Prävention und Versorgung : Wenn Innovation allein nicht ausreicht
Medizinisch war man bei Diabetes und Adipositas nie weiter als heute. Trotzdem erkranken noch viele Menschen in Europa an Folgeerkrankungen - mit hohen Kosten für das Gesundheitswesen. Das liegt weniger an fehlender Therapie als an an späten Diagnosen, unklaren Zuständigkeiten und schlechter Abstimmung, schreibt Alexander Horn, Geschäftsführer von Lilly Deutschland, im Standpunkt. Seine Antwort: Prävention und frühe Behandlung müssen Vorrang haben und strukturell verankert werden.
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Diabetes gehört laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu den zehn häufigsten Todesursachen weltweit. Gleichzeitig wächst die Zahl der Menschen mit Adipositas und anderen kardiometabolischen Erkrankungen. Die medizinischen Möglichkeiten, diesen Entwicklungen entgegenzuwirken, waren noch nie so groß wie heute. Und dennoch stehen wir vor einer großen Herausforderung, denn: Fortschritt in der Medizin führt nicht automatisch zu Fortschritt in der Versorgung.
Trotz Therapie kein Fortschritt
Gerade in Deutschland wird intensiv darüber diskutiert, wie Prävention, frühzeitige Behandlung und Innovation dazu beitragen können, Folgeerkrankungen zu vermeiden und Gesundheitssysteme langfristig zu entlasten. Hier geht es nicht in erster Linie darum, ob Innovation verfügbar ist, sondern um die Frage, warum ihr Nutzen häufig hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibt.
Diese Frage stand auch im Zentrum des von Lilly initiierten „Milan Dialogue“ am Rande der diesjährigen Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes (EASD). Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Patientenorganisationen, Verbänden und Politik diskutierten dort, warum medizinischer Fortschritt häufig schneller voranschreitet als die Systeme, die ihn in die Versorgung bringen sollen.
Das Beispiel Typ-2-Diabetes macht deutlich, worum es geht. Das klinische Verständnis der Erkrankung hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Die therapeutischen Möglichkeiten haben sich erheblich erweitert. Trotzdem hat sich der Anteil der Menschen in Europa, die ihre individuellen Behandlungsziele erreichen, nach zwei Jahrzehnten therapeutischer Innovation nicht messbar verbessert. Das sollte uns zu denken geben.
Wenn bessere Therapien nicht automatisch zu besseren Ergebnissen führen, lohnt sich der Blick auf die Versorgung selbst. Verspätete Diagnosen, unklare Verantwortlichkeiten oder mangelnde Abstimmung entlang der Behandlung stehen selten im Mittelpunkt gesundheitspolitischer Debatten. Für die Betroffenen machen sie jedoch oft den Unterschied.
Die Kosten der Nichtbehandlung
In Deutschland wird seit Jahren intensiv diskutiert, wie steigende Gesundheitsausgaben finanziert werden können. Weit weniger Aufmerksamkeit erhält die Frage, welche Kosten entstehen, wenn chronische Erkrankungen zu spät erkannt oder behandelt werden.
Dabei sind die Zusammenhänge bekannt. Adipositas erhöht das Risiko für Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Mit den Folgeerkrankungen steigen auch die Belastungen für Betroffene und Gesundheitssysteme. Das Robert Koch-Institut (RKI) verweist in seiner Adipositas-Übersicht ausdrücklich auf die erheblichen gesundheitlichen und gesellschaftlichen Folgen von Adipositas sowie die damit verbundenen Kosten.
Ähnlich ist die Situation bei Diabetes. Menschen mit Diabetes sind überdurchschnittlich häufig von Herz-, Nieren- und Augenerkrankungen betroffen. Aus einer Erkrankung werden schnell mehrere, mit Folgen für die Lebensqualität der Betroffenen und für unser Gesundheitssystem.
Laut dem Deutschen Gesundheitsbericht Diabetes 2026 der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und der Deutschen Diabetes-Hilfe fallen im Vergleich bei Menschen mit diagnostiziertem Diabetes etwa doppelt so hohe Gesundheitskosten an wie bei Menschen ohne Diabetes. Dabei entfällt der Großteil der direkten Diabeteskosten auf die Behandlung von Folgeerkrankungen. Die damit verbundenen Ausgaben belaufen sich gemäß dem Deutschen Gesundheitsbericht Diabetes 2026 in Deutschland jährlich auf rund 36 Milliarden Euro. Damit belegt Deutschland Platz 4 der Länder mit den höchsten diabetesbezogenen Gesundheitskosten.
Die Vorstellung, man könne durch spätes Handeln Ressourcen sparen, ist ein Trugschluss. Wer Prävention, Früherkennung und rechtzeitige Behandlung bei Diabetes und Adipositas vernachlässigt, verschiebt Probleme lediglich in die Zukunft und das meist zu einem deutlich höheren Preis. Nicht nur finanziell, sondern vor allem auch für die Menschen, die mit vermeidbaren Folgeerkrankungen leben müssen. Dennoch richten wir unsere Aufmerksamkeit häufig erst auf die Folgen, wenn sie bereits eingetreten sind. Dann wird behandelt, kompensiert und repariert, oft mit großem Aufwand für die Betroffenen und hohen Kosten für das Gesundheitssystem.
Fortschritt braucht Reformen
Medizinischer Fortschritt braucht fortschrittliche Versorgungsstrukturen. Solange Prävention, Diagnostik, Behandlung und langfristige Betreuung zu oft nebeneinander statt miteinander organisiert werden, bleiben die Möglichkeiten moderner Medizin hinter ihrem tatsächlichen Potenzial zurück. Gerade bei Diabetes und Adipositas entscheidet sich der Behandlungserfolg häufig lange, bevor Folgeerkrankungen auftreten.
Wir brauchen den Mut, unser Gesundheitssystem konsequent auf Gesundheitserhaltung auszurichten: durch Prävention und den frühen Einsatz von Innovationen, damit weniger Menschen erkranken und schneller genesen. Weg vom Verwalten von Krankheiten, hin zum Erhalt von Gesundheit. In Deutschland, Europa und weltweit müssen wir deshalb Strukturen schaffen, die Erkrankungen früher erkennen, Behandlungen konsequenter begleiten und vermeidbare Folgeerkrankungen tatsächlich verhindern.
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