Umbau des globalen Gesundheitswesens : Maximale Wirkung und mehr Eigenständigkeit
Um sich an die neuen Gegebenheiten der globalen Gesundheitsarchitektur anzupassen, ist der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria zu drastischen Veränderungen entschlossen und will die Kosten senken, die Arbeitsweise vereinfachen und schneller und flexibler auf die Bedürfnisse von Ländern eingehen. Das schreibt Peter Sands im Standpunkt. Bilaterale Ansätze hält der Geschäftsführer des größten multilateralen Gebers dabei nicht für die Lösung.
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Im globalen Gesundheitswesen wurden in den letzten 20 Jahren außergewöhnliche Fortschritte erzielt, doch das Modell, das diese Fortschritte ermöglicht hat, ist nicht mehr zukunftsfähig, denn die Geber kürzen den Umfang ihrer Hilfen, die Durchführungsländer wollen die Führungsrolle übernehmen, und Gemeinschaften fordern mehr Mitspracherecht.
Vor etwas mehr als 20 Jahren wurde die Partnerschaft des Globalen Fonds gegründet, um die klaffende Lücke im bestehenden System zu füllen. Diese einzigartige öffentlich-private Partnerschaft kombiniert die Stärken von Regierungen mit der Tatkraft von Gemeinschaften, dem Wirkungskreis der Zivilgesellschaft und dem Pragmatismus der Privatwirtschaft und hat sich als außerordentlich erfolgreich erwiesen. So wurden 70 Millionen Menschenleben gerettet, während die kombinierte Sterblichkeit durch AIDS, Tuberkulose und Malaria um 63 Prozent gesenkt wurde.
Nun jedoch müssen wir uns selbst neu erfinden und Finanzmittel noch effektiver einsetzen, Länder auf ihrem Weg zur Eigenständigkeit unterstützen und zum allgemeinen Umbau des globalen Gesundheitsökosystems beitragen.
Die Wirkung finanzieller Hilfen maximieren
Wenn die Wirkung von finanziellen Hilfen maximiert wird, bedeutet dies, dass lebensrettende Innovationen schnell zur Verfügung stehen und erschwinglich sind. Genau das tun wir mit Lenacapavir, dem neuen lang- und hochwirksamen injizierbaren Arzneistoff zur HIV-Prävention. Dieses neue Mittel wird erstmals gleichzeitig in Ländern mit geringem bis mittlerem Einkommen und in Ländern mit hohem Einkommen eingeführt. In diesem Monat treffen die ersten Lieferungen in Afrika ein. Demnächst wird ein Generikum folgen, das die Kosten weiter senken wird.
Wir verfolgen einen ähnlichen Ansatz bei der Malariabekämpfung und verwenden die neueste Generation von Moskitonetzen, die 45 Prozent wirksamer sind als herkömmliche Netze, aber nur 70 Cent mehr kosten. Ein weiteres Beispiel sind KI-gestützte digitale Röntgengeräte, die komplexe TB-Screenings in den schwierigsten und abgelegensten Regionen ermöglichen. Wenn wir mit Partnern zusammenarbeiten, können wir noch schneller vorankommen. Und wenn es um lebensrettende Innovationen geht, entscheidet Zeit über Leben und Tod – jahrelange Pilotprogramme oder eine verzögerte Einführung können wir uns nicht leisten.
Unerschwinglichkeit, schwache Gesundheitssysteme, Stigmatisierung und Diskriminierung bleiben allesamt beträchtliche Hindernisse. Die Überwindung dieser Barrieren ist nicht nur eine Frage der Gesundheitsgerechtigkeit und der Menschenrechte, sondern eine epidemiologische und wirtschaftliche Notwendigkeit. Wenn Innovationen nicht die am stärksten gefährdeten Menschen erreichen, erzielen wir eine geringere Wirkung und verschwenden Ressourcen.
Programme überdenken
Die Wirkung finanzieller Hilfen zu maximieren bedeutet auch, das Silodenken zwischen Gesundheitsprodukten und Krankheiten aufzubrechen. Ein stärker integrierter und auf den Menschen fokussierter Ansatz, in dessen Rahmen Infektionskrankheiten genauso wie nicht übertragbare Erkrankungen und die psychische Gesundheit berücksichtigt werden, kann bei ordnungsgemäßer Umsetzung zu besseren Ergebnissen führen und Kosten sparen. Wenn Multipathogen-Kapazitäten in krankheitsspezifische Maßnahmen einbezogen werden, stärkt dies unsere vordere Verteidigungslinie gegen neu auftretende Gesundheitsbedrohungen. Für den Globalen Fonds haben solche Veränderungen weitreichende Folgen. Wir müssen die Gestaltung und Umsetzung von Programmen zusammen mit Partnern überdenken und den Fokus auf die Krankheiten und Folgen dennoch im Fokus behalten.
Mit Betriebsausgaben in Höhe von rund 6 Prozent der Gelder der Geber ist der Globale Fonds bereits hocheffizient. Doch wenn wir Technologie – darunter auch KI – gewinnbringend einsetzen, um Prozesse weiter zu straffen und zu automatisieren, senken wir die Kosten nochmals um 20 Prozent und verringern die Belastung unserer Partnerländer.
