Zivilschutz und Krisenvorsorge : Strategien für eine resiliente medizinische Versorgung im Krisenfall
Permanente Krisenlagen stellen neue Anforderungen an Zivilschutz und Bundeswehr. Der BVMed hat darauf mit der Gründung einer Taskforce „Zivilschutz und Krisenvorsorge“ reagiert. Vorstandsmitglied Stefan Geiselbrechtinger beschreibt im Standpunkt eine Dual-Use-Strategie, die Kosten sparen, Redundanz vermeiden und dafür sorgen soll, dass im Krisenfall kein völlig fremdes System hochgefahren werden muss, sondern ein bekanntes hochskaliert wird.
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Nach langen Friedenszeiten in Mitteleuropa fristet das Konzept der Gesundheitssicherheit in Deutschland ein Schattendasein. Doch mit neuen Bedrohungen wie Kriegen, Terror oder Pandemien rückt eine Dual-Use-Strategie ins Zentrum: Strukturen, die im Alltag der zivilen Gesundheitsversorgung dienen, müssen skalierbar sein, um im Krisenfall eine große Anzahl Verwundeter versorgen zu können, ohne die Versorgung der übrigen Bevölkerung zu vernachlässigen.
Im NATO-Bündnisfall würde Deutschland nicht an vorderster Front kämpfen, wohl aber eine zentrale Funktion übernehmen: die eines logistischen Drehkreuzes für Truppenbewegungen und Verwundeten-Versorgung. Szenarien gehen von bis zu 3000 verwundeten Soldaten täglich aus, die zur Behandlung nach Deutschland ausgeflogen werden, was das hiesige Gesundheitssystem vor beispiellose Belastungen stellen würde. Berlin käme mit seinen klinischen Maximalversorgern (Charité, Bundeswehrkrankenhaus, Unfallkrankenhaus Berlin, Vivantes) eine besondere Rolle zu.
Die Bundeswehr verfügt mit ihrem Sanitätsdienst bereits über wesentliche Fähigkeiten für den Verwundetentransport, beispielweise durch spezialisierte MedEvac-Flugzeuge sowie geschützte Rettungsfahrzeuge. Die Bundeswehr betreibt zudem fünf Bundeswehrkrankenhäuser als zentrale Behandlungseinrichtungen. Doch wie aktuelle Analysen betonen, wären diese militärischen Kapazitäten innerhalb von 48 Stunden erschöpft, sollten tatsächlich tausende Verwundete pro Tag eintreffen. Es bedarf daher einer engen Verzahnung mit zivilen Krankenhäusern und Hilfsorganisationen, um die Aufnahme, Verteilung und Versorgung der Patienten zu bewältigen.
Medizinische Versorgung hat eine Schlüsselrolle im Krisenfall
Bei Krisenvorsorge und Zivilschutz spielt die medizinische Versorgung eine Schlüsselrolle, denn ohne ein krisenfestes Gesundheitswesen lassen sich weder die Bevölkerung schützen noch – im Verteidigungsfall – die Einsatzfähigkeit der Streitkräfte aufrechterhalten. Die MedTech-Branche kann dabei zur Stärkung der medizinischen Versorgung im Krisenfall einen essenziellen Beitrag leisten – in enger Verzahnung mit bestehenden zivil-militärischen Strukturen.
Wir plädieren dabei für eine „Dual-Use-Strategie“: Strukturen, die im Alltag der zivilen Gesundheitsversorgung dienen, müssen skalierbar sein, um im Krisenfall eine große Anzahl Verwundeter versorgen zu können, ohne die Versorgung der übrigen Bevölkerung zu vernachlässigen. Als bedeutender MedTech-Standort Europas kann Deutschland hier einen Unterschied machen – im Schulterschluss mit Bundeswehr und Zivilgesundheitswesen, unterstützt durch die Innovationskraft der Unternehmen der MedTech-Branche.
Resilienz bedeutet in diesem Fall, dass kritische medizinische Produkte und Dienstleistungen jederzeit dort verfügbar sind, wo sie benötigt werden – auch bei unterbrochenen Lieferketten, Nachfragespitzen oder Infrastrukturproblemen. Die Corona-Pandemie hat hier Schwachstellen offengelegt, beispielsweise fehlende Schutzausrüstung. Ein Kriegsszenario würde die Anforderungen nochmals erhöhen, beispielsweise durch den gestiegenen Bedarf an Verbandstoffen, Prothesen, Medikamenten, Blutkonserven oder chirurgischen Instrumenten.
Für den Aufbau einer „Nationalen Gesundheitsreserve“ schlägt der BVMed dabei zusätzlich zur Lagerhaltung eine digitale Bestandsplattform kritischer Medizinprodukte vor.
