Welt-Aids-Tag : Mutter-Kind-Übertragung am Wendepunkt
Die weltweiten Kürzungen bei der internationalen Gesundheitsfinanzierung treffen die HIV-Eindämmung mit voller Wucht. So seien etwa die erfolgreichen Programme zur Verhinderung von Mutter-Kind-Übertragungen in Gefahr, warnt Angela Bähr von der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung anlässlich des heutigen Welt-Aids-Tages. Es fehle der politische Wille, die erfolgreichen Maßnahmen konsequent und verlässlich zu finanzieren – und hier befinde sich auch die Bundesregierung in der Verantwortung.
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Manche Erfolgsgeschichten hält man für unumkehrbar. Die beinahe vollständige Eindämmung der HIV-Übertragung von Müttern auf ihre Kinder war eine solche Geschichte: ein globales Gesundheitsprojekt, das 2,1 Millionen Todesfälle verhinderte und 4,4 Millionen HIV-Infektionen bei Schwangeren und Kindern abwendete. Seit die globalen Programme zur Verhinderung von Mutter-Kind-Übertragungen 2010 an Fahrt aufnahmen, sanken die Neuinfektionen bei Kindern um 62 Prozent. Heute, am Welt-Aids-Tag 2025, müssen wir feststellen: Wir sind dabei, diesen hart erkämpften Fortschritt wieder zu verlieren.
Die Ursache ist kein medizinisches Versagen, sondern ein politisches: Die weltweiten Kürzungen bei der internationalen Gesundheitsfinanzierung treffen die HIV-Eindämmung mit voller Wucht. 2024 infizierten sich 1,3 Millionen Menschen neu mit HIV, fast die Hälfte davon Frauen und Mädchen. 630.000 Menschen starben an aidsbedingten Erkrankungen.
Gleichzeitig bricht die Finanzierung weg. Die Einstellung zentraler US-Programme und Einschnitte anderer Geberstaaten reißen gewaltige Lücken in nationale Prävention und Versorgung mit antiretroviralen Medikamenten. Die OECD erwartet für 2025 einen Einbruch der internationalen Gesundheitsfinanzierung um bis zu 40 Prozent im Vergleich zu 2023. Was schon heute erschütternd ist, könnte sich schon bald weiter verschärfen: UNAIDS warnt vor 3,9 Millionen zusätzlichen Neuinfektionen bis 2030. Besonders dramatisch ist die Entwicklung dort, wo der Erfolg einst am greifbarsten war: bei der Mutter-Kind-Übertragung. Wenn Schwangere frühzeitig aufgeklärt und getestet werden, Zugang zu antiretroviralen Medikamenten erhalten und während Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit eng begleitet werden, sinkt das Infektionsrisiko für Neugeborene drastisch.
Riesenproblem für Afrika
Dieses Modell funktionierte weltweit: 84 Prozent der schwangeren Frauen mit HIV hatten im Jahr 2024 Zugang zu Behandlung, um die Übertragung von HIV auf ihr Kind zu verhindern. Mentorinnenprogramme unterstützten hunderttausende Frauen medizinisch und psychosozial. Doch inzwischen haben in Afrika südlich der Sahara 450.000 Frauen den Zugang zu dieser lebensrettenden Begleitung verloren. UNAIDS prognostiziert, dass sich bis 2030 insgesamt 665.000 Neugeborene infizieren könnten, wenn die Finanzierungslücke nicht geschlossen wird.
Uganda zeigt exemplarisch, wie schnell ein System kippen kann, wenn internationale Gelder plötzlich wegbrechen. Infolge der USAID-Kürzungen sank die Zahl der Neugeborenen, die auf HIV getestet werden, deutlich. Gleichzeitig brach die frühzeitige Behandlung ein: Die Zahl der Babys, die antiretrovirale Medikamente erhalten, fiel um 46 Prozent.
Auch Gesundheitsdienste für Erwachsene brachen weg, von denen die Gesundheit ihrer Kinder abhängt. Die Nutzung von PrEP, einem hochwirksamen HIV-Präventionsmittel, sank in der ersten Hälfte des Jahres um mehr als ein Drittel, in Burundi sogar um zwei Drittel. Selbst Kondome, ein einfaches und kostengünstigstes Präventionsmittel, stehen vielerorts nicht mehr ausreichend zur Verfügung. In Nigeria hat sich die Zahl der verteilten Kondome innerhalb weniger Monate mehr als halbiert.
