Apothekenreform : Warum die Lebensader der Apotheken zu reißen droht
Heute geht die Apothekenreform, sowohl das Gesetz als auch die Verordnungen, in den Bundesrat. Die Phagro-Geschäftsführer Michael Dammann und Thomas Porstner mahnen im Standpunkt an: Wer die Vergütungsstrukturen des Großhandels nicht anpasst, kann sich nicht auf eine flächendeckende Versorgung verlassen. Ihren gesetzlichen Auftrag zu erfüllen, werde unter den aktuellen Bedingungen immer schwieriger.
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Wenn der Bundesrat heute über die Apothekenreform berät, geht es nicht nur um Apotheken. Es geht auch um das logistische Rückgrat der Arzneimittelversorgung. Doch während die Politik von einer Stärkung der Vor-Ort-Versorgung spricht, bleibt der vollversorgende Pharmagroßhandel außen vor.
Ein Versprechen auf tönernen Füßen
Jede Patientin und jeder Patient in Deutschland verlässt sich darauf: Wer mit einem Rezept in die Apotheke geht, erhält sein Arzneimittel – sofort oder binnen weniger Stunden. Hinter dieser Leistung steht eine Logistik, die rund um die Uhr funktioniert.
Die acht Phagro-Mitgliedsunternehmen halten durchschnittlich mehr als 100.000 verschiedene Artikel in ihren Lagern vor und beliefern Apotheken mehrmals täglich – in der Stadt ebenso wie im ländlichen Raum. Doch dieses Leistungsversprechen gerät unter Druck. Die Vollversorgung lässt sich nicht dauerhaft sichern, wenn die wirtschaftlichen Grundlagen nicht stimmen.
Die Kostenanalyse: Die Zange schließt sich
Die Realität in den Lagern und auf der Straße ist eindeutig: Energie, Personal, Zinsen und Kraftstoffe sind deutlich teurer geworden. Zugleich steigt der Aufwand, um Lieferengpässe abzufedern und Apotheken verlässlich zu beliefern. Während die Kosten der Vollversorgung steigen, bleibt das staatliche Vergütungsmodell unverändert. Der Großhandel betreibt heute Hochleistungslogistik unter aktuellen Kostenbedingungen – aber mit einer Vergütung, die seit Jahren nicht angepasst wurde.
Die Rechnung ist einfach: Die Kosten steigen kontinuierlich, die Erlöse aus dem Kerngeschäft mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln halten nicht Schritt.
Die gesetzliche Vergütung: 14 Jahre Stillstand
Seit 14 Jahren gab es keine substanzielle Anpassung der Großhandelsvergütung. Für den vollversorgenden Pharmagroßhandel bedeutet das: Der gesetzliche Versorgungsauftrag wird wirtschaftlich immer schwerer tragbar.
Eine externe Analyse zeigt das ganze Ausmaß: Rund 65 Prozent aller Packungen – etwa 500 Millionen Arzneimittelpackungen pro Jahr – können nicht mehr kostendeckend gelagert und ausgeliefert werden. Besonders betroffen sind preisgünstige Generika. Damit steht ausgerechnet ein zentraler Bereich der Basisversorgung unter wirtschaftlichem Druck.
Das Ende der Selbstverständlichkeit
Die Politik darf die Vollversorgung nicht als selbstverständlich voraussetzen. Sie ist das Ergebnis von Lagerhaltung, Transport, Personal, IT und Vorfinanzierung – und sie braucht eine solide wirtschaftliche Grundlage. Wenn ein Geschäftsmodell dauerhaft defizitär wird, kann es nicht unverändert fortgeführt werden. Ohne Anpassung der Vergütung müssten die Phagro-Mitgliedsunternehmen prüfen, welche Leistungen sie unter den gegebenen Bedingungen noch erbringen können.
Für Patientinnen und Patienten hätte das erhebliche Folgen: Arzneimittel wären nicht mehr verlässlich binnen weniger Stunden verfügbar. Touren könnten reduziert, Lagerbestände abgebaut und Serviceleistungen eingeschränkt werden. Das Versorgungsniveau in Deutschland würde spürbar sinken.
Politischer Handlungsauftrag: 30 Cent für Versorgungssicherheit
Der vollversorgende Pharmagroßhandel will die Versorgung der Apotheken und ihrer Patientinnen und Patienten auch künftig sichern. Dafür brauchen wir jedoch wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die die reale Kostenentwicklung abbilden.
Der Appell an Bundesgesundheitsministerin Nina Warken ist klar: Der gesetzliche Festzuschlag muss um mindestens 30 Cent pro Packung steigen. Nur so lassen sich die Kosten der Vollversorgung verlässlich decken. Die aktuelle Apothekenreform ignoriert dieses Problem leider gänzlich. Wer die Apotheke vor Ort stärken will, darf den Großhandel, der sie beliefert, nicht übergehen.
Michael Dammann ist Geschäftsführer des Bundesverband des pharmazeutischen Großhandels (Phagro) und Thomas Porstner Geschäftsführer und Justitiar des Phagro.
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