Globale Gesundheitsrisiken : Wenn Geber sich zurückziehen, nimmt Malaria wieder zu
Noch immer stirbt etwa jede Minute ein Kind an Malaria – die meisten von ihnen in Afrika und unter fünf Jahren. Trotz großer Fortschritte geraten die Erfolge zunehmend unter Druck. Deutschland spielt dabei eine Schlüsselrolle: als einer der wichtigsten Geber und als Innovationsstandort. Warum es diesen Weg fortsetzen sollte, schreibt die ehemalige Tropenmedizinerin Marijke Wijnroks im Standpunkt anlässlich des Welt-Malaria-Tags am vergangenen Samstag.
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Wenn in einem Flüchtlingslager in Darfur ein Kind Fieber bekommt, ist ungewiss, ob es auf Malaria getestet und behandelt wird. Viele sind nicht einmal nachts durch ein Moskitonetz geschützt. Im Sudan zeigt sich beispielhaft: Malaria wartet nicht auf Friedensabkommen oder humanitäre Korridore – bestehende Instabilität ist ein idealer Nährboden für die Krankheit.
Während Deutschland und andere Geberländer intensive Sicherheitsdebatten führen und vielerorts Mittel für Entwicklungszusammenarbeit unter Druck geraten, droht in fragilen Regionen ein Wiederanstieg der Malariafälle. Dabei wurde Malaria in den vergangenen zwei Jahrzehnten weltweit erfolgreich zurückgedrängt. Moskitonetze, Schnelltests, wirksame Medikamente und verlässliche Finanzierung retteten Millionen Leben.
Eine veränderte Ausgangslage
Der Sudan ist kein Einzelfall. In Teilen der Sahelzone, am Horn von Afrika und in Südostasien schaffen Konflikte, Vertreibung und extreme Wetterereignisse erneut Bedingungen, unter denen sich Malaria schnell ausbreiten kann: überfüllte Unterkünfte, unterbrochene Gesundheitsdienste und zusammenbrechende Lieferketten. Fortschritte, die über Jahre aufgebaut wurden, können so in wenigen Monaten verloren gehen.
Hinzu kommt eine weitere Bedrohung: Resistenzen gegen etablierte Medikamente. Laut dem jüngsten Welt-Malaria-Bericht der Weltgesundheitsorganisation breitet sich die Resistenz gegen Artemisinin-basierte Therapien in mehreren Regionen aus – genau jene Medikamente, die seit zwei Jahrzehnten das Rückgrat der Behandlung bilden.
Für betroffene Familien ist das konkret spürbar: Ein Kind erhält die gewohnte Behandlung – doch das Fieber bleibt. Die Genesung verzögert sich. In einer Krankheit, die innerhalb weniger Tage tödlich verlaufen kann, zählt jede Stunde. Resistenz bedeutet daher Unsicherheit, längeres Leiden und vermeidbare Todesfälle. Das ist ein Alarmsignal, das nicht ignoriert werden darf.
Innovation ermöglicht Fortschritte
Gleichzeitig stehen neue und wirksamere Instrumente zur Verfügung, an deren Entwicklung deutsche Forschungseinrichtungen und die Chemieindustrie maßgeblich beteiligt sind. Eine neue Generation von Moskitonetzen von BASF kombiniert zwei Wirkstoffe und wirkt auch gegen resistente Mücken. Die neuen Netze sind 45 Prozent wirksamer bei der Verringerung von Malariafällen. Entscheidend ist, dass diese Innovation die Menschen erreicht. Durch gezielte Marktgestaltung des Globalen Fonds konnten solche Netze zu Preisen bereitgestellt werden, die einen großflächigen Einsatz ermöglichen. Durch das New Nets Project in Partnerschaft mit Unitad konnten bis Ende 2025 bereits rund 70 Prozent der beschafften Netze mit diesen Wirkstoffen ausgestattet werden.
Programme wie das New Nets Project zeigen, wie öffentliche Finanzierung Innovation voranbringt und gleichzeitig Märkte für Unternehmen erschließt. Der gleiche Ansatz wird nun auf Medikamente übertragen: Länder werden dabei unterstützt, mehrere wirksame Therapien parallel einzusetzen, um Resistenzen zu verlangsamen und die Versorgungssicherheit zu erhöhen.
