Globale Frauengesundheit : Warum Deutschland mehr Verantwortung übernehmen muss
Der blinde Fleck wird kleiner, doch noch ist er nicht weg: Das Thema Frauengesundheit hat in den vergangenen Jahren an Sichtbarkeit gewonnen. Das öffentliche und politische Bewusstsein wächst. Auch durch zahlreiche Initiativen im Gesundheitsausschuss konnten in der vergangenen Legislaturperiode wichtige Impulse gesetzt werden. Frauengesundheit zu fokussieren, rettet Leben, meinen Kirsten Kappert-Gonther, Grünen-Abgeordnete, und Ludi Schlageter von der DSW.
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Dass Frauenherzen anders schlagen, ist zwar inzwischen deutlich bekannter als noch vor zehn Jahren. Doch die jahrzehntelange Vernachlässigung von Genderaspekten in medizinischer Forschung und Praxis lässt den sogenannten Gender Health Gap bis heute eklatant klaffen. Die Orientierung am männlichen „Normkörper“ verhindert eine gerechte Gesundheitsversorgung, die dienlich für alle wäre. Insbesondere bei der Gesundheitsversorgung von Frauen zeigen sich in Deutschland und global erhebliche Lücken: von der Diagnostik von ADHS, Endometriose und Wechseljahren über die Zugangsbarrieren zu medizinisch sicheren Schwangerschaftsabbrüchen bis hin zu einer sicheren und selbstbestimmten Geburtshilfe. Wissen und Praxis sind (teils) mangelhaft, mit dem Ergebnis, dass Frauen ein Viertel ihres Lebens in schlechterer Gesundheit verbringen als Männer.
Diese historisch gewachsene Lücke lässt sich nur durch gezielte Investitionen in Versorgung sowie Forschung und Entwicklung schließen. Voraussetzung dafür ist die kontinuierliche politische Priorisierung von Frauengesundheit – die jedoch noch immer systematisch vernachlässigt wird. Besonders sichtbar sind diese Lücken im Bereich der sexuellen und reproduktiven Gesundheit. Neben dem fehlenden Zugang zu sicherer und selbstbestimmter Geburtshilfe und medizinisch sicheren Schwangerschaftsabbrüchen, mangelt es in vielen Ländern auch an lebenswichtigen Medikamenten, modernen Geräten und geschultem Gesundheitspersonal – teilweise mit dramatischen Folgen für Frauen und Mädchen.
Dabei ist die Lösung grundsätzlich bekannt: Wer die Gesundheit von Frauen weltweit stärken will, muss innovative Programme ermöglichen, Gesundheitsstrukturen stärken und in Forschung und Entwicklung zur Stärkung der globalen Frauengesundheit investieren.
Sexuelle und reproduktive Gesundheit: Ein systematisches Ungleichgewicht
Denn die Vernachlässigung von Frauengesundheit spiegelt sich auch in der Forschungsfinanzierung wider. Zwar stiegen die Investitionen in sexuelle und reproduktive Gesundheit laut SRH-G-Finder-Report bis 2023 kontinuierlich – dennoch liegen sie deutlich hinter der Forschungsfinanzierung anderer Gesundheitsbereiche und Krankheitsbilder zurück. Für den gesamten Bereich standen 2023 weltweit 889 Millionen US-Dollar für die Forschung zur Verfügung. Im Vergleich wurden im selben Jahr, allein vom US-amerikanischen National Institutes of Health (NIH), 1,2 Milliarden US-Dollar in Forschung und Entwicklung zur Krankheit Diabetes mellitus investiert.
Von den Mitteln, die in sexuellen und reproduktiven Gesundheit investiert werden, erhalten Erkrankungen, die ausschließlich Frauen betreffen, wiederum den geringsten Anteil. Investitionen in die Mütter- und gynäkologische Gesundheit machen hingegen zusammen weniger als ein Viertel der Fördersumme aus. Eine deutliche Schieflage – und das ausgerechnet in dem Bereich, in dem die Gesundheit von Frauen eigentlich im Zentrum stehen sollte.
Die Abhängigkeit von wenigen großen Geldgebern
Ein weiteres Problem ist die Abhängigkeit von einigen wenigen großen Geldgebern. Im Jahr 2023 kamen rund 82 Prozent der weltweiten Fördermittel von lediglich drei Akteuren: dem US-amerikanischen NIH, der Gates-Stiftung und aus der Industrie. Diese Konzentration birgt erhebliche Risiken.
