Gesundheits- statt Krankheitssystem : Warum wir mehr Prävention und eine bessere Versorgung brauchen
Deutschland benötigt mehr als Einzelreformen in der Gesundheitsversorgung, schreiben Sabine Deutscher, Vorstandsmitglied, und Matthias Mohrmann, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland/Hamburg, im Standpunkt. Es brauche einen Paradigmenwechsel hin zur Vermeidung von Erkrankungen, also mehr Prävention, Gesundheitsförderung und Gesundheitskompetenz, um langfristig ein leistungsfähiges Gesundheitssystem mit fairem Zugang und bestmöglicher Versorgung für alle zu erhalten.
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Es gibt aktuell keinen Politikbereich in Deutschland, in dem mehr große Reformprojekte in Arbeit sind als in unserem Gesundheitssystem: Ob Pflegereform, Krankenhausreform, Apothekenreform, Notfallreform, die Neuorganisation der ambulanten Versorgung – all diese Reformen sind dringend nötig, denn mit den aktuellen Ergebnissen bei der Lebenserwartung und der Versorgungsqualität können wir uns angesichts der im OECD-Vergleich sehr hohen Kosten nicht zufriedengeben.
Bei den aktuellen Reformen haben wir in Nordrhein-Westfalen schon viel erreicht, vor allem bei der Neuordnung der Krankenhauslandschaft, bei der die Voraussetzungen und Spielräume aufgrund der Zuständigkeit der Länder für die Krankenhausplanung andere sind als in der ambulanten Versorgung. Aber auch beim Thema Primärversorgung sind wir in NRW mit den in der vergangenen Woche vorgestellten Eckpunkten einer zukunftsfesten ambulanten Versorgung einen Schritt weiter: Die von NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) präsentierten Erkenntnisse werden von einem breiten Bündnis aus Politik, Ärzteschaft, Krankenkassen und Patientenvertretern getragen.
„Must Haves“ der Primärversorgung
Wir sprechen hier nicht von einer Primärarzt-, sondern von einer interprofessionellen, teamorientierten Primärversorgung, die den zunehmenden Mangel auch an hausärztlichen Ressourcen berücksichtigt. Die These, dass etwa drei Viertel der Menschen einen hausärztlichen Ansprechpartner haben und daher keiner weiteren Navigation bedürfen, greift zu kurz, denn eine Ersteinschätzung setzt früher an. Daher gehören auch digitale Prozesse, die Etablierung von Primärversorgungspraxen oder -zentren, die wir zum Beispiel in Hamburg an der Poliklinik Veddel und am Standort eines bisherigen Gesundheitskiosks erproben, sowie eine Weiterentwicklung des Vergütungssystematik zu den „Must Haves“ der Primärversorgung.
Das Bündnis in NRW, dem wir uns anschließen, weil diese Reform nur mit allen Beteiligten zusammen gelingen kann, ist ein gutes Signal, aber es müssen zeitnah konkrete Schritte folgen. Denn längst befeuern die Defizite in der Gesundheitsversorgung eine Unzufriedenheit, die das Vertrauen in das Gesundheitswesen und damit auch zunehmend in unsere Demokratie belastet.
Passende Behandlung zur richtigen Zeit
Wo also bestehen Versorgungsdefizite, wo werden Ressourcen ineffizient eingesetzt? Wer diese Fragen beantworten will, muss mehr in den Blick nehmen als eine obligatorische Navigation beim Zugang zur ambulanten Versorgung: Wir brauchen eine effiziente Patientensteuerung über alle Versorgungsbereiche hinweg. Versorgungsdaten unserer Versicherten zeigen, dass zu viele Patientinnen und Patienten über längere Zeit fachärztlich betreut werden, obwohl viel dafür spricht, dass eine hausärztliche Begleitung ausreichend wäre. Andere mit fortgeschrittenen chronischen Erkrankungen, bei denen Leitlinien eine spezialisierte Mitbehandlung vorsehen, erhalten diese nicht im erforderlichen Maß. Das Problem ist also weniger ein Zuviel oder Zuwenig an Leistungen, sondern ihre fehlende Zielgenauigkeit. Eine effiziente Primärversorgung muss sicherstellen, dass jede und jeder die passende Behandlung zur richtigen Zeit erhält.
Die strukturellen Veränderungen gelingen nur, wenn die Vergütungssystematik angepasst wird. Der gegenwärtige Abrechnungsrahmen setzt Anreize für eine hohe Anzahl einzelner Arztkontakte, während Koordination, Präventionsberatung und interdisziplinäre Abstimmung vergleichsweise gering gewichtet werden. Zur Primärversorgung gehört eine Vergütung, die Aufwände realistisch abbildet und Teamleistungen honoriert. Wer komplexe Behandlungsverläufe koordiniert und Prävention integriert, darf wirtschaftlich nicht schlechter gestellt sein als jemand, der möglichst viele Einzelleistungen erbringt.
