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Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Frauen in den Wechseljahren werden schlecht versorgt

Anke Sinnigen, Gründerin der Wissensplattform Wexxeljahre
Anke Sinnigen, Gründerin der Wissensplattform Wexxeljahre Foto: Wexxeljahre

Die Gesundheit von Frauen in der Lebensmitte findet nicht die Beachtung, die sie verdient: Die Wechseljahre und ihre Symptome sind in der ärztlichen Ausbildung kein Thema; zudem wird die Beratung nicht extra vergütet. Anke Sinnigen von Wexxeljahre plädiert für eine differenziertere Sicht auf Hormontherapien und vor allem für mehr Aufklärung.

von Anke Sinnigen

veröffentlicht am 03.01.2023

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Etwa 10 Millionen Frauen in Deutschland sind aktuell in den Wechseljahren. Über die Symptome wissen die meisten Frauen nur wenig, denn kaum jemand spricht darüber – weder in der Familie, im Freundeskreis oder am Arbeitsplatz. Daher gehen meist ein paar Jahre ins Land, bevor Frauen medizinischen Rat aufgrund verschiedener Beschwerden suchen. „Da müssen Sie jetzt durch“ lautet dann allerdings häufig die Antwort der Gynäkolog:innen – oft weil sie es selbst nicht besser wissen: denn das „Klimakterium“ ist auch in der ärztlichen Ausbildung kein Thema; zudem wird die Beratung nicht extra vergütet.

So bleiben viele Frauen etwas verzweifelt mit Beschwerden zurück, die sie oft nicht zuordnen können, die aber ihren Alltag stark belasten. Die Symptome führen auch beruflich zu Einschränkungen: eine von zehn Frauen kündigt ihren Job, etwa 25 Prozent nehmen eine Beförderung nicht an, andere gehen vorzeitig in den Ruhestand. All das ist in den meisten HR-Abteilungen und in der Öffentlichkeit nicht bekannt, ebenso wenig die rund 34 typischen Symptome, die sich auf die hormonellen Veränderungen zurückführen lassen: Ganz oben stehen laut Studien mit 80 Prozent die Hitzewallungen. 32 bis 46 Prozent der Frauen sind von Schlafstörungen betroffen, Gelenkschmerzen berichten 50 bis 60 Prozent. Und der Hormonmangel macht auch vor der Psyche nicht halt: Das Risiko einer neu auftretenden Depression ist bei Frauen in den Wechseljahren 2,5-mal höher als in den Jahren zuvor.

Allgemein gilt die Regel, dass etwa ein Drittel aller Frauen schwere, ein Drittel moderate und ein weiteres Drittel keine Beschwerden hat. Im Gespräch mit Wexxeljahre erklärte die Professorin Petra Stute, Gynäkologin am Inselspital Bern, dass das tatsächliche Bild aber anders aussieht: „Für diese Angaben wurden ausschließlich Hitzewallungen erfasst, und zwar nur die von Frauen, die deshalb eine Ärzt:in aufsuchten. Würde man alle Frauen und alle Symptome berücksichtigen, wären wir eher bei einer Prävalenz von 100 Prozent.“ 

Wie werden Symptome behandelt?

Wenn also praktisch alle Frauen von den Beschwerden betroffen sind – denn jede Frau kommt in die Wechseljahre – bleibt die Frage, wie diese behandelt werden. An erster Stelle stehen pflanzliche Präparate wie die Traubensilberkerze oder Soja-Isoflavone, von denen Frauen sich eine schonende Linderung versprechen. Auch wenn die Studienlage dazu widersprüchlich ist, sind diese sicherlich einen Versuch wert. Darüber hinaus können sich eine ausgewogene Ernährung, viel Bewegung und Sport positiv auf die Symptome auswirken. 

