Prävention : Chronische Nierenkrankheit nicht länger übersehen!
Deutschland investiert Milliarden in die Spätfolgen – aber zu wenig in die Früherkennung chronischer Nierenkrankheit (CKD). Das ist medizinisch problematisch und ökonomisch teuer, schreibt Nicole Helmbold, Generalsekretärin der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie, im Standpunkt.
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Mehr als neun Millionen Menschen in Deutschland leben mit einer chronischen Nierenkrankheit (CKD, Chronic Kidney Disease), also einer Einschränkung ihrer Nierenfunktion – viele, ohne es zu wissen. Denn die Erkrankung verursacht oft über Jahre keine Beschwerden. Wenn Symptome auftreten, ist die Niere häufig bereits irreversibel geschädigt. Viele Betroffene sind dann auf Dialyse oder eine Transplantation angewiesen. Trotzdem spielt die Niere in der deutschen Präventionspolitik bislang nur eine Nebenrolle.
Abgesehen vom menschlichen Leid sind die ökonomischen Folgen enorm. Die Versorgung von Patientinnen und Patienten mit CKD verursachte in Deutschland im Jahr 2020 Gesundheitskosten in Höhe von mehr als 24 Milliarden Euro – das waren rund fünf Prozent der Gesamtausgaben. Davon schlug die Behandlung der etwa 100.000 dialysepflichtigen Menschen mit rund sechs Milliarden Euro zu Buche. Die wirtschaftlichen Kosten der CKD steigen exponenziell mit Fortschreiten des Krankheitsstadiums.
Eine kranke Niere kommt selten allein
Hinzu kommt: Die Niere steht nicht für sich allein. Nierenkrankheiten erhöhen auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Komplikationen bei Stoffwechselstörungen wie Diabetes mellitus – und umgekehrt. Dennoch wird CKD häufig nur als Begleiterkrankung wahrgenommen. Sie ist jedoch eine eigenständige Volkskrankheit mit hoher medizinischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Relevanz.
International wächst dagegen das Problembewusstsein. Die WHO hat 2025 ausdrücklich mehr Investitionen in Prävention, Früherkennung und Therapie der CKD gefordert. Auch die OECD hat in diesem Jahr darauf hingewiesen, dass Gesundheitssysteme Erkrankungen wie die CKD früher erkennen müssen, bevor schwere Verläufe entstehen. Die Dringlichkeit steigt: Die CKD zählt weltweit bereits zu den häufigsten Todesursachen. Prognosen gehen davon aus, dass ihre Bedeutung in den kommenden Jahrzehnten weiter steigen wird.
Auch für Deutschland zeigen aktuelle Auswertungen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) eine deutliche Zunahme der Prävalenz der CKD. Diese Zunahme beträgt über den Beobachtungszeitraum von zehn Jahren alters- und geschlechtsstandardisiert 30 Prozent. Eine aktuell publizierte Studie aus Israel mit mehr als 600.000 Erwachsenen zeigt darüber hinaus, dass eine nicht erkannte CKD mit einer erhöhten Sterblichkeit, Nierenversagen sowie einem erhöhten kardiovaskulären Risiko einhergeht.
Deutschland reagiert zu zögerlich
Während für viele Volkskrankheiten strukturierte Früherkennungsprogramme existieren, ist die Niere gesundheitspolitisch ein blinder Fleck. Denn anders als noch vor wenigen Jahren gibt es heute wirksame Therapien, die das Fortschreiten der CKD deutlich verlangsamen können. Diese Therapien können ihre volle Wirkung jedoch nur entfalten, wenn die Erkrankung früh erkannt wird.
Daran scheitert es bislang häufig. Dabei wäre systematische Früherkennung vergleichsweise einfach. Zwei etablierte und kostengünstige Untersuchungen – die Bestimmung der geschätzten glomerulären Filtrationsrate (eGFR) im Blut sowie der Urin-Albumin-Kreatinin-Ratio (UACR) im Harn – ermöglichen eine frühe Diagnose mit hoher Aussagekraft.
Internationale Leitlinien empfehlen deshalb seit Jahren ein risikobasiertes Screening, insbesondere bei Menschen mit Diabetes mellitus, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Adipositas, akuter Nierenfunktionseinschränkung (AKI) oder familiärer Vorbelastung.
Nationaler Nierenplan fehlt
Doch diese Empfehlungen werden in Deutschland bislang nicht konsequent in Versorgungsstrukturen übersetzt. CKD ist weder ausreichend in Disease-Management-Programme (DMP) integriert noch systematisch Bestandteil der Gesundheitsuntersuchungen für Risikogruppen. Was fehlt, ist eine klare nationale Strategie: ein Nationaler Nierenplan, der Prävention, Früherkennung, strukturierte Versorgung und öffentliche Aufklärung zusammenführt und die Umsetzung einschließlich der Behandlungsergebnisse überwacht.
Ein solcher Plan müsste mehrere Ziele verfolgen. Erstens sollten Menschen mit erhöhtem Risiko verlässlich identifiziert und regelmäßig getestet werden. Zweitens müssten die identifizierten Patienten den richtigen Versorgungsebenen zugeordnet werden. Drittens braucht es eine bessere öffentliche Aufklärung. Viele Menschen wissen nicht, wie man die Nieren schützt: Sie kennen ihre Blutdruck- oder Blutzuckerwerte, aber kaum jemand weiß, welche Werte Auskunft über die Nierengesundheit geben.
Prävention entlastet das Gesundheitssystem
Prävention kostet Geld – unterlassene Prävention ist jedoch deutlich teurer. Die Behandlung eines Nierenversagens ist nicht nur belastend für die Betroffenen, sondern auch erheblich kostspieliger als frühe Interventionen. Gesundheitspolitik darf deshalb Prävention nicht länger als freiwillige Zusatzleistung betrachten. Sie ist eine Investition in die Stabilität des Gesundheitssystems.
Die CKD zeigt exemplarisch, wo die deutsche Präventionspolitik an ihre Grenzen stößt: Erkrankungen, die lange unauffällig verlaufen, erhalten oft erst Aufmerksamkeit, wenn irreversible Schäden entstanden sind. Dabei wäre gerade hier frühzeitiges Handeln besonders wirksam. Eine moderne Präventionspolitik darf sich nicht erst um die Nieren kümmern, wenn sie versagen.
Nicole Helmbold ist Generalsekretärin der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN).
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