Gesundheitsdaten als Standortfaktor : Deutschland muss seine Chance ergreifen
Gesundheitsdaten sind kein Randthema. Sie sind Gesundheits-, Forschungs- und Wirtschaftspolitik zugleich. Wenn wir jetzt entschlossen handeln, kann Deutschland eine führende Rolle in der datengetriebenen Medizin übernehmen, schreibt Matthias Hiller, Mitglied im Gesundheitsausschuss und Berichterstatter für Gesundheitswirtschaft, im Standpunkt.
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Deutschland gehört bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens bisher zu den Schlusslichtern im OECD-Vergleich. Das ist kein Schönheitsfehler. Es ist ein strukturelles Problem – mit direkten Folgen für die Versorgung, aber auch für unsere Wettbewerbsfähigkeit.
Dabei steht viel auf dem Spiel. Die Gesundheitswirtschaft ist eine tragende Säule für unser Land als Industrie- und Forschungsstandort. Sie steht für Erfindungsgeist, Exportstärke und Arbeitsplätze. Doch Innovationen entstehen längst nicht mehr allein im Labor, sondern auch aus Daten. Gesundheitsdaten sind der Schlüssel zu präziser Diagnostik, personalisierten Therapien und wirksamer Prävention. Sie ermöglichen bessere Entscheidungen in der Versorgung und beschleunigen medizinischen Fortschritt.
Weltweit eine neue Phase der Wertschöpfung
Eine leistungsfähige Telematikinfrastruktur und die elektronische Patientenakte sind deshalb keine technischen Details, sondern die Voraussetzung für ein funktionierendes, modernes Gesundheitssystem – und zusammen mit unserem hohen Versicherungsstand auch unsere große Chance. Doch genau hier offenbart sich das Problem. Die Einführung der elektronischen Patientenakte wurde 2003 beschlossen. Mehr als zwanzig Jahre später wird sie erst ansatzweise genutzt – und selbst das nur halbherzig.
Gleichzeitig entsteht weltweit eine neue Phase der Wertschöpfung, die ich als Gesundheitsdatenökonomie bezeichne. Es geht nicht mehr nur um Digitalisierung, sondern um die gezielte Nutzung von Daten für Innovation, Wachstum und Versorgung im Gesundheitsbereich. Es geht darum, wo die medizinischen Durchbrüche der Zukunft entstehen – und wo nicht.
Die Weiterentwicklung der Digitalisierungsstrategie des Bundesministeriums für Gesundheit setzt ein klares Zielbild: ein vernetztes, datengetriebenes Gesundheitssystem, in dem digitale Anwendungen nicht nebeneinander existieren, sondern integraler Bestandteil der Versorgung sind. Der Anspruch dieser Strategie ist richtig. Entscheidend wird jedoch sein, ob und wie er umgesetzt wird.
Vom digitalen Archiv zum Steuerungsinstrument
Durch das sich bereits im parlamentarischen Verfahren befindende Medizinregistergesetz werden wir die systematische Nutzung von Registerdaten ermöglichen. Hochwertige Gesundheitsdaten bleiben nicht mehr isoliert, sondern können zu besseren Erkenntnissen, mehr Patientensicherheit und einer wirksameren Versorgung beitragen.
Und durch das kürzlich vom Kabinett beschlossenen Gesetz für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen liegt ein Instrument auf dem Tisch, dass das Potential hat, unser Gesundheitsdatensystem grundlegend zu verändern. Es kann die Voraussetzungen für die datenschutzkonforme Weiternutzung von Gesundheitsdaten aus dem gesamten Gesundheitswesen schaffen. Aus einem fragmentierten Nebeneinander würde ein vernetztes, datenbasiertes System entstehen. Die elektronische Patientenakte würde vom digitalen Archiv zum Steuerungsinstrument.
Darin liegt die eigentliche Sprengkraft: Für die Versorgung, also für jeden Einzelnen, aber auch für unsere Wirtschaft. Aus Daten werden Erkenntnisse, aus Erkenntnissen Innovationen, aus Innovationen Wertschöpfung. Wer diesen Kreislauf organisiert, gestaltet die Zukunft der Medizin – und sichert wirtschaftliche Stärke.
Vertrauen entsteht durch klare Regeln
Dieses Potential müssen wir nutzen. Wir müssen die Verfügbarkeit von Gesundheitsdaten, für deren Verwendung es in der Bevölkerung eine Mehrheit gibt, mit unseren Sicherheitsbedürfnis in Einklang bringen. Gesundheitsdaten sind sensibel. Vertrauen ist unverzichtbar. Aber Vertrauen entsteht nicht durch Stillstand, sondern durch klare Regeln, Transparenz und eine funktionierende Infrastruktur. Die eigentliche Frage lautet längst nicht mehr, ob Gesundheitsdaten erhoben und genutzt werden. Die entscheidende Frage lautet: unter welchen Regeln und in wessen Verantwortung teilen wir unsere Daten?
Meine Überzeugung ist klar: Wenn wir unsere Gesundheitsdaten zur Verfügung stellen, dann bei uns – in Deutschland und der Europäischen Union. In einer Infrastruktur, die demokratisch kontrolliert wird, höchsten Datenschutzstandards unterliegt und deren Ziel bessere Medizin, bessere Forschung und eine starke heimische Wirtschaft ist. Deutschland muss für die Nutzung von Daten Vorreiter sein, nicht Getriebener.
Dafür braucht es klare politische Entscheidungen. Dafür braucht es sektorenübergreifende Zusammenarbeit, bei Infrastruktur, beim Bürokratieabbau, beim Datenschutz. Dafür müssen wir die Bevölkerung mitnehmen. Dafür müssen wir den enormen Mehrwert deutlich machen.
Datenbasierte Zukunft
Gesundheitsdaten sind kein Randthema. Sie sind Gesundheits-, Forschungs- und Wirtschaftspolitik zugleich. Wenn wir jetzt entschlossen handeln, kann unser Land eine führende Rolle in der datengetriebenen Medizin übernehmen. Wenn nicht, werden andere diese Rolle ausfüllen.
Die Medizin und die Versorgung der Zukunft werden in erheblichem Maße datenbasiert funktionieren. Die Frage ist nur, ob wir dabei mitgestalten – oder nur noch anwenden.
Deutschland hat die Chance, vorne mitzuspielen. Dafür muss die Digitalisierungsstrategie ein Erfolg werden. Noch eine Chance werden wir vielleicht nicht bekommen.
Professor Dr. Matthias Hiller ist Mitglied für die Unions-Fraktion im Gesundheits- und Finanzausschuss des Bundestags sowie Berichterstatter der CDU/CSU-Arbeitsgruppe Gesundheit für das Thema Gesundheitswirtschaft.
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