft direkt für 50 Prozent der landwirtschaftlichen Emissionen verantwortlich: Methan aus der Verdauung von Wiederkäuern, Lachgas und Methan aus Gülle und Mist. Hinzu kommen indirekte Emissionen durch Futtermittelproduktion – etwa zwei Drittel der europäischen Getreideernte und weite Teile der Ackerflächen werden für die Tierhaltung genutzt.
Technische Verbesserungen bei Fütterung oder Güllemanagement sind sinnvoll und sollten durchaus stärker gefördert werden, reichen aber bei weitem nicht aus. Der Wissenschaftliche Beirat ist eindeutig: Eine Halbierung des EU-Konsums und der Produktion tierischer Erzeugnisse könnte die landwirtschaftlichen Stickstoffemissionen um 40 Prozent und die gesamten Treibhausgasemissionen um bis zu 42 Prozent senken. Dies könnte zudem auch die strategische Autonomie der europäischen Landwirtschaft erhöhen, durch verringerten Importbedarf für (überwiegend fossile) Düngemittel und Futtermittel.
Minderungsziel und Maßnahmen festlegen
Was braucht es also? Zunächst ein verbindliches, sektoreigenes Klimaziel für die Landwirtschaft – getrennt von der Landnutzungsbuchhaltung, die echte Emissionsminderungen durch kohlenstoffbezogene Gegenrechnungen verschleiern kann. Ohne ein solches Ziel bleibt die Landwirtschaft ein blinder Fleck im europäischen Klimagefüge. Der ESABCC-Bericht legt sich nicht auf ein spezifisches Ziel fest, zeigt aber die Ergebnisse verschiedener Studien, die hier als Ausgangspunkt für die politische Debatte genutzt werden können.
Daneben braucht es eine Strategie für einen gerechten Wandel in der Tierhaltung: Unterstützung für Betriebe, die auf Diversifizierung oder Agrarökologie umsteigen wollen; Ausstiegsprogramme für ökologisch sensible Gebiete mit intensiver Produktion; volle Umsetzung der Moorschutzbestimmungen des Naturwiederherstellungsgesetzes, Stärkung von Klimaanpassungsmaßnahmen.
Auch steuerliche Instrumente gehören auf den Tisch: differenzierte Mehrwertsteuersätze, die nachhaltige Lebensmittel verbilligen und emissionsintensive Fleisch- und Milchproduktion verteuern, Veränderung von Verbrauchsmustern unterstützen – sie müssen aber so gestaltet werden, dass sie sozial gerecht sind und nicht finanzielle Lasten bei den besonders Bedürftigen ablegen.
Viele politische Chancen in den kommenden Monaten
Besonders dringend ist eine grundlegende Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik. Die GAP, das finanziell schwergewichtigste Instrument der EU-Agrarpolitik, hat bislang systematisch versagt, öffentliche Förderung in hoher Milliardenhöhe mit den Klimazielen in Einklang zu bringen. Die jüngsten Reformvorschläge der EU-Kommission gehen überwiegend in die falsche Richtung: Sie schwächen Umweltauflagen, lockern Anforderungen zum Schutz von Mooren und Feuchtgebieten – genau jene Maßnahmen, die für den Klimaschutz unverzichtbar sind. Der ESABCC fordert explizit, GAP-Zahlungen, die emissionsintensive Praktiken subventionieren, schrittweise abzubauen. Diese Forderung ist nicht radikal – sie ist logisch.
Es wäre zu kurz gegriffen, diese Debatte als Konflikt zwischen Klimaschützern und Bauern zu rahmen. Millionen von Landwirtinnen und Landwirten sind die ersten Leidtragenden des Klimawandels – durch Dürren, Überschwemmungen, Ernteverluste. Eine Transformation des Agrarsektors ist, soweit richtig ausgestaltet, keine Bedrohung für die Landwirtschaft, sondern ihre Überlebensvoraussetzung.
Die Antwort auf diese Realität darf nicht Untätigkeit sein. Sie muss ein konsequentes Bekenntnis zu einem fairen, finanziell solide ausgestatteten Übergang sein: mit Investitionshilfen, Beratung, sozialer Absicherung – und einem klaren politischen Rahmen, der Planungssicherheit schafft, für eine nachhaltigere und langfristig resilientere Landwirtschaft.
Freiwillige Selbstverpflichtungen der Agrar- und Lebensmittelindustrie haben sich als unzureichend erwiesen. Europa braucht verbindliche Rahmenbedingungen, unter denen sich dann der Sektor nachhaltig transformieren kann. Die Wissenschaft liefert die Grundlage. Der ESABCC-Bericht zeigt, dass eine Transformation der Landwirtschaft im Einklang mit den Klimazielen vielfältigen gesellschaftlichen Nutzen bringen kann, aber der Umbau im Bereich der Nutztierhaltung besonderer Aufmerksamkeit und Unterstützung bedarf.
Die politischen Instrumente sind vorhanden. Was bisher fehlt, ist der Wille, sie anzuwenden. Diesen zu entwickeln, ist gerade jetzt zeitgemäß: Die geplante Nutztierstrategie und die Proteinstrategie der EU-Kommission werden im Sommer erwartet, die Verhandlungen zum Mehrjährigen Finanzrahmen und der GAP-Reform laufen, und zu den wesentlichen Elementen der klimapolitischen Rahmenbedingungen für den Pfad bis 2040 wird die EU-Kommission in der zweiten Jahreshälfte Vorschläge vorlegen.
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