Essbare Landschaften : Kostenlose Grundversorgung mit gesunden Lebensmitteln
Die Klima- und Biodiversitätskrise müsse auch als soziale Krise betrachtet werden, sagt Anna Holl vom Verein Vielfalt Genießen –insbesondere im Hinblick auf unsere Ernährungssicherheit. So könne eine pflanzenbasierte Ernährung weltweit Millionen Todesfälle vermeiden und gleichzeitig Emissionen reduzieren. Deshalb plädiert sie in ihrem Standpunkt für eine kostenlose Grundversorgung mit gesunden Lebensmitteln für alle, auf öffentlich zugänglichen Flächen.
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Nahezu jeder Ort in Deutschland ist von Äckern, Wiesen oder anderem offenen Gelände umgeben, die durch Wirtschaftswege getrennt sind. Auf diesen Wegen wird es bisweilen so heiß, dass dies eine ernste Gesundheitsgefährdung für Menschen darstellen kann. Die Hitze könnte durch Hecken, Haine oder kleinere Wälder deutlich reduziert werden. Allerdings sind diese Mangelware in unserer aufgeräumten Landschaft. Ein Argument gegen die Etablierung von Feldgehölzen lautet oft, dass die Flächen für die Lebensmittelproduktion gebraucht werden. Dieser Punkt erübrigt sich, wenn wir Ertragsgehölze etablieren, von denen Spaziergänger:innen oder Fahrradfahrer:innen sich nach Bedarf bedienen können, in Form einer kostenlosen Ernte.
Um dieses Ziel zu erreichen, hat sich 2022 der gemeinnützige Verein VifaGe (Vielfalt Genießen) e.V. gegründet. Dabei konzentrieren wir uns auf Nussgehölze für die Ernte im Herbst und Winter, Obstgehölze für die Ernte über den Sommer sowie essbare Wildpflanzen für die Ernte im Frühling. Im Unterschied zu herkömmlichen Hecken sollen die im Rahmen des Konzeptes „Essbare Landschaften“ etablierten Gehölze nicht primär dem Naturschutz dienen, sondern als gemeinnütziger Teil eines übergeordneten Agroforstsystems verstanden werden, der in erster Linie der Nahrungsmittelproduktion gilt.
Daraus ergibt sich, dass nicht nur heimische Arten gepflanzt werden dürfen, wie es im Naturschutz üblich ist. Stattdessen wollen wir eine große Vielzahl an Arten und Sorten integrieren, wozu bekannte Lebensmittel wie Walnüsse oder Pfirsiche, aber auch unbekannte Arten wie Königs- und Butternüsse, dreilappige Papau und Renekloden gehören.
Die so entstehenden „Wege der Vielfalt“ verbinden Ortschaften miteinander wie eine Kette. Im Idealfall wird unsere Kette von benachbarten Kommunen erweitert, bis ein lebendiges Netz entsteht.
Gehölze schaffen Stukturvielfalt und sorgen für Abkühlung
Obwohl die Gehölze nicht immer heimisch sind, erfüllen sie heckenähnliche Funktionen. Sie schaffen Strukturvielfalt und damit neue Habitate, dienen als Biotopverbund, sorgen für Abkühlung, halten Wasser und stabilisieren den Boden mit ihren Wurzeln. Darüber hinaus ermöglichen sie – bei großräumiger Umsetzung – allen Menschen unabhängig von ihrem sozioökonomischen Status eine kostenlose Grundversorgung ohne Plastik, Pestizide, künstliche Düngemittel und mit kurzen Transportwegen.
Außerdem dienen sie als lebendiges Arche-Projekt der Erhaltung unserer unendlich vielfältigen und zahlreichen Kulturgehölze, die wir im intensiven Anbau zu verlieren drohen. Denn nicht viele Pflanzenarten eignen sich für den Ackerbau: Von den geschätzten 298.000 bekannten Arten weltweit könnten etwa 50.000 für unsere Ernährung genutzt werden. Aber nur rund 6000 werden tatsächlich für diesen Zweck angebaut. Von diesen wiederum tragen weniger als 200 wesentlich zur heutigen Nahrungsmittelproduktion bei.
Letztlich liefern nur drei Arten, nämlich Weizen, Reis und Mais, rund 60 Prozent unserer Nahrungsenergie. Bevor wir jedoch zu Bäuerinnen und Bauern wurden, haben wir uns über Millionen von Jahren hinweg von einer sehr vielseitigen Kost ernährt. Diese ursprüngliche Vielseitigkeit ist es, die wir mit den „Wegen der Vielfalt“ als Ergänzung zu herkömmlichen, landwirtschaftlichen Erzeugnissen zurückgewinnen können.
