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Gemeinsame Agrarpolitik : Europas größter Präventionshebel ohne Gesundheitsziel

Christian Schulz
Christian Schulz, Geschäftsführer der Deutschen Allianz für Klimawandel und Gesundheit Foto: KLUG/Ben Mangelsdorf

Brüssel entscheidet in diesen Wochen über Europas größtes Präventionsinstrument. In seinen Zielen steht Gesundheit nicht mehr. Am gestrigen Montagabend ging deshalb ein gemeinsamer Brief von Gesundheitsorganisationen an die Agrar-, Umwelt- und Gesundheitsausschüsse des Parlaments.

von Christian Schulz, Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit

veröffentlicht am

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Am 26. Oktober hat der Agrar- und Fischereirat seine Verhandlungsposition zur Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) nach 2027 beschlossen. Einen Tag später legte die Kommission den Entwurf eines Europäischen Klimaresilienzgesetzes vor. In beiden geht es um die Bedingungen, unter denen Menschen in Europa leben.

Das Klimaresilienzgesetz verlangt von den Mitgliedstaaten, Klimarisiken zu bewerten und Pläne zu schreiben. Als Grundlage dieser Pläne setzt der Entwurf einen Erwärmungspfad fest: 1,5 Grad bis 2030, zwei Grad bis 2050 und drei Grad bis zum Ende des Jahrhunderts, gemessen am vorindustriellen Niveau. Europa, der Kontinent, der sich am schnellsten erwärmt, kommt nach demselben Entwurf auf vier bis fünf Grad bis 2100. Das ist ein katastrophales und für Gesundheitssysteme kaum beherrschbares Szenario.

Immerhin: Die Mitgliedstaaten sollen ihre Behörden „ermutigen“, diesen Pfad in Haushaltsplanung, Raumplanung und Umweltprüfung zu berücksichtigen. Verbindliche Resilienzziele enthält der Entwurf nicht, neues Geld ebenso wenig. Was er enthält, ist eine Zählpflicht: Wie viele Menschen am Klimawandel sterben, soll künftig jährlich erhoben werden. Gezählt werden sie. Verhindert werden müssen sie nicht.

Schutzvorgaben für empfindliche Flächen, Boden und Wasser

In Bezug auf Böden, Wasser und Ernährung verweist die Mitteilung zu dem Entwurf auf ein anderes Instrument. Sie benennt die vorgeschlagene Gemeinsame Agrarpolitik und das Farm Stewardship Framework, unter dem Betriebe Schutzvorgaben für empfindliche Flächen, Boden und Wasser einhalten sollen, um Einkommensstützung zu erhalten.

Die Landwirtschaft erscheint dort als Sektor mit den höchsten klimabedingten Verlusten der Union: rund 28,3 Milliarden Euro im Jahresmittel, Dürre als Haupttreiber, nur zwanzig bis dreißig Prozent davon sind versichert.

Die GAP ist der größte zusammenhängende Ausgabenblock des EU-Haushalts. Sie entscheidet, welche Flächen wie bewirtschaftet werden, welche Produktionssysteme sich rechnen, welche Erzeugnisse in welcher Menge und zu welchem Preis verfügbar sind. Daraus folgt, was auf europäischen Tellern liegt und was in Luft, Wasser und Böden gelangt. Verhandelt wird die GAP in den Agrarressorts.

Verhaltensprävention und Verhältnisprävention

Prävention gibt es in zwei Formen. Verhaltensprävention spricht Menschen an und bittet sie, anders zu leben.

Verhältnisprävention verändert die Bedingungen, unter denen sie leben: ob Gesundes billig und Krankmachendes teuer ist, was in Luft, Wasser und Böden ist, wie heiß eine Stadt im August wird.

Gemessen an Reichweite und Haushalt ist die GAP das größte Instrument der Verhältnisprävention, über das die Union verfügt. Zum Vergleich: Die gesetzliche Krankenversicherung gab 2024 für Prävention und Gesundheitsförderung 686 Millionen Euro aus, davon 186 Millionen für Verhältnisprävention in Lebenswelten. Das sind 2,49 Euro je Versicherten im Jahr. In dieser Größenordnung handelt der Gesundheitssektor aus eigener Kraft.

Die GAP wirkt auf zwei Wegen: über das, was gegessen wird, und über das, was Menschen umgibt, ihre Umwelt.

