Globale Gesundheit : Polio fast besiegt – und Deutschland kürzt?
Unterstützung im Kampf gegen Polio hat nichts mit Altruismus zu tun, sondern mit Selbstschutz. In einigen Regionen Deutschlands liegen die Impfraten bereits unter dem Schwellenwert, der eine Verbreitung des Virus verhindert. Dass die Bundesregierung ihren Beitrag zur Ausrottung der Kinderlähmung fast halbieren will, hält der Arzt und „End-Polio-Now“-Koordinator von Rotary International für Deutschland, die Schweiz und Liechtenstein, Christian Schleuss, für einen großen Fehler.
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Die Bundesregierung will ihren Beitrag zur weltweiten Ausrottung der Kinderlähmung (Polio) fast halbieren – ein Schritt, der nicht nur kurzsichtig, sondern auch gefährlich ist. Gerade in diesem Moment mehren sich die Hinweise, dass das Poliovirus wieder in Deutschland zirkuliert. Laut Robert Koch-Institut (RKI) wurde das Virus zuletzt unter anderem in Hamburg, München, Berlin, Köln und Stuttgart im Abwasser nachgewiesen – erstmals Ende Oktober 2024 und in den Folgemonaten erneut. Das Virus steht also nicht vor der Tür. Es ist längst da.
Deutschland zählte über Jahrzehnte zu den treibenden Kräften im Kampf gegen Polio – politisch wie finanziell – und hat damit nicht nur Kinder geschützt, sondern weltweit Gesundheitssysteme gestärkt. Dieses Engagement hat entscheidend dazu beigetragen, dass wir heute kurz davor stehen, erstmals seit den Pocken eine Krankheit vollständig auszurotten. Und jetzt will Deutschland sich aus der Verantwortung ziehen?
Der erneute Polio-Nachweis in Deutschland steht exemplarisch für einen besorgniserregenden globalen Trend: In den letzten Jahren wurde das Virus unter anderem im Vereinigten Königreich, in den USA, in Gaza und Papua-Neuguinea entdeckt – alles Länder, die zuvor als poliofrei galten. Diese Fälle zeigen eindrücklich: Solange das Virus irgendwo existiert, ist es überall eine Bedrohung.
Kürzung käme zur Unzeit
Jetzt einen Rückzieher zu machen, wäre der falsche Weg. Wir wissen, was funktioniert: konsequente Impfkampagnen, funktionierende Überwachungssysteme und rasche Reaktionen auf Ausbrüche haben die Zahl der Poliofälle weltweit um über 99 Prozent gesenkt. Diese Maßnahmen schützen nicht nur Kinder weltweit, sondern uns alle. Doch sie erfordern politischen Willen und eine gesicherte Finanzierung.
Eine Kürzung käme zur Unzeit – und würde ein fatales Signal senden. Jahrzehnte des Engagements würden geschwächt, das globale Schutznetz würde durchlässig. Und die Gefahr neuer Ausbrüche steigt – im Ausland wie im Inland.
Rotary International bleibt gemeinsam mit Partnern wie der Weltgesundheitsorganisation, UNICEF, der Impfallianz Gavi und der Gates-Stiftung fest entschlossen, Polio endgültig zu besiegen. Erst im Juni haben Rotary und die Gates-Stiftung ihre Partnerschaft erneuert und weitere 450 Millionen US-Dollar für die nächsten drei Jahre zugesagt. Diese Mittel werden helfen, Kinder in den letzten Hochburgen des wilden Poliovirus – in Afghanistan und Pakistan – zu erreichen. Und sie sichern die schnelle Reaktion auf Ausbrüche weltweit. Aber: So engagiert wir auch sind – allein schaffen wir es nicht. Wir brauchen starke Partner wie Deutschland an unserer Seite.
Unterstützung ist Selbstschutz
Das hat nichts mit Altruismus zu tun, sondern mit Selbstschutz. In einigen Regionen Deutschlands liegen die Impfraten bereits unter dem Schwellenwert, der eine Verbreitung des Virus verhindert. Wenn wir dem Virus Raum geben, könnten wir erleben, wie eine Krankheit zurückkehrt, die einst jedes Jahr Hunderttausende Kinder gelähmt hat. So weit darf es nicht kommen. Wir stehen zu nah vor dem Ziel. Deutschland hat eine stolze Tradition als Akteur der globalen Gesundheit – vom Engagement für Gavi bis zur Mitgestaltung der Pandemieprävention.
Jetzt ist der Moment, diese Führungsrolle zu bekräftigen. Denn globale Gesundheit ist auch nationale Sicherheit.
Deutschland hat Verantwortung übernommen – aus Überzeugung und klarem Interesse. Diese Verantwortung darf jetzt nicht enden. Die Politik muss die geplanten Kürzungen revidieren und die volle Finanzierung der Polio-Initiative sicherstellen. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Es geht um unsere Kinder. Es geht um unsere Verantwortung. Es geht um unsere Zukunft – und darum, zu Ende zu bringen, was wir gemeinsam begonnen haben.
Solange Polio irgendwo existiert, bleibt es ein Risiko für uns alle. Doch mit gemeinsamer Entschlossenheit können wir Polio Geschichte werden lassen.
Christian Schleuss, Rotary Hagen, Facharzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin, Naturheilverfahren, ist „End-Polio-Now“-Koordinator von Rotary International für Deutschland, die Schweiz und Liechtenstein.
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