Naturkatastrophen : Risikotransfers schaffen Investitionsmöglichkeiten

Holly Turner
Holly Turner ist Head of Sustainable Investment bei Schroders Capital Foto: Schroders Capital

Wie sich Naturkatastrophen zunehmend im gesamten Finanzsystem niederschlagen und warum die reine Anlageklassen-Perspektive nicht mehr ausreicht, analysiert Holly Turner, Head of Sustainable Investment bei Schroders Capital.

von Holly Turner

veröffentlicht am

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Das Risiko von Naturkatastrophen stellt ein systemisches, makroökonomisches Problem dar und ist nicht nur eine Frage von Versicherungen. Da die versicherten Schäden steigen und die Versicherungskapazitäten teilweise knapper werden, verteilt sich das Risiko auf Haushalte, Kreditgeber, Kapitalmärkte, institutionelle Anleger und Regierungen, wodurch neue Übertragungskanäle und Investitionsaspekte entstehen.

Das Verständnis des Risikomodells – und dessen Anwendung – ist ebenso wichtig wie das Verständnis der zugrundeliegenden Anlageobjekte. Katastrophenmodelle sind unverzichtbare Instrumente für die Preisgestaltung und die Kapitalallokation, doch wie alle Modelle haben auch sie ihre Grenzen. Daher müssen Investoren beurteilen, wie Fondsmanager die Modellergebnisse interpretieren und Tail-Risiken steuern, anstatt sich allein auf die modellierten Bewertungen zu verlassen. Als Tail-Risiken werden Ereignisse mit niedriger Eintrittswahrscheinlichkeit und hohem Verlust bezeichnet.

Risikotransfer schafft Investitionsmöglichkeiten

Risikotransfer schafft attraktive Anlagemöglichkeiten, sofern das Kapital angemessen bewertet wird. Versicherungsgebundene Wertpapiere (Insurance-Linked Securities, ILS), Verbriefungen und andere Risikotransfermärkte absorbieren Katastrophenrisiken und können attraktive Renditen bieten, sofern die Preisgestaltung die erwarteten Verluste und die erforderliche Marge widerspiegelt. Gleichzeitig tragen sie dazu bei, die Widerstandsfähigkeit des gesamten Finanzsystems zu verbessern.

ILS sind ein klar definierter Mechanismus zur Übertragung von Katastrophenrisiken in die Kapitalmärkte. Sie stellen Rückversicherungskapazität auf vollständig besicherter und strukturell transparenter Basis bereit. Auslöser und Auszahlungsbedingungen sind vertraglich festgelegt, und der maximale Verlust ist durch das hinterlegte Sicherungsvermögen begrenzt. Erwarteter Verlust, Tail-Risiko und Diversifikationseffekte bestimmen den von Investoren geforderten Spread.

ILS als Anlageklasse und Systemstabilisator

Die Kapitalallokation im ILS-Markt ist stark modellgetrieben. Wenn der erwartete Verlust steigt oder die Unsicherheit zunimmt, steigen in der Regel auch die Spreads. Das System reagiert vergleichsweise schnell: Der Markt bildet neue Informationen zu Naturkatastrophen, Risikoexposure oder Modellannahmen direkt über die Preisgestaltung ab. ILS können eine stabilisierende Rolle übernehmen, da sie zusätzliche Kapazität bereitstellen, wenn der Preis stimmt. Gleichzeitig ist das Kapital opportunistisch genug, sich zurückzuziehen, wenn das Risiko-Rendite-Verhältnis nicht mehr passt. Durch die Bereitstellung von Kapital für Spitzenrisiken und die Unterstützung effizienter Preisfindung stärken ILS die Resilienz der Rückversicherungs-Risikotransferkette.

Für institutionelle Investoren bieten ILS Zugang zu einer attraktiven Risikoprämie, typischerweise mit niedriger Korrelation zu traditionellen Finanzmärkten und Konjunkturzyklen. Sie sind jedoch kein risikofreier Hafen. Investoren übernehmen Katastrophenrisiken – einschließlich Modellgrenzen, Parameterrisiken und Tail-Exposure. Genau deshalb ist die Qualität von Modellen, Daten und Risikomanagement für diese Anlageklasse zentral.

Asset-Based Finance und Investitionen in Klimaanpassung

Daneben tragen Verbriefungen und vermögenswertbasierte Finanzierungen (Asset-Based Finance, ABF) zur Bewältigung von Risiken durch Naturkatastrophen bei, indem sie Risiken auf einen breiteren Kreis von Investoren umverteilen, diversifizieren, finanzieren und bewerten, anstatt sie auf Banken, Versicherer, private Haushalte oder Staaten zu konzentrieren. Diese Anlageklasse beseitigt zwar nicht die zugrunde liegende Gefahr, kann jedoch die Fähigkeit des Systems verbessern, Schocks abzufedern und die Widerstandsfähigkeit zu stärken.

Klimaanpassung und Widerstandsfähigkeit stellen ein wachsendes strukturelles Anlagethema dar. Über den Risikotransfer hinaus können Anleger Chancen nutzen, in Infrastruktur- und Immobilienstrategien zu investieren, die widerstandsfähigere Sachwerte ermöglichen, sowie in Private-Equity-Strategien, die die Entwicklung oder den Ausbau von Anpassungstechnologien und -dienstleistungen unterstützen. Diese tragen dazu bei, die Anfälligkeit zu verringern und gleichzeitig die langfristige Wertschöpfung zu fördern.

Gesamtportfolio-Perspektive statt Anlageklassen-Fokus

Wettbewerbsvorteile entstehen zunehmend aus einem überlegenen Risikomanagement. Angesichts der sich wandelnden Risiken aus Naturkatastrophen werden erfolgreiche Anleger robuste Modellierung mit Expertenurteilen, eigenen Analysen und aktivem Portfoliomanagement kombinieren, um Chancen zu identifizieren, Abwärtsrisiken zu steuern und Kapital effektiver zu allokieren. Wir beobachten zunehmend, dass große institutionelle Anleger bei der Bewertung langfristiger struktureller Trends eine Gesamtportfolio-Perspektive (Total Portfolio Approach) einnehmen, anstatt Katastrophenrisiken nur aus der Perspektive einer einzelnen Anlageklasse zu betrachten.

Der wachsende Bedarf an Kapital zur Absorption, Finanzierung und Reduktion von Katastrophenrisiken schafft zugleich überzeugende Investitionsmöglichkeiten. Von der Bereitstellung von Kapazitäten für Katastrophenrisiken über Insurance-Linked Securities und breitere Verbriefungen bis hin zur Finanzierung widerstandsfähigerer Gebäude und Infrastrukturen oder Investitionen in Unternehmen, die Anpassungslösungen und -dienstleistungen entwickeln: Investoren können dabei auf strukturelle Renditequellen zugreifen und gleichzeitig zu einem resilienteren Finanzsystem beitragen.

Am besten positioniert, um diese Möglichkeiten zu erschließen, sind voraussichtlich Manager mit tiefem Fachwissen zu Naturgefahren und Nachhaltigkeit, einem Verständnis für lokale Marktdynamiken und Bedürfnisse sowie der nachweislichen Fähigkeit, Modelle durchdacht anzuwenden, anstatt sich ausschließlich auf sie zu verlassen.

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