Kompetenz statt Compliance : Wie Deutschland die KI-Chance jetzt nutzen kann
Der AI Act zwingt Unternehmen ab sofort zur KI-Kompetenz. Richtig gelesen ist diese Pflicht der billigste Wettbewerbshebel, den Deutschland in diesem Jahrzehnt bekommt.
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Die Zahlen stehen sauber nebeneinander, zu lesen in der TÜV Weiterbildungsstudie: 56 Prozent der Unternehmen setzen generative KI im Alltag ein. 27 Prozent haben ihre Beschäftigten dafür geschult, 2024 waren es noch 12. Die Nutzung rennt der Qualifizierung davon.
Von der Mitarbeiterseite ist die Lücke noch größer. Aus einer Bitkom-Erhebung von 2025 geht hervor, dass 70 Prozent der Beschäftigten überhaupt kein KI-Weiterbildungsangebot erhalten. Die Werkzeuge sind im Haus, aber das Potenzial liegt brach.
Das Muster kenne ich aus dem B2B-Handel. Einsicht ja, Umsetzung nein. In Sachen KI heißt es nun: Nutzung ja, Können nein. Und genau diese Lücke ist der Ansatzpunkt.
Der Pflicht-Reflex verschenkt den Hebel
Artikel 4 des AI Act gilt seit Februar 2025, seit 2. August diesen Jahres setzen ihn die nationalen Behörden durch. Die naheliegende Reaktion von Organisationen darauf ist das Angebot eines Pflichtmoduls nach dem Motto “Risiken, Verbote, Haftung, bitte einmal durchklicken und Compliance-Häkchen bekommen”.
Diese Antwort verschenkt jedoch den eigentlichen Wert. Denn reine Compliance erzeugt keinen kompetenten Mitarbeiter, sondern einen vorsichtigen. Das galt schon bei der Digitalisierung: Jedes Programm, das mit Risiko und Haftung beginnt, erzeugt Zögern.
Wer lernt, Angst vor einem Werkzeug zu haben, nutzt es nicht. Genau hier liegt der Unterschied zwischen den Unternehmen, die vorangehen, und denen, die abhaken. Ein und dieselbe Verordnung wird zur Bremse oder zum Hebel, je nachdem, wie man sie liest.
Dabei ist es bewiesen: Unternehmen mit der höchsten KI-Exposition erzielen ein um 40 Prozent höheres Produktivitätswachstum als die am wenigsten exponierten. Das hat PwC im Global AI Jobs Barometer 2026 über mehr als eine Milliarde Stellenanzeigen in 27 Ländern gemessen.
Was diesen Vorsprung trägt, ist nicht der Zugang zur Technik, sondern die Fähigkeit, sie zu nutzen. Können kauft man nicht, man baut es. 45 Prozent der deutschen Unternehmen sehen bisher keinen Bedarf an KI-Weiterbildung. Meine Lesart: Wer KI nicht nutzt, sieht nicht, was möglich ist. Und genau dort liegt die größte ungenutzte Reserve.
Der Wert verschiebt sich zum Urteil
Gleichzeitig sieht man klar, welche Fähigkeiten knapp werden und jetzt entwickelt werden müssen. KI-exponierte Einstiegsrollen verlangen siebenmal häufiger klassische Senior-Fähigkeiten: Urteil, Führung, strategisches Denken. KI verdrängt Routinearbeit, die früher die Lehrzeit war. Was bleibt und bezahlt wird, ist Urteilsvermögen – und zwar früher im Lebenslauf als je zuvor.
Das deckt sich mit einer These, die ich propagiere: Wenn Intelligenz gegen null kostet, ist nicht mehr das Erzeugen einer plausiblen Antwort der Flaschenhals, sondern die Entscheidung, welche Antwort im Kontext richtig ist. Der Markt bepreist das bereits. Rollen, in denen KI die Routine übernimmt und menschliche Expertise weiterhin im Zentrum steht, wachsen doppelt so schnell und zeigen 42 Prozent höheres Lohnwachstum. Die Maschine wird billig. Der Mensch, der sie führen kann, wird wertvoll.
Für Unternehmen ergibt sich daraus eine konkrete Aufgabe. Die Antwortmaschine alleine ist nicht der bessere Spezialist. Wertvoller wird es, Urteile unter Unsicherheit treffen zu können: ein Geschäft lesen und entscheiden, wenn die Daten sich widersprechen. Das wächst nicht mehr nebenbei aus der Routine, denn die KI übernimmt ja gerade. Unternehmen müssen es gezielt aufbauen, an echten Fällen und früher als bisher.
Kompetenz statt Compliance: was Führung jetzt gewinnt
Wer den AI Act als Schulungs-PDF liest, lässt den größten Hebel des Jahres liegen. Richtig gelesen ist er ein Befähigungsprogramm mit gesetzlichem Rückenwind: rollenspezifisch, an echter Arbeit, messbar im Ergebnis.
Drei Dimensionen entscheiden, und sie gehören zusammen. Mindset, die Kultur des Experimentierens. Toolset bedeutet eigene Werkzeuge statt generischer Lizenzen zu nutzen. Skillset ist die Fähigkeit zur Zusammenarbeit von Mensch und Maschine. Wer alle drei zusammen denkt, baut Kompetenz, die bleibt.
Doch die drei Dimensionen tragen nur, wenn ein Programm sie trägt. Den Unterschied macht die Reihenfolge: nicht alle gleichzeitig befähigen, sondern eine Gruppe zuerst, sie sichtbar gewinnen lassen, den Rest mitziehen. Erst der Erfolg, dann der Sog.
Brüssel legt die Chance in deutsche Hände
Im November 2025 hat die EU-Kommission den Digital Omnibus vorgeschlagen. Er lockert Artikel 4: fördern statt zwingend sicherstellen. Beschlossen ist das noch nicht. Rechtlich gilt die Pflicht ab Anfang August 2026 unverändert.
Das klingt nach weniger Druck. Es ist mehr Spielraum. Und genau das ist der Punkt. Solange Brüssel zwingt, bleibt Kompetenz ein Häkchen. Sobald Brüssel lockert, wird sie zur unternehmerischen Entscheidung, und freiwillig gebaute Fähigkeit schlägt jede Pflichtschulung. Die Verantwortung wandert von der Kommission zu Mitgliedsstaaten und Unternehmen. Diese Chance gilt es nun zu ergreifen.
Zwei Jahre lang lag die Einsicht auf dem Tisch. Die Nutzung ist explodiert, die Qualifizierung noch nicht. Der August liefert jetzt den Anlass, aus Nutzung konkretes Können zu machen.
Die Unternehmen, die das als Befähigung angehen statt als Pflichtmodul, ziehen davon. Was im einzelnen Haus ein Vorsprung ist, summiert sich zum Standortvorteil des Landes. Das ist keine Frage der Verordnung, sondern eine Entscheidung der Führung. Sie steht jetzt an. Und zwar nicht in Brüssel, sondern hier.
Matthias Schmidt-Pfitzner verantwortet als Managing Director DACH das Geschäft von Publicis Sapient in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
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