Kostenloses Angebot bedient Lücke im System
Die heimische Landwirtschaft produziert genug Getreide, Fleisch, Milch, Kartoffeln und Zucker, um ganz Deutschland selbst zu versorgen. Der Bedarf an Gemüse wird aber nur zu 36 Prozent, Obst nur noch zu 23 Prozent gedeckt, dabei handelt es sich vornehmlich um Äpfel. Weiches Obst, welches am besten direkt nach der Ernte verarbeitet oder verzehrt wird, wird kaum durch die heimische Landwirtschaft oder die großen Supermarktketten angeboten. Nüsse werden in der Liste des Bundesinformationszentrums Landwirtschaft gar nicht erst geführt, geschweige denn essbare Wildpflanzen.
Das kostenlose Angebot bedient also eine Lücke im System und fördert eine pflanzenbasierte Ernährung von uns allen, nicht zuletzt, weil es unbekannt und interessant sein wird – wer hat schon jemals pinke Walnüsse probiert? Nach den Empfehlungen der EAT-Lancet-Kommission sollten wir für eine gesunde und nachhaltige Ernährungsweise ohnehin mehr Nüsse, Früchte und Gemüse verzehren. Während wir Nüsse und Früchte mit pflegeleichten Gehölzen abbilden können, ersetzen wir das pflegeintensive Gemüse durch pflegeleichtere, essbare Wildpflanzen, unter denen zahlreiche gleichzeitig wichtig für Insekten sind, zum Beispiel als Raupenfutterpflanzen.
Mit unserer modernen Interpretation von Allmende können die VifaGe Konzepte direkt zur Erreichung einiger der 17 globalen Nachhaltigkeitszielen beitragen. Darunter die Punkte Armutsbekämpfung, Hungerbekämpfung, bessere Gesundheit und Wohlergehen, weniger sozioökonomische Ungleichheiten, mehr nachhaltigen Konsum und Produktion, mehr Maßnahmen zum Klimaschutz, besseres Leben an Land, Frieden, mehr Gerechtigkeit und starke Institutionen sowie bessere Partnerschaften zur Erreichung dieser Ziele.
Die Umsetzung des Konzeptes wäre ein wichtiger Schritt hin zur Stärkung von Ernährungssouveränität und gesellschaftlicher Resilienz. Ein Pilotprojekt könnte zunächst auf Kreisebene erfolgen, um später auf andere Regionen ausgerollt zu werden. VifaGe könnte den Rahmen des Konzeptes bilden. Der Verein schafft zum einen ein geschütztes Logo, welches die Ernteflächen rechtssicher markiert, zum anderen verbindliche Nutzungs- und Ernteregeln, Rechtssicherheit für alle beteiligten, das Vertragswesen und eine nicht-politische Plattform für alle, die an den „Wegen der Vielfalt“ mitwirken wollen. Auf einer Online-Plattform könnten Landbesitzende Teile ihrer Flächen, die an Wegränder angrenzen, freiwillig für eine langfristige, gemeinnützige Bepflanzung anmelden. Die Eigentümerverhältnisse bleiben unangetastet, Eigentümer:innen haben keine weiteren Verpflichtungen.
Die Umgebung wieder mitgestalten
Zur Umsetzung der groß angelegten Pflanzungen unter Einbindung der Bevölkerung und den Landwirt:innen ist die Schaffung der unbefristeten Stelle einer Biodiversitätsmanager:in essenziell. Diese Stelle könnte beim Kreis angesiedelt sein und ist außerdem verantwortlich für die Langfristigkeit, Planungssicherheit, Verkehrssicherheit und der Koordination eines Risikomonitorings insbesondere im Hinblick auf die eingeführten, nicht-heimischen Arten. Die Gehölzpflegemaßnahmen dienen nach der Anwuchs-Phase lediglich der Verkehrssicherung. Ein Schnitt zur Ertragssteigerung oder langfristige Bewässerungen sind nicht vorgesehen.
Die Menschheit hat im Laufe ihrer Entwicklung ihre Umgebung geprägt. Sie hat sie aktiv mitgestaltet und eine Kulturlandschaft geschaffen. Das war ein gesamtgesellschaftlicher Prozess. Heute sind die meisten von uns von diesem wichtigen Prozess ausgeschlossen. Unser Projekt „Wege der Vielfalt“ könnte die Menschen vor Ort wieder in diesen Prozess einbinden, sodass sie ihre lokale Selbstversorgung und damit ihre Zukunft langfristig mitgestalten können.
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