World Health Summit : Die globale Gesundheitslandschaft wird nie mehr dieselbe sein – und das ist gut so
Eine fundamentale Strukturreform für unser multilaterales System der globalen Gesundheit braucht es nach Ansicht von Axel Pries, Präsident des World Health Summit. Das Recht auf Gesundheit, Fairness, regelbasierte Partnerschaft stehen dabei nicht im Widerspruch zu berechtigten nationalen Interessen und dem Prinzip des Wettbewerbs, ist er überzeugt.
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Radikale Veränderungen im Bereich der Entwicklungs- und Hilfszusammenarbeit zwingen den gesamten globalen Gesundheitssektor, längst überfällige Anpassungen vorzunehmen und festgefahrene Gewohnheiten bei der Beantwortung der anspruchsvollen Frage abzulegen: Wie gestalten wir ein neues globales Gesundheitssystem, das effektiv, widerstandsfähig und gerecht ist?
2025 entwickelt sich zu einem Jahr beispielloser Umbrüche und politischer Turbulenzen für den globalen Gesundheits- und internationalen Entwicklungssektor. Es ist ein Jahr, das über Jahrzehnte entwickelte Paradigmen infrage stellt. Auslöser für diesen Wandel ist größtenteils die Entscheidung der Trump-Regierung, dass sich die Vereinigten Staaten (USA) aus der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zurückziehen, obwohl die USA vor 77 Jahren sowohl an ihrer Gründung beteiligt als auch seitdem ihr größter Geldgeber waren.
Die US-Regierung hat außerdem wichtige Entwicklungs- und humanitäre Hilfen gestrichen, was zu enormen Herausforderungen und einer erhöhten Sterblichkeit in vielen der am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen weltweit führt. Obwohl die Diskussion derzeit durch Entscheidungen der neuen Regierung in den USA im humanitären und entwicklungspolitischen Sektor dominiert wird, hat sich die Krise bereits 2024 abgezeichnet, als Frankreich, Deutschland, das Vereinigte Königreich und die USA ihre offiziellen Entwicklungshilfen erheblich kürzten.
Um ein globales Gesundheitssystem erfolgreich neu zu gestalten, darf kein Stein auf dem anderen bleiben. Wir müssen definieren, was beibehalten, verbessert und was grundlegend geändert werden muss. Entweder finden wir gemeinsam die Kraft für Reformen und Veränderungen, oder wir lassen unser multilaterales System in die Bedeutungslosigkeit abgleiten. Vier Punkte sind meiner Meinung nach in dieser Diskussion von zentraler Bedeutung:
1.) Ein multilaterales, regelbasiertes System bewahren
Die derzeitige globale Gesundheitsarchitektur spiegelt die Machtverteilung nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem starken Nord-Süd-Gefälle wider. Sie basiert jedoch auch auf der Überzeugung, dass ein multilaterales System mit fundamentalen gemeinsamen Werten und Zielen unverzichtbar ist, um die Welt für alle sicherer und gesunder zu machen. Die dringendsten Herausforderungen unserer Zeit, wie, z. B. die Klimakrise, Arzneimittelresistenzen und globale Gefährdungen für die psychische Gesundheit können nicht von einem einzelnen Land oder einem einzelnen Sektor allein bewältigt werden. Multinationale und sektorübergreifende Maßnahmen haben in den letzten Jahrzehnten zu historischen Erfolgen im Bereich „Gesundheit und Wohlergehen“ auf globaler Ebene geführt – dem Ziel Nr. 3 der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goal 3). Das beweist, dass nationale Interessen sehr oft am besten durch multinationale Ansätze bedient werden. Wir müssen also die multilateralen, regelbasierten und humanitären Grundlagen der Vereinten Nationen schützen.
Multilaterale Zusammenarbeit ist kompliziert und mühsam – aber es gibt keine Alternative dazu, sich zusammenzusetzen und gemeinsam Lösungen zu finden. Wenn wir dies aufgeben, verlieren alle. Angesichts des zunehmenden Nationalismus stehen Regierungen, aber auch die Wissenschaft, die Industrie und gesellschaftliche Kräfte in der Verantwortung, das multilaterale System zu schützen und zu stärken – und es grundlegend zu erneuern, damit es (noch) effektiver und verlässlicher funktioniert.