Näher betrachtet: die Dual-Use-Strategie
Die Dual-Use-Strategie hat aus Sicht der MedTech-Branche mehrere Vorteile: Es spart Kosten, vermeidet Redundanz und sorgt dafür, dass im Krisenfall kein völlig fremdes System hochgefahren werden muss, sondern ein bekanntes hochskaliert wird. So können Maßnahmen, Strukturen und Produkte im Bündnisfall wie auch in Friedenszeiten effektiv genutzt werden. Anstatt separate Systeme aufzubauen, geht es um Skalierbarkeit und Flexibilität vorhandener Strukturen.
Jede Investition in kriegstaugliche Strukturen sollte also im Alltag nicht brach liegen, sondern einen zivilen Nutzen haben. Zu einem dualen Versorgungskonzept gehören unter anderem folgende Ansätze:
- Netzwerk aus Versorgungsknoten: Es existieren bereits Traumazentren-Verbundsysteme, in denen schwere Verletzte nach dem „Schockraum“ Prinzip verteilt werden. Im Bündnisfall ließe sich dieses Konzept erweitern, indem ausgewählte Krankenhäuser als regionale Cluster-Hubs fungieren.
- Skalierbare Infrastruktur: Eine modulare Feldklinik könnte in Friedenszeiten beispielsweise als temporäre Einrichtung bei Großschadenslagen oder zur Entlastung von Kliniken genutzt werden. Im Bündnisfall wird sie zum Lazarett.
- Personal-Pool mit Doppelfunktion: Ein Reserve-Pool an Fachpersonal kann ähnlich aufgestellt sein: Bestehend aus medizinischem Personal, das im Alltag normal in Kliniken oder bei MedTech-Firmen arbeitet, aber im Krisenfall in einen „Reservisten-Status“ wechselt und dann dem Gesundheitssystem zusätzlich zur Verfügung steht.
- Versorgungspfade abbilden: Digitalisierung kann helfen, die Versorgungspfade flexibel zu steuern. Beispielsweise könnte ein zentrales Patient:innensteuerungs-System im Friedensbetrieb dazu dienen, bei Großunfällen oder Engpässen Patient:innen zwischen Bundesländern zu verteilen. Im Bündnisfall skaliert dasselbe System auf Tausende Verwundete. Wichtig ist dabei: Alle Beteiligten kennen das System bereits aus Übungen oder kleinerem Ernstfall.
Digitalisierung als Voraussetzung für skalierbare Versorgung
Die Digitalisierung bildet einen „Enabler“ – also den Ermöglicher – für viele der vorgeschlagenen skalierbaren und innovativen Ansätze. Im Kontext MedTech und Krisenfall sind mehrere digitale Aspekte relevant:
- Digitales Versorgungsnetzwerk: Ein zentrales digitales Portal oder eine Plattform könnte alle Akteur:innen verbinden – von Klinik über Hersteller bis Logistik. Darin könnten beispielsweise Bestände von MedTech-Produkten in Echtzeit gemeldet werden, Bedarfe aus dem Feld eingegeben und Zuweisungen – wer liefert was wohin – koordiniert werden.
- Telemedizin und E-Health: Telemedizin ist ein Schlüssel, um begrenzte Expertise ortsunabhängig verfügbar zu machen. In einem Krieg kann es sein, dass medizinische Spezialist:innen rar sind oder nicht überall vor Ort sein können. Durch gesicherte Videoverbindungen, Augmented-Reality-Brillen oder einfach strukturierte Telekonsile, können Diagnosen und Therapieempfehlungen virtuell erfolgen.
- KI und Datenanalyse: Künstliche Intelligenz kann im Krisenfall helfen, die Übersicht zu behalten sowie Diagnosen und den Behandlungsstart zu beschleunigen. Zum Beispiel könnten KI-Systeme Verletztenfotos analysieren, um Schweregrade einzuschätzen, oder Vitaldatenströme überwachen.
- Ausbildung und Quereinsteiger:innen: Digitalisierung ermöglicht auch neue Formen der Ausbildung, beispielsweise mit einem Quereinsteiger:innen-Modell. Personen ohne klassische Orthopädietechnik-Ausbildung könnten via E-Learning und mit digitalen Assistenzsystemen befähigt werden, einfachere Versorgungsschritte durchzuführen.
- Simulation und Planung: Schließlich kann Digitalisierung helfen, vorab zu planen. Durch Simulation von Versorgungsengpässen kann sichtbar werden, wo es in bestimmten Szenarien klemmt und vorab Abhilfe schaffen.
Eine besondere Chance der Digitalisierung liegt darin, Brücken zwischen zivil und militärisch zu schlagen: Plattformen und Standards, die im zivilen Gesundheitswesen etabliert werden, beispielsweise die elektronische Patient:innenakte oder Telematik-Infrastruktur, könnten mit wenig Zusatzaufwand so erweitert werden, dass auch die Bundeswehr im Einsatz davon profitiert. Bei Digital Health-Initiativen sollte also immer das Thema Krisenresilienz mitgedacht werden.
Stefan Geiselbrechtinger ist seit April 2024 Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Medizintechnologie (BVMed). Er ist zudem Geschäftsführer der OPED GmbH und CEO OPED global.
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