Guckt man in die aktuelle Leitlinie der Peri- und Postmenopause, wird dort die Hormonersatztherapie (HRT) empfohlen. Allerdings kommt diese kaum zum Einsatz: laut Angaben der Techniker Krankenkasse erhalten nur 6,2 Prozent der berufstätigen Frauen eine HRT. Woran liegt das? Ein Grund ist sicherlich das schlechte Image der HRT. Die größte Studie zur Frauengesundheit (WHI) hatte vor 20 Jahren ein erhöhtes Risiko unter anderem für Brustkrebs und Thrombosen gezeigt. Dass sie nun trotzdem in der aktuellen Leitlinie empfohlen wird, liegt an zahlreichen Neu-Interpretationen und Auswertungen der Studiendaten. Sogar die Autor:innen haben bereits vor einigen Jahren unter anderem gravierende Fehler im Studiendesign eingestanden, die zu vielen falschen Annahmen geführt hatten. Dazu kommt, dass es mittlerweile weiter risikoreduzierende transdermale Therapien sowie bioidentische Hormone gibt, die eine Art Zwilling der körpereigenen Hormone sind und sehr individuell sowie mit weniger Nebenwirkungen verabreicht werden können.

Aber nicht nur die Behandlung der Wechseljahresbeschwerden, sondern auch ein weiterer Aspekt sollte bei der medizinischen Betreuung von Frauen in den Lebensmitte eine Rolle spielen: Frauen werden heute etwa 84 Jahre alt und die Prävention vor Alterserkrankungen wird deshalb immer wichtiger. Auch hierzu zeigen Daten aus der WHI-Studie, dass eine HRT sowohl das Risiko für Osteoporose (von der jede 4. Frau ab 50 Jahren betroffen ist) reduzieren kann als auch das für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zudem konnte das Auftreten von Diabetes fast halbiert werden, es erkrankten signifikant weniger Frauen an Darmkrebs, und vermutlich haben die Hormone auch positiven Einfluss auf die Entwicklung einer Demenz. 

Differenziertere Sicht

Die differenziertere Sicht auf die WHI-Studie, die neue Generation der Hormone als auch Möglichkeiten der Prävention sind bei Ärzt:innen und Frauen kaum bekannt. Hormone sind gewiss kein Allheilmittel und kommen ohnehin nicht für alle Frauen in Frage, aber es braucht unbedingt mehr Aufklärung und vor allem weitere Forschungen, um validierte Empfehlungen aussprechen zu können.

Ein anderer Grund für die wenigen Verschreibungen ist offenbar, dass die Symptome gar nicht den Wechseljahren zugeordnet werden: Laut einer Studie mit repräsentativen Ergebnissen aus Abrechnungsdaten von rund 600.000 Frauen zwischen 35 und 70 Jahren litten nur knapp 83.000 Patientinnen an klimakterischen Beschwerden, das sind 14 Prozent. Woher kommt diese niedrige Zahl, die die Wechseljahre belanglos erscheinen lässt? Petra Stute, Autorin der Studie, kann sich die große Diskrepanz nur durch eine Fehlkodierung erklären. „Die Beschwerden werden nicht als Symptome der Wechseljahre erkannt und entsprechend kodiert. Das heißt auch, dass Frauen andere Medikamente erhalten, wie Schmerzmittel, Antidepressiva oder etwa eine Physiotherapie bei Rückenschmerzen anstelle von Präparaten gegen Wechseljahresbeschwerden.“ 

Diese falsche Zuordnung ist leider ein weiteres Beispiel dafür, dass die Gesundheit von Frauen in der Lebensmitte nicht die Beachtung findet, die sie verdient. Frauen mit Kinderwunsch und Schwangerschaft haben in unserem Gesundheitssystem einen sehr viel höheren Stellenwert als die unfruchtbare Frau – dabei verbringen Frauen mehr als ein Drittel ihres Lebens außerhalb der reproduktiven Phase. Es ist höchste Zeit, dass diese Frauen mehr Aufmerksamkeit von Forschung und Ärzt:innen erhalten, und es sollte auch im Interesse von Unternehmen sein, Frauen in den Wechseljahren besser zu unterstützen. Anderenfalls verlieren alle, vor allem aber die Frauen.

Anke Sinnigen ist die Gründerin der Wissensplattform Wexxeljahre. Zuvor arbeitete die Kommunikations- und Digitalexpertin in der Healthcare- und Pharmabranche.

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