17 Prozent weniger HIV-Tests wurden in der ersten Hälfte dieses Jahres in Uganda durchgeführt, wodurch Menschen die Chance genommen wurde, eine lebensrettende Behandlung zu erhalten, und sich das Risiko einer Weiterverbreitung des Virus potenziert. Diese Entwicklung folgt einer simplen, unerbittlichen Logik: Steigen die Neuinfektionen bei Erwachsenen – in Subsahara-Afrika sind 63 Prozent davon Frauen und Mädchen –, steigen automatisch die Risiken für ihre Kinder.
Was fehlt, ist politischer Wille
Globale Gesundheitsfortschritte sind fragil, wenn ihre Finanzierung auf wackligen Füßen steht. Besonders hart trifft es gemeindebasierte Angebote, die aus den Communitys entstehen und für sie arbeiten – medizinisch, aber auch mit der so nötigen Sexualaufklärung. Es sind diese Strukturen, die genau jene Gruppen zuverlässig erreichen, die in staatlichen Gesundheitssystemen häufig übersehen werden – junge Frauen und Mädchen, die im Teenageralter schwanger werden. Diese konkreten und integralen Angebote gehören zu den ersten, die Kürzungen zum Opfer fallen. Damit trifft es die vulnerabelsten Gruppen zuerst.
Es wäre ein großer Fehler, diese Rückschritte als unausweichliche Folge globaler Haushaltskrisen zu betrachten. Denn das Gegenteil ist der Fall: Wir verfügen über alle nötigen Mittel, um HIV, aber auch andere sexuell übertragbare Krankheiten und unbeabsichtigte Schwangerschaften weiter einzudämmen – medizinisch, technisch und organisatorisch. Was fehlt, ist politischer Wille, diese Maßnahmen konsequent und verlässlich zu finanzieren. Die Rückkehr der Mutter-Kind-Übertragung ist keine Naturgewalt. Sie ist das Ergebnis politischer Entscheidungen.
Deutschland muss wieder verlässlich werden
Hier steht auch die Bundesregierung in der Verantwortung. Deutschland muss in der globalen HIV-Eindämmung wieder verlässlich werden. Das bedeutet:
- mehr Mittel für Prävention, Aufklärung, Tests und Behandlung
- eine verlässliche Stärkung von UNAIDS und des Globalen Fonds
- und eine Ausweitung der Förderung von Produktentwicklungspartnerschaften, die neue Medikamente und Präventionsmethoden auch für junge Frauen entwickeln.
Notwendig ist zudem ein stärkerer internationaler Schulterschluss mit Partnerländern, vor allem in Subsahara-Afrika: Debt2Health-Swaps (Schuldenumwandlungen), der Ausbau nationaler Gesundheitssysteme und innovative Finanzierungsinstrumente, die private Investitionen in integrierte Gesundheitsdienste für HIV und AIDS sowie sexuelle und reproduktive Gesundheit im Allgemeinen ermöglichen.
Angewiesen auf Notlösungen
Infolge der Kürzungen sind aktuell viele Länder darauf angewiesen, schnelle nationale Notlösungen zu finden, um die Auswirkungen auf ihre Gesundheitssysteme abzufedern. Als die Büros vieler gemeindebasierter Angebote Anfang des Jahres schließen mussten, sprang die Uganda AIDS Commission ein und stellte Räumlichkeiten bereit. Die ugandische Regierung plant, ihre Gesundheitsausgaben bis 2040 zu verdoppeln und mindestens 25 Prozent der gemeindebasierten HIV-Gesundheitsdienste aus nationalen Mitteln zu finanzieren. Nationale Verantwortung wirkt, aber sie reicht nicht aus, wenn die internationale Unterstützung so plötzlich wegbricht.
Die Geschichte der Eindämmung von HIV und Aids hat immer wieder gezeigt: Fortschritt ist möglich. Heute befinden wir uns an einem Wendepunkt: Lassen wir Frauen und Mädchen im Stich oder entscheiden wir uns für entschlossenes Handeln und verlässliche Finanzierung? Für die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung ist die Antwort klar: Wir setzen uns ein für die Eindämmung von HIV und Aids sowie für umfängliche Dienstleistungen zu Sexualaufklärung, Zugang zu Verhütungsmitteln und Familienplanung. Unerlässlich ist dabei die Selbstbestimmung für Mädchen und Frauen, die es ihnen ermöglicht, verantwortlich mit ihrem und dem Leben ihrer Kinder umzugehen. Aber wir brauchen dafür eine menschenwürdige Entwicklungspolitik, die diesen Weg mit uns geht.
Angela Bähr ist Vorständin Programme der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung.
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