Schulgesundheitspflege : In Gesundheit und Bildung investieren
Die Kosten für das Gesundheitswesen steigen, gleichzeitig nimmt die Gesundheitskompetenz ab. Prävention müsse deshalb dort stattfinden, wo gleich die Jüngsten – also Kinder und Jugendliche – erreicht werden, meint Heidrun Thaiss. Sie ist Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ) und erklärt, warum der Ausbau der Schulgesundheitspflege eine kosteneffiziente Investition ist.
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Deutschland erlebt eine ungeahnte Kostenexplosion im Gesundheitswesen, es ist das Land mit den höchsten Gesundheitsausgaben in der EU. Zugleich befindet es sich in Sachen Gesundheitskompetenz am Ende der Skala: 58,8 Prozent der deutschen Bevölkerung weisen hier geringe Werte auf. Parallel dazu nehmen die gesundheitlichen Herausforderungen bei Kindern und Jugendlichen stetig zu. Wir erleben einen Wandel von akuten zu chronischen und von infektiösen zu psychischen Erkrankungen. Etablierte Ansätze wie die Verhältnisprävention und die Vermittlung von Gesundheits- und Medienkompetenz bleiben zudem punktuell und fragmentiert. Gerade sozial benachteiligte Familien, die überproportional von Gesundheitsproblemen betroffen sind, profitieren oft nicht. Die Folge: Gesundheitliche Ungleichheit verstärkt sich und die gesellschaftlichen Folgekosten steigen weiter.
Hier setzt eine andere Strategie an: Prävention dort zu verankern, wo alle Kinder und Jugendlichen – unabhängig vom sozialen Hintergrund – täglich erreichbar sind. Schule ist die zentrale Lebenswelt, in der Prävention und Gesundheitsförderung koordiniert und chancengerecht umgesetzt werden und nicht nur Wissen, sondern auch Kompetenz vermittelt werden kann.
Doch wie lässt sich dieser Ansatz praktisch umsetzen? Die Antwort liegt in der Schulgesundheitspflege und einer Profession, die international seit über einem Jahrhundert erfolgreich etabliert ist: der Schulgesundheitsfachkraft (SGFK). Diese präventive, schulbasierte Herangehensweise haben andere Länder längst systematisch umgesetzt – mit beeindruckendem Erfolg. Während Deutschland bei 83 Millionen Einwohnern nur rund 150 Schulgesundheitsfachkräfte beschäftigt, sind es in Belgien bei 11,8 Millionen bereits 3300.
Weniger Rettungseinsätze durch bessere Versorgung
In den USA, Großbritannien und Schweden sind School Nurses seit Jahrzehnten fest im Bildungssystem verankert. Selbst Deutschland hatte mit Unterbrechungen Ansätze seit 1908. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Gesundheitsversorgung von Kindern und Jugendlichen jedoch auf niedergelassene Ärzte verlagert.
Dass es anders geht, zeigt beispielsweise Hessen. Das Bundesland etabliert seit 2017 erfolgreich 50 Stellen für Schulgesundheitsfachkräfte, in Kooperation von Bildungs- und Gesundheitssystem: 43 Prozent aller Schüler:innen hatte in zehn Monaten Kontakt zur SGFK. 88 Prozent der Lehrkräfte gaben an, weniger Zeit für fachfremde Tätigkeiten aufwenden zu müssen. 75 Prozent des Schulpersonals beobachtet eine Verbesserung der Gesundheitskompetenz der Kinder, 90 Prozent berichten von Fortschritten bei der Früherkennung gesundheitlicher Probleme und 88 Prozent sehen eine bessere Versorgung chronisch kranker Kinder.
Kommunen, Kranken- und Unfallkassen profitieren davon, dass die Zahl von Rettungsdiensteinsätzen und notfallmäßigen Krankenhausaufenthalten dadurch signifikant niedriger ist. Die Zahl der Rettungsdiensteinsätze sank um bis zu 64 Prozent, was Einsparungen bis zu 1,5 Millionen Euro jährlich bedeutet. Der Return on Investment liegt bei bis zu 43 Euro pro investiertem Euro.
