Verhandlungen zur UN-Klimakonferenz : Warum sich in Bonn die Zukunft des Globalen Südens entscheidet
Viel auf dem Spiel steht dieses Jahr bei den Zwischenverhandlungen für die UN-Klimakonferenzen in Bonn: Im Kleingedruckten für das sogenannte globale Anpassungsziel entscheidet sich, ob die Staaten des Globalen Südens einen gerechten Ausgleich für die Klimaschäden bekommen, die sie nicht verursacht haben. Das betrifft besonders die Landwirtschaft, schreibt Christiane Käsgen.
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Alljährlich im Juni geht es in Bonn auf der diplomatischen Arbeitsebene darum, politische Versprechen in ein verbindliches Regelwerk zu gießen. In diesem Jahr muss sich mit Blick auf die UN-Klimakonferenz COP31 in der Türkei erweisen, ob die Weichen für eine menschenrechtsbasierte, völkerrechtlich verbindliche Klimapolitik gestellt werden.
Die Verhandlungen über die Umsetzung des im Pariser Abkommen verankerten globalen Anpassungsziels (Global Goal on Adaptation) berühren fundamentale Verteilungsfragen: Sie bestimmen, wer die Lasten für die überlebenswichtige Anpassung an den Klimawandel trägt, wer die Mittel erhält und wie über Prioritäten entschieden wird.
Ein zentrales Thema ist dabei auch, wie die weltweite Nahrungsmittelproduktion gegenüber dem Klimawandel resilienter gemacht und der Umbau hin zu einer regenerativen, wassersparenden Landnutzung bewältigt werden kann. Schon heute führen Extremwetter wie Dürren und Überschwemmungen zu massiven Ernteausfällen.
Klimaanpassung ist eine Frage der Klimagerechtigkeit
In Bonn geht es nun darum, die Messung, Finanzierung und Umsetzung von Anpassungsmaßnahmen weltweit gerecht zu gestalten. Im „Gemeinsamen Arbeitsprogramm von Sharm el-Sheikh zu Landwirtschaft und Ernährungssicherheit“ drängen die Staaten des Globalen Südens auf integrierte Ansätze in der Landnutzung und Landwirtschaft: Langfristige Agraranpassungen – etwa durch Wasserspeicher und dürreresistentes Saatgut – sollen mit Frühwarnsystemen und humanitärer Hilfe verzahnt werden, um Klimaschocks frühzeitig abzufedern.
Zivilgesellschaftliche Allianzen fordern in den Verhandlungen wiederum die Anerkennung von Agrarökologie als tragfähiges, lokal geführtes Anpassungskonzept. Dieses verbindet die nachhaltige Transformation von Landwirtschaft und Ernährungssystemen mit dem Schutz bedrohter Ökosysteme und sozialer Gerechtigkeit.
Die Debatten führen vor Augen, was Klimagerechtigkeit in der Praxis bedeutet und welche existenziellen Forderungen die Akteure des Globalen Südens damit verbinden.
Anpassungsfinanzierung: Verantwortung statt Wohltätigkeit
Klimagerechtigkeit bedeutet, dass Anpassungsfinanzierung kein Akt der Wohltätigkeit oder Entwicklungshilfe ist, sondern eine völkerrechtliche Verantwortung des Globalen Nordens als historischer Verursacher der Erderwärmung. Insbesondere Inselstaaten und afrikanische Länder leiden bereits heute massiv unter den verheerenden Folgen des Klimawandels. Sie sind die vehementesten Stimmen hinter der Forderung, Anpassungsziele direkt an verlässliche, öffentliche und zuschussbasierte Finanzierungszusagen zu koppeln, um eine weitere Verschuldung der Länder des Globalen Südens zu verhindern.
Die Realität ist jedoch ernüchternd: Viele Staaten des Globalen Südens stehen trotz eingereichter Nationaler Anpassungspläne (NAPs) vor einer Wand. Rückzahlungspflichtige Kredite und renditeorientiertes Privatkapital können nicht die Antwort auf ihren Finanzierungsbedarf sein. Denn was bedeutet das für Länder, die bereits in tiefen Schuldenkrisen stecken? Nichts anderes als neue Abhängigkeiten als Folge von Schäden, die sie nicht verursacht haben.
Politisch versprochen wurde zwar eine Verdreifachung der Anpassungsfinanzierung bis 2035. Doch zu dieser Aussage fehlt noch immer eine Vergleichsbasis, die verhindern würde, dass Finanzzusagen durch kreative Buchführung künstlich schöngerechnet werden.
Der Spagat von Belém: Wie misst man Gerechtigkeit?