Die neue US-Regierung zieht sich zunehmend als globaler und nationaler Gesundheitsförderer zurück; die Gates-Stiftung plant ihre Auflösung bis zum Jahr 2045. Die Industrie investiert in erster Linie dort, wo Absatzmärkte zu erwarten sind – häufig nicht in ressourcenarmen Regionen. Der Rückzug zentraler Akteure reißt ein gefährliches Loch. Die Konsequenzen sind längst keine Zukunftsgefahr mehr, sondern bittere Realität. Diese Verantwortungslücke für die globale Frauengesundheit ebenso wie die globale Gesundheit allgemein ist bereits in vielen Regionen sichtbar.
Zwei Negativbeispiele
Die problematische Situation in der Frauengesundheit zeigt sich deutlich an zwei Negativbeispielen: Depressive Erkrankungen rund um Schwangerschaft und Geburt, sogenannte peripartale Depressionen, sind gut behandelbar. Doch obwohl diese nicht selten genetisch bedingte Krankheit zu den häufigsten Komplikationen im Zusammenhang mit einer Geburt zählen, wird sie oft nicht erkannt und die Frauen damit alleingelassen. Unbehandelte peripartale Depressionen wirken sich aber nicht nur auf die Gesundheit der betroffenen Frauen, sondern langfristig auch auf deren Kinder und familiäres Umfeld aus.
Auch bei anderen lebensbedrohlichen Komplikationen im Rahmen von Schwangerschaft und Geburt zeigt sich das Missverhältnis: Postpartale Blutungen, also ein Blutverlust von mehr als 500 Millilitern nach der Geburt, sind weltweit die häufigste Ursache für Müttersterblichkeit. Jährlich sind rund 14 Millionen Frauen betroffen, etwa 70.000 sterben an den Folgen. Im Gegensatz zu vielen anderen Erkrankungen im Bereich der sexuellen und reproduktiven Gesundheit ist das Phänomen gut erforscht. Medikamente und einfache Geräte könnten Leben retten. Doch diese sind vielerorts nicht verfügbar, nicht lagerbar oder werden nicht korrekt angewendet. Um Lösungen für diese Herausforderungen zu entwickeln, sind weitere Investitionen notwendig, doch 8,6 Millionen US-Dollar, die 2023 weltweit hierfür zur Verfügung standen sind zu wenig.
Deutschland und Europa müssen mehr tun
Es ist notwendig, dass mehr Akteure Verantwortung übernehmen. Weder die EU-Kommission noch die Bundesregierung spielen bislang eine sichtbare Rolle in der globalen Finanzierung zu Forschung und Entwicklung im Bereich sexueller und reproduktiver Gesundheit. Gemessen an wirtschaftlicher Stärke und politischem Gewicht ist diese Zurückhaltung nur schwer nachvollziehbar.
Eine Politik, die das Ziel einer verbesserten Frauengesundheit ernsthaft verfolgt, erfordert eine fokussierte und ressortübergreifende Strategie. Die Aufstockung der Haushaltsmittel für die Frauengesundheitsforschung sowie für die globale Finanzierung von Frauengesundheitsprogrammen stellt hierbei einen ersten wichtigen Schritt dar. In der aktuellen Haushaltsplanung ist eine erhöhte Förderung der Endometriose-Forschung sowie der Forschung zu reproduktiver Gesundheit und zu Verhütungsmitteln vorgesehen. Das ist ausdrücklich zu begrüßen – auch wenn der Umfang der Mittel noch ausgebaut werden sollte. Gleichzeitig sind jedoch Kürzungen bei der Forschung zu anderen frauenspezifischen Erkrankungen sowie zum „Gender Data Gap“ zu verzeichnen. Welche Folgen diese Kürzungen im ohnehin rückläufigen globalen Investitionsklima haben werden, ist noch ungewiss – das Risiko für Frauen weltweit wächst jedoch spürbar.
Europa – und besonders Deutschland – stehen in der Verantwortung, eine aktivere Rolle im Bereich der Frauengesundheit zu übernehmen. Gezielte und langfristige Investitionen in Frauengesundheit, ressortübergreifende Zusammenarbeit zwischen den Ministerien für Gesundheit, Forschung, Frauen und Entwicklungszusammenarbeit, die Förderung innovativer Ansätze und das Schließen bestehender Versorgungslücken sollten das zentrale Anliegen nationaler und internationaler Gesundheitspolitik sein. Denn eine gendergerechte Gesundheitsversorgung hilft allen!
Kirsten Kappert-Gonther ist Mitglied des Deutschen Bundestags für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, Mitglied im Gesundheitsausschuss und Berichterstatterin für Frauengesundheit und Internationale Gesundheit.
Ludi Schlageter ist als Leiterin Advocacy Deutschland bei der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW) tätig.
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