Wahl der WHO-Spitze 2027 : „Es braucht Führung aus dem Maschinenraum“
Die eigentliche Wahl des neuen Nachfolgers von Tedros Ghebreyesus an der Spitze der Weltgesundheitsorganisation findet erst 2027 statt, aber bereits in diesem Jahr beginnt der Nominierungsprozess. Sascha van Beek, Berichterstatter für globale Gesundheit der Unionsfraktion, schreibt, warum der oder die nächste WHO-Generaldirektor:in aus Deutschland kommen sollte.
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Die Wahl des nächsten Generaldirektors der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird 2027 eine strategische Entscheidung. Für die Organisation. Für die globale Gesundheitsordnung. Und für Deutschlands Rolle in ihr. Als Berichterstatter für globale Gesundheit der CDU/CSU-Fraktion sage ich klar: Deutschland muss vom stillen Geldgeber zum aktiven Gestalter werden.
Deutschland gehört seit Jahren zu den größten und verlässlichsten Unterstützern der WHO. Wir finanzieren Programme. Wir tragen Reformprozesse mit. Wir investieren in Pandemieprävention, Arzneimittelsicherheit und den Kampf gegen vernachlässigte Krankheiten. Dieses Engagement ist richtig. Es liegt aber auch in unserem eigenen Interesse. Globale Gesundheitsrisiken betreffen längst nicht mehr nur Länder mit niedrigen Einkommen. Zoonosen, antimikrobielle Resistenzen und fragile Lieferketten sind direkte Risiken für hochentwickelte Volkswirtschaften wie Deutschland.
Auch Wirtschaft braucht handlungsfähige WHO
Hinzu kommen klare wirtschaftliche Interessen. Die deutsche Pharma- und Medizintechnikindustrie gehört weltweit zur Spitze. Forschung, Entwicklung und Produktion in Deutschland sind auf verlässliche internationale Standards, funktionierende Zulassungsverfahren und stabile globale Märkte angewiesen. Eine handlungsfähige WHO stärkt genau diese Rahmenbedingungen und damit den Gesundheits- und Wirtschaftsstandort Deutschland. Dieses Engagement begründet deshalb auch einen Anspruch. Wer dauerhaft Verantwortung übernimmt, muss auch Führung übernehmen. Allerdings zeigt eine aktuelle Analyse, dass Deutschland in Führungsrollen der UN-Organisationen deutlich unterrepräsentiert ist. Das steht im Widerspruch zu Deutschlands Anspruch, als zunehmend gestaltende Kraft in dieser Welt zu wirken.
Vor diesem Hintergrund sind Forderungen nach einem Rückzug oder Austritt der falsche Weg. Wer geht, überlässt anderen die Regeln. Wer kürzt, verliert Einfluss. Reformen erreicht man nicht von außen, sondern nur durch mehr Engagement, mehr Gestaltung und mehr Verantwortung von innen heraus. Gerade in einer Phase geopolitischer Verschiebungen wäre ein Rückzug Deutschlands sicherheitspolitisch, gesundheitlich und wirtschaftlich fahrlässig. Die richtige Antwort auf Defizite ist nicht Distanz, sondern Reformdruck.
Praxis, Politik und Wissenschaft zusammenführen
Der nächste WHO-Chef muss führen können. Er oder sie braucht politische Durchsetzungskraft und internationale Erfahrung aus dem operativen Feld. Die Organisation steht unter massivem Druck. Finanzielle Engpässe, Vertrauensfragen und geopolitische Spannungen prägen die Arbeit. In dieser Lage helfen keine wohlklingenden Resolutionen. Im Sinne des echten Impacts für die globale Gesundheit braucht es jetzt eine fachliche Führung aus dem Maschinenraum.
Die WHO muss wieder stärker das werden, was sie sein soll. Eine handlungsfähige normative Organisation mit klaren Prioritäten. Das gelingt nur, wenn an der Spitze Menschen stehen, die Krisen gemanagt haben, Strukturen reformieren können und wissen, wie Entscheidungen vor Ort wirken. Entweder aus der Organisation selbst oder von außen. Entscheidend sind die Fähigkeit, Praxis, Politik und Wissenschaft zusammenzuführen.
Deutschland sollte den eigenen Anspruch offen formulieren und politisch hinterlegen. Wer zu spät beginnt, überlässt anderen die Gestaltung. Wer früh Verantwortung übernimmt, kann Mehrheiten organisieren und Qualität durchsetzen. Auch wenn die eigentliche Wahl des neuen Generaldirektors erst im Jahr 2027 stattfindet, beginnt in diesem Jahr der Nominierungsprozess.
Gestalten und Vereinen
In der aktuellen Situation der WHO reicht es definitiv nicht aus, einfach einen ehemaligen Minister zu präsentieren. Die Organisation braucht keinen Titelträger, sondern einen Gestalter mit Expertise aus dem Feld, der Politik und dem UN-Umfeld. Gesucht ist Führung aus dem Maschinenraum. Menschen, die Reformen praktisch umgesetzt haben, komplexe Strukturen steuern können und wissen, wie globale Gesundheitspolitik im Alltag funktioniert. In Deutschland gibt es Persönlichkeiten mit solchen Voraussetzungen, die jetzt gebraucht werden, die auch die internationale Rückendeckung aus Ländern des globalen Südens vereinen können.
Es kursieren in Washington und Genf schon Listen potentieller Kandidaten, darunter auch Deutsche: unter anderem Dr. Karl Lauterbach und Paul Zubeil. Auch wenn das aktuell Spekulationen sein dürften, muss man konstatieren: Deutschlands Führungspotential wird gesehen, es muss nun nur diese Richtung wählen. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus Verantwortung für einen immer stärker unter Druck geratenen Multilateralismus und Vertrauensverlust. Die WHO braucht Führung. Deutschland sollte bereit sein, sie möglich zu machen.
Sascha van Beek ist Mitglied der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Gesundheitsausschuss und Umweltausschuss sowie unter anderem Berichterstatter für Globale Gesundheit.
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