Prävention : Für eine wirksame Strategie ist kaum noch Zeit
Das Präventionsgesetz ist überholt und braucht eine Generalüberholung, fordert Timm Genett, Politikchef beim Verband der Privaten Krankenversicherungen. Deutschland drohe gerade den Wettlauf gegen die Zeit in einer alternden Gesellschaft zu verlieren.
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Prävention ist eine Investition in die Zukunft. Sie schafft nicht nur individuelle Lebensqualität, sondern schont zugleich die knappen finanziellen und personellen Ressourcen im Gesundheitssystem. Ein strategischer Pfad zu diesem Zielbild ist allerdings auch nach zehn Jahren Präventionsgesetz nicht erkennbar. Machen wir so weiter, werden wir unsere Ziele nicht erreichen. Deshalb brauchen wir jetzt zwingend ein neues Präventionsgesetz, das eine klare Richtung vorgibt.
Mit der neuen Legislaturperiode setzt in Deutschland demografisch zugleich ein akuter Alterungsprozess ein: Zwischen 2025 und 2035 erreicht die „Babyboomer-Generation“ das Rentenalter. Damit wird sich die Schere zwischen Ausgaben und Einnahmen der Gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung in beiden Dimensionen vergrößern. Zugleich wird der medizinische und pflegerische Behandlungsbedarf zunehmen – bei gleichzeitig knapper werdenden personellen Ressourcen für die Versorgung selbst.
Überfällig: eine Präventionsstrategie, die den Namen verdient
Prävention und Gesundheitsförderung könnten ein Korrektiv dieser Entwicklung sein. Derzeit drohen wir indes den Wettlauf mit der Zeit in einer alternden Gesellschaft zu verlieren: Nicht nur die Zahl der Pflegefälle nimmt dynamisch zu, auch die Pflegezeiten bei den Hochbetagten verlängern sich. Zugleich beobachten wir bereits in den mittleren Lebensjahren einen Anstieg der chronischen Krankheiten. Und schon bei Kindern und Jugendlichen sind Bewegungsarmut, Übergewicht und Suchtgefährdung als Risikofaktoren für spätere Erkrankungen im internationalen Vergleich überproportional zu verzeichnen.
Von jung bis alt gründen die Ursachen von Krankheit häufig in gesundheitsschädlichen Lebensstilen. Zehn Jahre nach Verabschiedung des Präventionsgesetzes müssen wir leider feststellen: Von einer flächendeckend wirksamen Präventionsstrategie mit messbaren Public-Health-Effekten sind wir derzeit noch weit entfernt.
Erster Schritt für die Bundesregierung sollte es sein, mit allen Beteiligten eine schonungslose Bilanz des Präventionsgesetzes zu ziehen. Was hat sich erfolgreich bewährt und könnte flächendeckend ausgebaut werden? Welche Ansätze sind ineffizient? Wie kommen wir zu skalierbaren Lösungen, um trotz knapper finanzieller und personeller Ressourcen unseren Rückstand zügig aufzuholen?
Verbindlicher Rahmen nötig
Der Bundesgesetzgeber kann in der Prävention nicht „durchregieren“, aber er kann den Handlungsrahmen zum Nutzen aller Akteure gestalten. Er kann die viel beschworene, aber defizitäre Zusammenarbeit fördern, indem er Transparenz bei den vorhandenen qualitätsgesicherten Präventionsangeboten schafft, insbesondere der Gesundheitsförderung in Lebenswelten, die doch so viel Potenzial hat, benachteiligte Zielgruppen in sozialen Brennpunkten zu erreichen. Gerade hier aber entstehen zu viele unabgestimmte Parallelprogramme mit unterschiedlichen Qualitätsstandards und meist nur kurzfristiger Finanzierung. Schon das Finden und Auswählen geeigneter Angebote überfordert Präventionsakteure in den Kommunen.
Ein Instrument für mehr Transparenz und Qualität wäre eine zentrale digitale Informations- und Interaktions-Infrastruktur auf Bundesebene. Diese könnte praxiserprobte Programme funktional integrieren und für Präventionsverantwortliche zugänglich machen – inklusive den notwendigen digitalen Beratungs- und Schulungsinstrumenten sowie unter Beachtung von Datenschutz und Barrierefreiheit. Soweit der Bund die Finanzierung von Programmen normieren kann, sollte er diese an Kriterien der Transparenz, Qualitätssicherung und Evaluation sowie der Kooperationsoffenheit, Skalierbarkeit und Verstetigung knüpfen.
Komponenten einer ganzheitlichen Präventionsstrategie
Neben verbindlicheren Rahmenbedingungen für die Lebensweltenprävention sollte die Bundesregierung eine ganzheitliche Präventionsstrategie verfolgen, die folgenden Leitmotiven Rechnung trägt.
- „Health in All Policies“, das heißt die Verantwortung aller Ressorts für gesundheitsförderliche Lebensbedingungen.
- Eine Verhältnisprävention, die die Gesundheitskompetenz von Menschen in prekären Lebenslagen fördert.
- Eine wirksamere Individualprävention im Bereich der Gesetzlichen und Privaten Krankenversicherung, von der sowohl der Einzelne als auch das Kollektiv profitiert.
- Prävention in der medizinischen und pflegerischen Versorgung: Hier ist der Zugang zu Risikogruppen besonders gut, wird aber in der Regel nur kurativ und zu selten für frühzeitige Beratung zum Lebensstil und krankheitsvermeidende Interventionen genutzt. Das medizinische und pflegerische Personal sollte entsprechend mehr Präventionskompetenz erlangen wie bekommen.
Timm Genett ist Geschäftsführer Politik beim Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV). Zum Thema dieses Beitrags hat der Verband gerade ein Positionspapier veröffentlicht.
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