Auch Impfstoffe beginnen, die Eindämmung von Malaria zu verändern. Bis Ende 2024 haben 17 afrikanische Länder erste von der WHO empfohlene Impfstoffe mit Unterstützung von der globalen Impf-Allianz Gavi in ihre Programme aufgenommen. Parallel stärkt der Globale Fonds Planung und Datensysteme für die Einführung.
Insgesamt wird der Globale Fonds in den kommenden drei Jahren mehr als 3,5 Milliarden US-Dollar investieren, um Malaria einzudämmen und diese Innovationen verfügbar zu machen.
Beiträge zur globalen Gesundheitsarchitektur – auch die Deutschlands – haben maßgeblich dazu beigetragen, dass Programme in besonders betroffenen Regionen umgesetzt werden konnten. 47 Länder sind mittlerweile von der WHO als malariafrei zertifiziert, zuletzt kamen Suriname und Timor-Leste hinzu. Ihr Erfolg zeigt: Wo Regierungen Verantwortung übernehmen, Gemeinschaften einbezogen werden und Partner ihre Maßnahmen an nationalen Strategien ausrichten, kann Malaria eingedämmt und langfristig eliminiert werden – selbst unter schwierigen Bedingungen.
Verlässliche Finanzierung bleibt entscheidend
Doch angesichts wachsender Haushaltszwänge stehen globale Gesundheitsausgaben vieler Geber unter Druck. Eine im Fachjournal „The Lancet“ veröffentlichte Studie zeigt, dass bereits moderate Kürzungen unmittelbare Folgen haben: Modellrechnungen zufolge könnte der Rückzug großer Geber innerhalb eines Jahres zu mehr als 13 Millionen zusätzlichen Malariafällen und über 100.000 weiteren Todesfällen in betroffenen afrikanischen Ländern führen.
Die Erkenntnis ist eindeutig: Wenn Geber sich zurückziehen, nimmt Malaria wieder zu. Die Krankheit reagiert schnell auf Finanzierungslücken – und breitet sich ebenso schnell wieder aus. Deutschland gehört seit Jahren zu den verlässlichsten Partnern in der globalen Gesundheit. Dieses Engagement hat nicht nur Leben gerettet. Organisationen wie One Germany weisen darauf hin, dass Investitionen in globale Gesundheit immer auch Investitionen in menschliche Sicherheit sind. Starke Gesundheitssysteme reduzieren Instabilität, schützen Volkswirtschaften und verhindern, dass Krisen über Grenzen hinweg eskalieren.
Für Deutschland bedeutet dies: Jeder investierte Euro stärkt nicht nur die globale Resilienz, sondern auch die eigenen strategischen Interessen – von Krisenprävention über Klimaanpassung bis hin zur internationalen Sicherheit.
Führungsrolle weitertragen
Malaria ist vermeidbar und behandelbar. Dass dennoch jedes Jahr hunderttausende Kinder daran sterben, ist keine medizinische, sondern eine politische Frage. Deutschlands Engagement in der globalen Gesundheit steht für strategische Weitsicht – für Investitionen in Innovation, Stabilität und gemeinsame Sicherheit. Es zeigt, dass internationale Zusammenarbeit konkret wirkt. Die Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte sind kein Selbstläufer. Sie beruhen auf kontinuierlicher Unterstützung und verlässlichen Partnerschaften. Deutschlands Führungsrolle hat dazu maßgeblich beigetragen. Es lohnt sich in vielerlei Hinsicht, diesen Weg konsequent fortzusetzen.
Marijke Wijnroks ist Mitglied des Exekutivkomitees des Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria. Als Ärztin und ehemalige Tropenmedizinerin verfügt sie über mehr als 30 Jahre Erfahrung im Bereich der globalen Gesundheit und hat während ihrer Arbeit im Südsudan und der gesamten Region die verheerenden Auswirkungen der Malaria miterlebt.
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