Positive Auswirkungen auf Inklusion und Volkswirtschaft
Einen besonderen Stellenwert haben SGFK bei der Inklusion. Sie ermöglichen die Teilhabe von Kindern mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen, die sonst oft vom Unterricht, bei Ausflügen oder Klassenfahrten ausgeschlossen sind und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Umsetzung von Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention. Bei häufigen Erkrankungen wie Diabetes übernehmen sie pflegerische und medizinische Begleitung, koordinieren Maßnahmen und fördern die Selbstständigkeit der Kinder, die meist wieder in den Unterricht zurückkehren können. So müssen die Eltern ihren Arbeitsplatz nicht verlassen oder gar aufgeben (etwa bei einem Viertel chronisch kranker Kinder).
Damit trägt der Einsatz von Schulgesundheitsfachkräften auch volkswirtschaftlich zu relevanten Kosteneinsparungen bei und generiert Wertschöpfung. Auch die Ausgaben für die drastischen Anstiege von Schulbegleitungen und häuslicher Krankenpflege in Form von Sicherungspflege nach §37 Abs. 2 SGB V haben sich in den vergangenen Jahren zum Teil mehr als verdreifacht. Diese Mittel könnten weitaus effektiver in die Etablierung von Schulgesundheitsfachkräften investiert werden.
Eine erste Ansprechperson bei Gesundheitsfragen
Schulgesundheitsfachkräfte sind in der Regel Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger:innen mit Zusatzqualifikationen in Gesundheitsförderung, Kinderschutz, Inklusion, Erster Hilfe sowie Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die berufsbegleitende Weiterbildung umfasst 600 Stunden. Ideal ist die fachliche Anbindung an den Kinder- und Jugendgesundheitsdienst des örtlichen Gesundheitsamts und die Eingliederung in multiprofessionelle Teams mit Schulleitung, Lehrkräften, Schulsozialarbeit und Schulpsychologie. Sie arbeiten eng mit niedergelassenen Kinderärzten, Psychiatern, Beratungsstellen und dem Jugendamt zusammen und übernehmen eine wichtige Lotsenfunktion: sie erkennen Probleme früh und leiten an passende Stellen im System weiter.
Schulgesundheitsfachkräfte stärken zudem systematisch die Verhaltens- und Verhältnisprävention, in dem sie eine gesundheitsgerechte Schulumgebung fördern – etwa durch Beratung zur Schulverpflegung. Sie bieten Gesundheits- und Impfchecks, Ernährungstraining und Suchtprävention und fungieren als erste Ansprechperson für Schüler, Eltern und Lehrkräfte in Gesundheitsfragen. Internationale Daten zeigen, dass selbst die Rate von Schulabsentismus (immerhin acht bis zehn Prozent) reduziert werden kann.
Die Einführung von SGFK wäre nicht nur eine Antwort auf aktuelle Versorgungsdefizite, sondern auch eine langfristig kosteneffiziente Investition. Ziel muss es sein, Gesundheit als Voraussetzung für Lernerfolg systemisch im Schulalltag zu verankern, die Gesundheitskompetenz zu fördern und damit auch die Bildungschancen aller Kinder zu verbessern. Für eine flächendeckende Einführung braucht es eine einheitliche Finanzierung und nachhaltige strukturelle Rahmenbedingungen. Dies könnte beispielhaft zunächst über das Startchancenprogramm der Bundesregierung geschehen und wäre eine kluge politische Maßnahme, um die drängenden Herausforderungen unserer Gesellschaft im Gesundheits- und Bildungsbereich nachhaltig anzugehen.
Heidrun Thaiss ist Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ), Executive Director Medicine and Science Felix Burda Stiftung und Honorarprofessorin der TU München.
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