US-Zölle und MFN-Arzneimittelpreise : Folgen für Deutschland als Pharmastandort
Das transatlantische Handelsumfeld hat sich für die Pharmaindustrie unter der aktuellen US-Regierung deutlich verschärft. Diese Entwicklungen könnten Konsequenzen für Patienten und Patientinnen in Deutschland und Europa haben, wenn die Region sich nicht aktiv im globalen Wettbewerb behauptet, schreibt der Pharmarechtsanwalt Martin Altschwager.
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Über Jahrzehnte hinweg war der Handel mit innovativen Arzneimitteln von Zöllen ausgenommen. Zölle gelten allgemein als Handelshemmnisse, die letztlich den Zugang der Patienten und Patientinnen zu neuen Therapien erschweren können. Auf dieser Grundlage hat die Pharmaindustrie komplexe, globale Produktions- und Lieferketten aufgebaut, um Medikamente möglichst effizient herzustellen.
Diese Basis wird nun durch neue US-Zölle auf innovative Arzneimittel erschüttert. Nach einer Vereinbarung zwischen US-Präsident Trump und EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen im Juli werden Exporte von innovativen, patentgeschützten Arzneimitteln aus der EU in die USA mit einem Zollsatz von 15 Prozent belegt. Andere Handelspartner ohne vergleichbare Abkommen könnten sogar mit noch höheren Zöllen konfrontiert werden. Laut einer Erklärung von Präsident Trump am 26. September 2025 könnten solche Importe mit Zöllen von bis zu 100 Prozent belegt werden – es sei denn, das Pharmaunternehmen investiert in US-basierte Produktion. Parallel dazu läuft eine Section-232-Handelsuntersuchung, die Zölle auf Arzneimittelimporte aus Gründen der nationalen Sicherheit rechtfertigen könnte.
Wie die Preise in den USA sinken sollen
Diese Maßnahmen sollen Pharmahersteller dazu bewegen, ihre Produktionskapazitäten in den USA auszubauen oder neu zu errichten. Zusätzlich hat die US-Arzneimittelbehörde FDA regulatorische Unterstützung angekündigt, um den Bau neuer Pharmastandorte in den USA zu erleichtern.
Gleichzeitig hat die US-Regierung signalisiert, die traditionell hohen Arzneimittelpreise deutlich senken zu wollen. Ein zentrales Element ist die sogenannte „Most-Favored-Nation“-Preisregelung (MFN), die per Executive Order am 12. Mai 2025 angekündigt wurde. Demnach sollen US-Arzneimittelpreise an die niedrigsten Preise anderer Industrieländer angepasst werden. Um Preisaufschläge entlang der Lieferkette zu vermeiden, soll eine Direktvertriebsplattform namens TrumpRx.org entstehen, über die US-Patienten und Patientinnen Medikamente zu MFN-Preisen erwerben können.
Zusammengefasst konzentriert sich die US-Pharmapolitik darauf, dass innovative, patentgeschützte Arzneimittel im Inland produziert werden und nicht teurer sind als in anderen Industrieländern.
Wie Pharma- und Biotechunternehmen reagieren
Forschungsbasierte Pharma- und Biotechunternehmen können diese Entwicklungen nicht ignorieren. Die USA bleiben der größte und wichtigste Pharmamarkt weltweit und sind meist unverzichtbar, um die enormen Kosten für die Entwicklung neuer Medikamente zu refinanzieren.
Unternehmen müssen daher ihre strategische Planung überdenken. Neue Investitionen in die US-Arzneimittelproduktion können die Belastung durch Zölle und Preisdruck verringern, erfordern aber erhebliche Kapitalmittel, interne Ressourcen und eine Umstrukturierung bestehender Lieferketten. Große Pharmakonzerne können dies oft eigenständig bewältigen; einige haben bereits milliardenschwere Investitionen in den USA angekündigt.
Kleinere Hersteller und Biotechs stehen jedoch vor größeren Herausforderungen. In solchen Fällen müssen Transaktionen, Lizenzvereinbarungen und Partnerschaften mit US-Unternehmen erwogen werden, um die Auswirkungen auf ihre Produktportfolios abzufedern.
Neue unternehmerische Entscheidungen
Die MFN-Preisregelung wird beeinflussen, wie Unternehmen die Markteinführung und Preisgestaltung von Arzneimitteln in verschiedenen Märkten planen. Wenn US-Preise an die Preise anderer Länder gekoppelt sind, könnten Pharmaunternehmen gezwungen sein, geringere US-Einnahmen durch höhere Preise in anderen Märkten auszugleichen, um die F&E-Kosten zu decken.
Diese sich wandelnde Politiklandschaft zwingt Unternehmen dazu, neue Entscheidungen darüber zu treffen, wo und wie Forschung, Entwicklung, Produktion und Vermarktung innovativer Arzneimittel künftig stattfinden sollen. Diese Entscheidungen werden bereits getroffen.
Stärkung Europas als Pharmastandort
Deutschland und die Europäische Union müssen nun in diesem zunehmend wettbewerbsintensiven Umfeld für Pharma-Investitionen und den Zugang zu innovativen Arzneimitteln Schritt halten. Mehrere Vorschläge zur Stärkung Europas als Pharmastandort liegen bereits auf dem Tisch:
- Die Überarbeitung der EU-Arzneimittelgesetzgebung („Pharma Package“), deren große Revision in diesem Halbjahr zwischen Rat, Parlament und Kommission abschließend verhandelt wird, muss Innovation belohnen, indem die Schutzfristen für geistiges Eigentum erhalten oder gestärkt werden.
- Die Nutzung von Gesundheitsdaten muss EU-weit erleichtert werden, um KI-basierte Forschung mit vorhandenen Daten zu ermöglichen und die Gesundheitsversorgung zu verbessern. Der Datenschutz darf nicht länger durch uneinheitliche nationale Gesetze und Verwaltungspraktiken fragmentiert werden.
- Vorgaben für klinische Studien, Arzneimittelzulassungen und Health Technology Assessments (HTA) müssen harmonisiert werden, um unnötige Kosten und Verzögerungen beim Marktzugang in den Mitgliedstaaten zu vermeiden.
- Erstattungspreise müssen pharmazeutische Innovation angemessen und fair vergüten, und die Erstattungsverfahren müssen stabil und vorhersehbar sein. Planbare Erstattungsprozesse sind zentral für langfristige Investitionsentscheidungen.
Wettbewerbsfähig bleiben
Deutschland und Europa sind in diesem globalen Umfeld gut positioniert. Das europäische Forschungsklima hat zuletzt für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen an Attraktivität gewonnen, und verlässliche, rechtssichere Rahmenbedingungen sind ein wertvolles Gut.
Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen Deutschland und die EU jetzt eine ambitionierte politische Agenda umsetzen, die Innovation durch faire Vergütung belohnt, unnötige Bürokratie abbaut und Investitionen durch verbesserte und vereinfachte Bedingungen anzieht. Nur so kann der Pharmasektor in Deutschland und Europa stark bleiben und sicherstellen, dass Patienten und Patientinnen weiterhin von einem zeitnahen Zugang zu innovativen Arzneimitteln profitieren.
Dr. Martin Altschwager ist Partner und Mitglied der Praxisgruppe Pharmazeutika und Gesundheitswesen von Baker McKenzie in Frankfurt.
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