Neben der Finanzierung geht es in Bonn zentral um die Anwendung der sogenannten Belém-Anpassungsindikatoren. Diese wurden auf der COP30 in Brasilien beschlossen, um Anpassung global vergleich- und messbar zu machen. Nun stehen die Staaten vor dem schwierigen politischen Spagat, die Indikatoren mit Leben zu füllen: Einerseits braucht es globale Standards für Geldgeber, andererseits müssen die Messgrößen auf die extrem unterschiedlichen Realitäten vor Ort zugeschnitten sein.
Daraus ergeben sich tiefgehende Gerechtigkeitsfragen, die den Kern einer menschenrechtsbasierten Klimapolitik berühren: Wie wird der finanzielle Wert zu schützender Infrastruktur im Vergleich zur Ernährungssicherheit, dem Gesundheitssystem oder dem Schutz von Wäldern bemessen? Die Länder des Globalen Südens befürchten, dass bei der Verteilung der Gelder Sachwerte gegenüber Menschenleben bevorzugt werden. Wird der Anpassungsbedarf daran gemessen, welche Sachwerte eine Sturmflutbarriere schützt oder daran, ob es weniger mangelernährte Kinder aufgrund von Investitionen in eine regenerative, resiliente Landwirtschaft gibt?
Die African Group of Negotiators on Climate Change, die Verhandlungsgruppe der Afrikanischen Union, fordert in Bonn einen Perspektivwechsel, der den Schutz von Menschen in den Fokus rückt. So soll das Thema Gesundheit eine zentrale Rolle spielen. Denn steigende Temperaturen, Dürren, Bodendegradation und der Zusammenbruch lokaler Ernährungssysteme führen direkt zu einer alarmierenden Notlage der öffentlichen Gesundheit, die Millionen Menschen betrifft. Gesundheit, so die Verhandler, sei das menschliche Gesicht der Klimakrise.
In Bonn wird nun darum gerungen, das Indikatorenmodell so zu gestalten, dass es eine globale Vergleichbarkeit ermöglicht, ohne die Souveränität der Staaten über ihre nationalen Prioritäten zu untergraben.
Gerechtigkeit auf dem Papier? Die bürokratische Mauer
Klimagerechtigkeit bedeutet auch, bei den Verhandlungen in Bonn die harte Nuss der Verfahrens- und Verteilungsgerechtigkeit anzugehen. Die komplexen Berichts- und Transparenzpflichten der UN-Bürokratie dürfen nicht dazu führen, dass die ärmsten Länder faktisch von den Geldtöpfen ausgesperrt werden. Vielen fehlt schlicht die administrative Kapazität oder die technologische Infrastruktur für die aufwendige Datenerhebung, um die Anträge überhaupt erst einzureichen. Abhilfe schaffen hier nur der konsequente Abbau unnötiger Hürden und ein gezielter Kapazitätsaufbau in den betroffenen Ländern.
Für die Landwirtschaft bedeutet das unter anderem: Lokales und indigenes Wissen über traditionelle, anpassungsfähige Anbaumethoden muss anerkannt und unterstützt und mit zugänglichen und unabhängigen Technologien verbunden werden. Vor allem müssen Anpassungsgelder die Menschen direkt vor Ort erreichen. Nur wenn diejenigen, die die Hauptlast der landwirtschaftlichen Arbeit tragen – allen voran Kleinbäuerinnen ohne Landrechte – direkten Zugang zu Finanzierung und Ressourcen erhalten, kann Anpassung gelingen. Lokale Gemeinschaften müssen daher aktiv in die Entscheidungen über die Mittelvergabe eingebunden werden.
Jetzt zeigt sich, ob Klimagerechtigkeit mehr ist als ein Versprechen
Ohne eine gerechte Einigung über faire und präzise Finanzierungsgarantien, vereinfachte Zugänge zu Geldern, menschenzentrierte Indikatoren und einen echten Kapazitätsaufbau wird das globale Anpassungsziel den Schutz der am stärksten gefährdeten Menschen verfehlen.
Die Zwischenverhandlungen in Bonn ebnen den Weg zur UN-Klimakonferenz in Antalya. Dort wird die Staatengemeinschaft im November über konkrete, völkerrechtlich verankerte Finanzierungszusagen und die Operationalisierung des Indikatorenpakets entscheiden.
In Bonn wird vorab über Formeln, Kriterien und Berichtswege verhandelt, über eine Art „Benutzerhandbuch“ für das Global Goal on Adaptation. Das ist scheinbar technokratische Detailarbeit. Und doch entscheidet sich genau deshalb in diesen zwei Wochen am Rhein, ob Klimagerechtigkeit von der hohlen Phrase zum echten Leitprinzip wird.
Christiane Käsgen beschäftigt sich bei der Robert Bosch Stiftung mit den Zusammenhängen von Klima, Landnutzung und Ernährungssystemen. Ihr besonderes Interesse gilt der Frage, was Menschen antreibt und verbindet – und wie sich dieses Wissen für nachhaltige Landnutzung und die Förderung von Frieden nutzen lässt.
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