2.) Das globale Gesundheitssystem 2.0 entwickeln
Wir sprechen hier nicht von kosmetischen Änderungen, wir brauchen eine fundamentale Strukturreform für unser multilaterales System der globalen Gesundheit. In diesem Prozess müssen wir klarstellen, dass die Einhaltung gemeinsam definierter Grundsätze – das heißt das Recht auf Gesundheit, Fairness, regelbasierte Partnerschaft – nicht im Widerspruch zu berechtigten nationalen Interessen und dem Prinzip des Wettbewerbs steht. Tatsächlich wird nur die angemessene Berücksichtigung solcher Interessen einen neuen Deal für die globale Gesundheit fair und stabil machen.
Die neue globale Gesundheitsarchitektur muss
- Die Rolle und Eigeninitiative des Globalen Südens stärken
- Das Geber-Empfänger-Paradigma durch echte Partnerschaften ersetzen
- Regionale Besonderheiten und Ansätze berücksichtigen
- Strukturen neu definieren und vereinfachen, um Effektivität, Transparenz, Robustheit und Flexibilität zu steigern.
3.) Die finanzielle Verantwortung verteilen
Alle Länder haben ein vitales Interesse an Gesundheit und damit auch an dem multilateralen System, das zu ihrer Verbesserung erforderlich ist. Die wirtschaftliche Kraft der Länder und Regionen unterscheidet sich jedoch erheblich, und nicht alle können in gleichem Maße finanziell beitragen. Aber ein System, das übermäßig von einem einzelnen Geber, wie den USA, abhängig ist, war noch nie nachhaltig oder fair, da außerordentlich hohe Beiträge in der Regel auch einem außerordentlich hohen Einfluss einhergehen.
Daher müssen wir Beiträge aller Nationen und Interessengruppen entsprechend ihrer tatsächlichen Wirtschaftskraft, die sich in vielen Regionen der Welt sehr dynamisch entwickelt, erreichen. Die Kürzungen der US-Regierung sind einschüchternd – allein im Jahr 2025 sollen die Entwicklungshilfeleistungen für den Gesundheitsbereich um 9 Milliarden US-Dollar gekürzt werden – doch im Vergleich zu den Haushalten der großen Volkswirtschaften und insbesondere zu ihren Verteidigungsausgaben sind diese Summen immer noch relativ gering. Jeder muss sich bewusst sein, dass man „mitzahlen muss, um mitreden zu können“ – oder man muss auf eine andere Weise relevante Beiträge leisten.
Dieses Prinzip and diese Verantwortung gilt für alle Beteiligten. Allzu oft liegt der Fokus ausschließlich auf den Regierungen und dem öffentlichen Sektor, obwohl auch große multinationale Unternehmen und Stiftungen eine entscheidende Rolle im Gesundheitswesen spielen. Wir müssen sicherstellen, dass alle Sektoren zusammenkommen und gemeinsame Lösungen entwickeln.
4.) Die Kommunikation für globale Gesundheit ehrlich machen
Es gibt eine auffällige Diskrepanz: Alle möchten gesund sein – aber Investitionen in die globale Gesundheit werden mit großer Skepsis betrachtet. Die Gesundheit der Bevölkerung liegt in unser aller wirtschaftlichem Interesse. Sich für Gesundheit, auch global, zu engagieren, ist nicht nur eine humanitäre Pflicht, sondern eine strategische Investition. Jeder Dollar, der für Prävention und Heilung ausgegeben wird, senkt die zukünftigen Gesundheitskosten, macht Gesellschaften widerstandsfähiger und stärkt das langfristige Wachstum. Gesundheit ist die Grundlage für den Wohlstand von Nationen und Individuen. Das müssen wir vermitteln.
Veränderungen sind nie einfach. Aber eines ist klar: Wir müssen diesen herausfordernden Moment als Chance nutzen, um die globale Gesundheitslandschaft zu reformieren. Der bevorstehende World Health Summit in Berlin vom 12. bis 14. Oktober 2025 bietet eine einzigartige Gelegenheit, etwas zu bewegen.
Axel Radlach Pries ist seit 2021 Präsident des World Health Summit. Außerdem war der Mediziner unter anderem von 2015 bis Ende 2022 Dekan und Mitglied des Vorstands der Charité – Universitätsmedizin Berlin.
Dieser Meinungsartikel wurde ursprünglich in Devex veröffentlicht.
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