Welt-Aids-Konferenz : Aids ist besiegbar, doch wir geben kurz vor der Ziellinie auf
In Rio de Janeiro startete gestern die Welt-Aids-Konferenz, die noch bis Freitag läuft. Der Rückgang bei der Finanzierung im Kampf gegen HIV/Aids gefährde die Versorgung mit Arzneimitteln und Präventionsmitteln, meint Mwelwa Phiri. Sie forscht am Institute of Tropical Medicine Antwerpen und dem sambisch-britischen Forschungsinstitut Zambart in Lusaka zu sexueller Gesundheit und HIV/Aids-Bekämpfung. Auch drohten regionale Beratungsangebote und Initiativen wegzubrechen.
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Gestern startete in Rio de Janeiro die Welt-Aids-Konferenz mit dem Anspruch, den globalen Kampf gegen HIV und Aids neu zu denken. Das Bedürfnis, die globale HIV-Hilfe umzuwälzen, ist eine nachvollziehbare Reaktion auf die sehr reale Gefahr für die Erfolge der jahrzehntelangen HIV-Hilfen durch drastisch sinkende Fördermittel.
Was viele nicht wissen: Die Bekämpfung von HIV und Aids ist eine der größten Erfolgsgeschichten der globalen Gesundheit. Seit dem Höchststand der Epidemie im Jahr 1995 ist die Zahl der Neuinfektionen um 65 Prozent gesunken und auch die Aids-bedingten Todesfälle verzeichnen einen klaren Rückgang um 57 Prozent seit 2010. Doch in diesem Jahr kommt die Welt-Aids-Konferenz mit einem klaren Warnhinweis: Wir riskieren, diesen Erfolg auf den letzten Metern zu verspielen.
Der Erfolg ist nicht zementiert
Der jüngste UNAIDS-Bericht aus dem Juni 2026 bestätigt, was viele von uns in der Praxis längst spüren: Die internationale HIV-Finanzierung ist 2025 mit 23 Prozent so stark wie nie zuvor eingebrochen. Die Folgen sind bereits messbar. In Regionen wie Osteuropa und Zentralasien oder auch im Nahen Osten stecken sich wieder mehr Menschen an. Aufgrund der Kürzungen fehlt es an Medikamenten und präventiven Maßnahmen wie Tests, Beratungen und Datenerhebungen.
Besonders betroffen sind Jugendliche und Frauen. In Subsahara-Afrika infizieren sich jede Woche rund 3000 Mädchen und junge Frauen neu. Frauen und Mädchen tragen oft die Hauptlast der Epidemie. Zugleich sind sie häufig diejenigen, die sogenannte community-basierte Programme am Laufen halten. Diese Programme basieren auf dem Engagement der betroffenen Gemeinschaften und sind essenziell, um die Bekämpfung von Aids und HIV über die Ziellinie zu bringen.
Mädchen und junge Frauen sind also besonders betroffen. Sie sind besonders engagiert. Und werden besonders im Stich gelassen, denn genau diese Initiativen brechen als Erstes weg. Eine Studie mit 79 community-geführten Organisationen zeigt einen Rückgang von Unterstützungsangeboten für Menschen mit HIV um 50 Prozent. Über 60 Prozent der von Frauen geleiteten HIV-Organisationen haben 2025 Fördergelder verloren oder mussten ihre Arbeit ganz einstellen. Hinter diesen abstrakten Zahlen stecken zig Beratungsstellen, die schließen, Aufklärungsprogramme in abgelegenen Orten, die nicht mehr stattfinden, und wertvolle Vertrauensarbeit, die verloren geht.
Hat Deutschland eine Antwort?
Der abrupte Rückzug der USA aus der internationalen Entwicklungszusammenarbeit hat maßgeblich zum Abwärtstrend in der globalen Gesundheit beigetragen. Die US-amerikanische Entwicklungsorganisation (USAID) wurde durch die Trump-Administration faktisch aufgelöst und auch PEPFAR, ein bilaterales HIV-Programm der amerikanischen Regierung, wurde stark eingekürzt. Dadurch musste das Programm einen Großteil seiner community-basierten Präventionsangebote einstellen.
Was tun Deutschland und Europa angesichts dieser verheerenden Politik? Die Antwort ist: Auch sie ziehen sich zurück. Deutschland etwa reduzierte seinen Beitrag für die Förderperiode des Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria um gut 30 Prozent. Auch das Budget des Entwicklungsministeriums wird kontinuierlich gekürzt. Laut dem Haushaltsbeschluss der Bundesregierung vom Juli 2026 muss Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan im Haushaltsjahr 2027 mit knapp 600 Millionen Euro weniger auskommen.
Ein Abbruch kurz vor dem Durchbruch?
Vor dem Hintergrund der sinkenden Mittel für die HIV-Bekämpfung und dem gleichzeitig wachsenden Bedarf wird das Argument lauter, die Regierungen der Länder mit hohen HIV-Zahlen sollten mehr Verantwortung für ihre Gesundheitssysteme übernehmen. Das ist grundsätzlich richtig und sollte immer das Ziel sein. Jedoch geht das nicht über Nacht. Es braucht eine Übergangsphase, die den Regierungen ermöglicht, ihre Lücken zu schließen. Die abrupten und drastischen Kürzungen hingegen machen das Erreichte zunichte. Wenn betroffene Regierungen ihre Haushalte in so kurzer Zeit umstellen müssen, wird dadurch in anderen wichtigen Sektoren gespart. Dennoch reagieren afrikanische Länder, wie beispielsweise die sambische Regierung, bereits auf die veränderten Förderstrukturen und passen ihre Haushalte an.
Das gilt auch für die Forschung. Weniger internationale Mittel bedeuten härtere Konkurrenz um denselben, kleineren Fördertopf zwischen Institutionen, die eigentlich an einem Strang ziehen sollten für die globale Gesundheit. Studien werden nicht mehr durchgeführt und mühsam aufgebaute Kapazitäten gehen verloren zu einem Zeitpunkt, an dem wirksame Präventionsmittel wie langwirksame Injektionen kurz vor dem Durchbruch stehen.
Was jetzt zu tun ist
Die internationale Gemeinschaft hat bewiesen, dass sich eine Epidemie wie HIV eindämmen lässt, wenn politischer Wille, wissenschaftlicher Fortschritt und verlässliche Finanzierung zusammenkommen. Wir haben das Wissen, die Medikamente und die Präventionsmittel. Was fehlt, ist die Bereitschaft, jetzt nicht nachzulassen.
Die Konferenz in Rio ist der richtige Moment für Geberländer wie Deutschland, ihre Kürzungen zu überdenken. Es ist der Moment für langfristige Zusagen, die den Kampf gegen Aids und HIV über die Ziellinie bringen. Denn wir stehen nicht am Anfang dieses Kampfes. Wir stehen kurz vor seinem Ende. Es wäre die größte Tragödie der globalen Gesundheitspolitik, ausgerechnet jetzt aufzugeben und den Kampf zu verlieren.
Dr. Mwelwa Phiri forscht am Institute of Tropical Medicine Antwerpen und dem sambisch-britischen Forschungsinstitut Zambart in Lusaka zu sexueller Gesundheit und HIV/Aids-Bekämpfung, insbesondere bei Jugendlichen.
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