Entlastungs- und Einsparpotenzial : Das Rezept gegen den Pflegenotstand heißt „Healthy Living“
Gesundheitsförderndes Wohnen kann das Gesundheitssystem entlasten – doch während die Bevölkerung laut einer aktuellen Studie aufgeschlossen ist, unterschätzt die Politik das Potenzial massiv, schreiben Thomas Solbach, Partner bei Strategy& Deutschland und Michael Ey, Global Health Services Leader bei PwC Deutschland, im Standpunkt. Die richtigen regulatorischen Hebel seien kostenneutral, würden aber Milliarden-Sparpotenzial bieten.
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Die Gesundheitsversorgung steht vor dem Kollaps: Pflegenotstand, demografischer Wandel und explodierende Kosten stellen Deutschlands Gesundheitssystem vor enorme Herausforderungen. Schon heute fehlen Tausende Pflegekräfte sowie Ärztinnen und Ärzte – und die Lücke wächst mit jedem Jahr. Gleichzeitig wird 2035 laut einer Prognose des Statistischen Bundesamts bereits jeder vierte Bürger älter als 67 Jahre sein. Unser traditionelles Modell, in dem die Gesundheitsversorgung von Einrichtungen wie Krankenhäusern und Pflegeheimen übernommen wird, ist an seine Grenzen gestoßen – und kann diese Last nicht länger tragen.
Dabei liegt der Schlüssel zur Entlastung in den eigenen vier Wänden: „Healthy Living“ – gesundheitsförderndes Wohnen – ist weit mehr als ein neuer Lifestyle-Trend. Es hat das Potenzial, zu einer zentralen Säule der künftigen Gesundheitsversorgung zu werden. Gemeint ist die systematische Verlagerung von Prävention, Gesundheitsförderung und Pflege in das Wohnumfeld der Menschen.
Lösungen gibt es bereits
Smarte Beleuchtung, die sich an den Biorhythmus anpasst; Sensoren, die Sturzrisiken erkennen; intelligente Medikamentenspender, die die Therapietreue sichern; ergonomische Wohnraumgestaltung, die autonome Mobilität bis ins hohe Alter ermöglicht – all diese Lösungen existieren bereits. Und sie leisten mehr als nur Komfort: Wer kontinuierlich Gesundheitsdaten aus dem eigenen Zuhause gewinnt – selbstverständlich auf Basis freiwilliger Entscheidung der Bewohnerinnen und Bewohner –, schafft die Grundlage für echte Prävention und personalisierte Therapie. Nicht das reaktive Behandeln von Krankheiten, sondern das proaktive Erkennen von Risiken und das individuelle Anpassen von Maßnahmen: Das ist der eigentliche Mehrwert von „Healthy Living".
Bei allen Debatten rund um das Gesundheitssystem fliegt „Healthy Living" noch viel zu tief unter dem Radar. Gesundheits- und altersgerechte Wohnkonzepte werden seitens der Politik massiv unterschätzt. Die Bevölkerung hingegen ist bereits aufgeschlossen: Laut der aktuellen PwC-Studie „Healthy Living“, einer repräsentativen Befragung unter 4000 Verbraucherinnen und Verbrauchern aus den USA, Großbritannien, Deutschland und Japan, interessieren sich 92 Prozent für „Healthy Living“-Konzepte. 78 Prozent wollen im Alter zu Hause oder in Wohngemeinschaften leben – nicht im Pflegeheim. Unsere Gesundheitsversorgung und das Wohnumfeld müssen in Zukunft auf dieses Verbraucherbedürfnis abgestimmt sein.
Drei Hebel, die nichts kosten – aber Milliarden sparen
Gefragt, wohin zusätzliche staatliche Mittel für den Wohnungsbau fließen sollten, präferieren 44 Prozent Investitionen in „Healthy Living“-Konzepte. Hinzu kommt: 67 Prozent der Befragten geben an, dass staatliche Förderung ihre Bereitschaft, „Healthy Living“-Lösungen zu nutzen, erheblich steigern würde. Im Schnitt wären Verbraucherinnen und Verbraucher bereit, 120 Euro pro Monat mehr für Wohnraum zu zahlen, der ihre Gesundheit fördert. Das Marktpotenzial ist entsprechend erheblich: Allein in Deutschland beläuft es sich auf rund 266 Milliarden Euro jährlich – global auf 2,38 Billionen US-Dollar. Das ist kein Nischenthema. Die Nachfrage ist da. Jetzt müssen die Akteure im Gesundheits- und Wohnungsökosystem vorangehen und kundenzentrierte Lösungen entwickeln – flankiert von einer Politik, die regulatorische Hürden schrittweise abbaut und damit den Wandel beschleunigt.
In Zeiten knapper Haushalte ist jede Forderung nach mehr Geld gewiss unrealistisch. Umso wichtiger ist es, die richtigen regulatorischen Hebel zu betätigen, die kostenneutral sind oder sich selbst refinanzieren:
- „Healthy Living“-Standards in den Bauordnungen verankern: So wie das Gebäudeenergiegesetz Mindeststandards für Energieeffizienz setzt, braucht Deutschland verbindliche Anforderungen für gesundheitsförderndes und altersgerechtes Bauen im Neubau. Nur zwei Prozent des deutschen Wohnungsbestands sind heute barrierefrei – das ist völlig unzureichend angesichts der demografischen Entwicklung.
- Prävention im Wohnumfeld als Kassenleistung anerkennen: Ein Haltegriff ist günstiger als eine Hüft-OP, ein Sturzsensor billiger als ein Pflegeheimplatz. Die Präventionsparagrafen des SGB V müssen um wohnraumbezogene Maßnahmen erweitert werden – von Sturzprävention durch Sensorik bis zur digitalen Gesundheitsüberwachung. Was heute als Komfort gilt, ist in Wahrheit Kostenprävention.
- Bestehende KfW-Förderung modernisieren: Das Programm „Altersgerecht Umbauen“ muss um digitale „Healthy Living“-Komponenten erweitert werden: smarte Luftqualitätssysteme, Gesundheitssensorik, adaptive Beleuchtung. Es braucht keine neuen Fördertöpfe – nur die Anpassung bestehender Instrumente an die Realität des 21. Jahrhunderts.
Fazit: Wer jetzt handelt, spart morgen Milliarden
Bundes- und Landespolitik müssen „Healthy Living“ jetzt wie den Klimaschutz und die Energieeffizienz beim Neubau auf die Förderagenda setzen. Aber um die größte Krise unseres Gesundheitssystems nachhaltig lösen zu können, darf „Healthy Living“ kein Premiumprodukt bleiben. Es muss für alle zugänglich sein. Das gelingt nur, wenn Akteure aus Immobilienwirtschaft, Gesundheitsversorgung, Technologie und Versicherung über ihre traditionellen Grenzen hinaus zusammenarbeiten – und dabei neue Geschäftsmodelle entwickeln, die Prävention, Wohnen und Pflege intelligent verbinden. Klar ist: Wer jetzt die Weichen stellt, investiert nicht bloß in einen Trend, sondern in die Zukunftsfähigkeit unseres Gesundheitssystems.
Thomas Solbach ist Partner bei Strategy& Deutschland und Michael Ey ist Global Health Services Leader und Partner, PwC Deutschland.
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