Den Weg in die Eigenständigkeit schneller gehen
Starke Kürzungen externer Finanzierungen machen es für Länder noch dringlicher, ihren Weg in die Eigenständigkeit schneller zu beschreiten. Ein überstürzter Übergang wird Fortschritte zunichtemachen und Millionen von Menschenleben kosten. Die Bereitschaft der Länder für den Übergang ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Der Globale Fonds wird Unterstützung leisten, Anreize bieten und sich schließlich zurückziehen.
Daher haben wir die Planung des Übergangs und die Kofinanzierung neu ausgestaltet. Für bestimmte Länder werden wir uns auf einen Übergangsfahrplan einigen, damit dieser dreijährige Förderzyklus ihr letzter wird. In anderen wiederum wird sich der Übergang über zwei Förderzyklen erstrecken. Mit Ausnahme der ärmsten und von Konflikten betroffenen Ländern werden wir für alle Länder gemeinsam mit den Regierungen solide Übergangspläne ausarbeiten.
Zur Unterstützung des Übergangs stocken wir unsere Hilfe für Länder auf, damit diese ihre öffentlichen Finanzverwaltungssysteme stärken und sich neue Finanzierungsquellen erschließen können. Bis dato haben wir 14 Debt2Health-Schuldenumwandlungen und 14 Transaktionen für Mischfinanzierungen durchgeführt. Zudem unterstützen wir in mehreren Ländern direkt die Entwicklung nationaler Krankenversicherungssysteme. Auch können wir Ländern die Nutzung unseres gemeinsamen Beschaffungssystems unter Einsatz ihrer eigenen Mittel erleichtern und ihnen so helfen, den Zugang zu qualitätsgesicherten erschwinglichen Arzneimitteln aufrechtzuerhalten. Länder im Übergang zahlen häufig deutlich höhere Preise und beträchtliche Transaktionskosten. Durch das Angebot von Vorfinanzierungen und die Zusammenarbeit mit regionalen, digitalen Beschaffungsplattformen erweitern wir den Handlungsspielraum von Ländern.
Entwicklungshilfe im Gesundheitsbereich bleibt unverzichtbar, um die tödlichsten Krankheiten zu besiegen, Länder auf dem Weg in die Eigenständigkeit zu unterstützen und die globale Gesundheitssicherheit zu stärken. Länder, die am meisten von der Globalisierung profitiert haben, tragen auch Verantwortung dafür, in globale öffentliche Güter wie Gesundheit zu investieren – und das nicht nur aus Großzügigkeit, sondern aus Eigeninteresse. Allerdings gilt es, Fördergelder, eigene Finanzressourcen der Länder und privates Kapital intelligenter zu kombinieren, um den Weg in die Eigenständigkeit freizumachen.
Umbau des globalen Gesundheitsökosystems
Der Globale Fonds entstand aus der Überzeugung heraus, dass die bisherigen Wege zu langsam, zu bürokratisch und nicht pragmatisch genug verliefen. Um sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen, ist der Globale Fonds zu drastischen Veränderungen entschlossen und will die Kosten senken, die Arbeitsweise vereinfachen und schneller und flexibler auf die Bedürfnisse von Ländern eingehen.
Als größter multilateraler Geber im Bereich der globalen Gesundheit besitzt der Globale Fonds Mittel, die weitreichender eingesetzt werden könnten, darunter unsere Marktgestaltungsmacht, unsere globale Beschaffungsplattform oder unsere einzigartige Rolle bei der Stärkung von Gemeinschaftssystemen für Gesundheit. Doch wie sich der Globale Fonds in Bezug auf seinen Auftrag und seine Prioritäten weiterentwickelt, sollte nicht isoliert entschieden werden, sondern im Rahmen einer umfassenderen Vision für die Zukunft des derzeit viel zu komplexen und fragmentierten globalen Gesundheitsökosystems. Dazu gehören die WHO, die Impfallianz Gavi, krankheitsspezifische Programme wie UNAIDS, Partnerschaften für Produktentwicklung wie Unitaid und CEPI sowie unser Engagement mit der Weltbank und anderen multilateralen Entwicklungsbanken.
Bilaterale Ansätze sind dabei nicht die Lösung, da diese die Komplexität erhöhen und Effizienz und Wirksamkeit untergraben. Die Stärkung unseres multilateralen Systems ist die beste Option, gleichwohl nur, wenn wir auf unbequeme Entscheidungen vorbereitet sind. Der Umbau des globalen Gesundheitswesens darf nicht von Genf oder New York aus diktiert werden, sondern muss unter Einbezug der Führungsrolle von Ländern und Gemeinschaften sowie regionalen Organen wie der Afrikanischen Union erfolgen.
Vom Umbruch zur Neuerfindung
Die Fortschritte der letzten 20 Jahre zählen zu den größten Errungenschaften der Menschheit im Gesundheitswesen. In den nächsten 20 Jahren wird sich zeigen, ob wir bei der Neuerfindung des Systems ebenso mutig sein können wie einst bei seiner Schaffung.
Peter Sands ist Geschäftsführer des Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria.
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