Über den Teller: Vier Verhaltensprävention , Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, COPD und Diabetes, verursachen 46 Prozent der vorzeitigen Todesfälle in der EU. Für 2019 werden rund 600.000 kardiovaskuläre Todesfälle in der Union ernährungsbedingten Risiken zugeschrieben. Würden alle Mitgliedstaaten das Konsumniveau des besten Viertels der OECD- und EU-Länder erreichen, sänken die EU-Emissionen nach einer OECD-Rechnung vom April um 56 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalent im Jahr.

Über die Umwelt: Landwirtschaftliches Ammoniak bildet in der Atmosphäre Feinstaub; 182.000 Todesfälle in der EU-27 waren 2023 Feinstaub zuzurechnen. Nitrat erreicht den Menschen über das Trinkwasser. Durch den hohen Antibiotikaeinsatz im Tierbestand nehmen Antibiotikaresistenzen zu und Behandlungsmöglichkeiten für Menschen ab. Humusgehalt, Hecken und Wasserrückhalt entscheiden darüber, wie gut eine Landschaft mit Hitze und Dürre zurechtkommt.

GAP beeinflusst auch die planetaren Grenzen

Der Planetary Health Check 2026, im September vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung vorgelegt, weist sieben der neun planetaren Belastungsgrenzen als überschritten aus. Alle sieben verschlechtern sich weiter. Ernährungssysteme gehören dabei zu den Haupttreibern. Inwieweit wir die Risiken einer fortgesetzten Überschreitung in Kauf nehmen, wird in der GAP entschieden.

Was das kostet, war im Sommer 2026 zu sehen. Mehr als 35.000 Menschen starben nach vorläufigen Zahlen der EU-Kommission an hitzebedingten Ursachen. Den Produktionsverlust der Hitzewellen beziffert dieselbe Mitteilung auf 113 Milliarden Euro im Jahr in dreißig Ländern.

Im Agrarsektor liegen die klimabedingten Verluste im Jahresmittel bei 28,3 Milliarden Euro, und für das Dürrejahr 2026 nennt die Kommission bis zu 90 Milliarden. Die kommende GAP antwortet bislang mit einer Krisenreserve von 630 Millionen Euro im Jahr. Auch das Klimaresilienzgesetz schließt diese Lücke nicht, weil es, wie oben erwähnt, keine verbindlichen Ziele und kein neues Geld enthält.

Maßnahme ohne Gesundheitswirkung wird die billigste

Bisher schützte eines der zehn Kernziele der GAP die Lebensmittel- und Gesundheitsqualität. Im Vorschlag der Kommission und in der Position des Rats fehlt es nun unter den Zielen. Was in den Zielen steht, kann die Kommission prüfen und zurückweisen. Was nicht dort steht, kann sie nicht einfordern.

Die Finanzierung zeigt in dieselbe Richtung. Heute kommen die Umweltprogramme, an denen Betriebe freiwillig teilnehmen, vollständig aus dem EU-Haushalt; bei Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen tragen die Mitgliedstaaten mindestens zwanzig Prozent.

Nach 2027 sollen beide zu einer Kategorie verschmelzen, für die national mindestens dreißig Prozent Eigenanteil fällig werden, während die Einkommensstützung weiter ohne nationalen Anteil fließt. Der Mindestanteil, der bisher für Umwelt und Klima reserviert war, entfällt. Damit ist für jeden Finanzminister die Maßnahme ohne Gesundheitswirkung die billigste.

Im Agrarausschuss entstehen gerade die Änderungsanträge, im Januar stimmt das Plenum ab. Was dann im Trilog zwischen Kommission, Parlament und Rat beschlossen wird, soll bis 2034 gelten.

Ob Gesundheit in die GAP zurückkommt, hängt daran, ob sich Gesundheitsakteure darin einmischen. Die nationalen Pläne werden in den Agrarministerien geschrieben und vor der Genehmigung konsultiert. Fachgesellschaften, Kammern und Kassen müssen zur GAP Stellung beziehen, so wie Umweltverbände es seit Jahren tun. Am Montagabend ging ein gemeinsamer Brief von Gesundheitsorganisationen an die Agrar-, Umwelt- und Gesundheitsausschüsse des Parlaments. Seine erste von sechs Forderungen: Gesundheit muss als Ziel zurück in die GAP.

Christian Schulz ist Arzt und Geschäftsführer von KLUG – Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit. Er hat den gemeinsamen Brief der Gesundheitsorganisationen zur Gemeinsamen Agrarpolitik mitinitiiert.

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