Dabei geht es nicht um Einsparungen, auch wenn wir davon ausgehen, dass sich die Anzahl fachärztlicher Konsultationen signifikant senken ließe. Eine gute Primärversorgung ist kein Sparprogramm, sondern ein Ordnungsrahmen, der knappe ärztliche Ressourcen dort bereitstellt, wo sie medizinisch notwendig sind. Es geht um höhere Qualität und mehr Effizienz. Beides wird Geld kosten – wie bei der Krankenhausreform, die im besten Fall langfristig Kosten stabilisiert oder senkt.
„Gesundheit gehört ins Grundgesetz“
Bei allen notwendigen Reformen in der Versorgung: Die größte Wirkung für mehr Gesundheit und Leistungsfähigkeit in der Gesellschaft ließe sich mit Gesundheitsförderung und Prävention erzielen. Das Risikopotenzial von ungesunder Ernährung, Tabak- oder Alkoholkonsum, fehlender Bewegung und mentaler Belastung wird auch in der Politik gesehen: Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hat auf dem Präventionsgipfel des AOK-Bundesverbands deutlich gemacht, dass wir unser Gesundheitssystem nicht neu aufstellen können, wenn wir das Potenzial, das in der Prävention liegt, weiter ignorieren. Die Diskussion um die Novellierung des Präventionsgesetzes, das es seit 2015 gibt, zeigt jedoch: Das Gesetz hat in der bestehenden Form keinen Systemwechsel bewirkt. Immer noch begreifen wir Prävention nicht als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die weit über reaktive Maßnahmen wie Diagnostik, Medikation und Screening hinausgeht.
Die Debatte um die Einführung einer Zuckersteuer zeigt, wie sehr vor allem ökonomische Einzelinteressen nach wie vor Veränderungen verhindern – selbst bei eindeutigen Sachverhalten wie dem Schaden durch übermäßigen Zuckerkonsum, der nicht nur gesundheitliche, sondern auch volkswirtschaftliche Schäden verursacht. Deshalb darf Gesundheit nicht mehr als „Sektor“ behandelt werden, der gegen andere Politikbereiche ausgespielt werden kann. „Gesundheit gehört ins Grundgesetz“: Diese Forderung unterstützen wir.
Nicht alle werden erreicht
Unser Gesundheitswesen ist nach wie vor fokussiert darauf, Krankheiten zu behandeln und deren Versorgung zu verbessern. Wir reagieren auf Erkrankungen, investieren aber vergleichsweise wenig in deren systematische Vermeidung. Präventionsangebote existieren in Betrieben, Kommunen, Schulen. Doch sie sind projektbezogen, zeitlich befristet und nicht ausreichend miteinander verzahnt. Vor allem erreichen sie Bevölkerungsgruppen zu selten, die besonders stark belastet sind. So entsteht ein Paradox: Ausgerechnet dort, wo Gesundheitskompetenz, Gesundheitsförderung und Prävention am dringendsten nötig wären, entfalten sie die geringste Wirkung. Gesundheit beginnt, dort, wo Menschen leben und ihren Alltag gestalten. Sie ist immer ein regional relevantes Thema – und muss daher auch kommunal gefördert werden.
Wenn chronische Erkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Leiden oder Depressionen zunehmen, ist das ein weiterer Indikator dafür, dass Lebens- und Arbeitsbedingungen nicht gesundheitsförderlich umgesetzt werden, selbst dann, wenn es entsprechende Konzepte gibt. Prävention darf daher nicht weiter nur auf individuelle Verhaltensänderung reduziert werden. Sie muss strukturell ansetzen, lange bevor Krankheiten und Versorgungsbedarfe entstehen: in unserem Alltag, in der Qualität frühkindlicher Bildung, bei Bewegungsräumen in Städten, bei den Arbeitsbedingungen und sozialer Sicherheit. Gesundheitsförderung und Prävention müssen endlich als Teil öffentlicher Daseinsvorsorge verstanden und gelebt werden.
Der Perspektivwechsel lautet: Prävention ist Teil der Infrastruktur und genauso relevant wie Straßen, Bildung oder digitale Netze. Kommunales Gesundheitsmanagement und betriebliche Prävention sind keine Sozialromantik, sondern Standortpolitik, die Lebensqualität und Gesundheit befördert – und wirtschaftspolitisch relevant sind. Finanzielle Mittel, die in wirksame Präventionsstrategien fließen, der Mut, den Paradigmenwechsel umzusetzen und die gemeinsame Übernahme von Verantwortung für unsere Gesellschaft fördern Gesundheit, Wirtschaft und den demokratischen Zusammenhalt. Gesundheit ist kein Polaroid, sondern eine Langzeitaufnahme und die Voraussetzung für unsere gesellschaftliche Stabilität.
Sabine Deutscher ist Vorstandsmitglied, und Matthias Mohrmann, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland/Hamburg.
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