HPV-Impfungen : Wir müssen die Impfraten steigern
HPV-Impfungen können zuverlässig Krebserkrankungen vermindern, trotzdem werden sie in Deutschland immer noch zu selten durchgeführt. Mangelnde Aufklärung und nicht adressierte Ängste spielen dabei unter anderem eine Rolle, schreibt Dr. Katharina Hüppe. Aufklärung, niedrigschwellige Angebote und digitale Impferinnerungen können helfen, Impflücken zu schließen und die WHO-Ziele zu erreichen, meint die Vorsitzende des Nationalen Aktionsbündnis Impfen (NABI).
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Durch Humane Papillomviren (HPV) bedingte Krebsarten lassen sich zu über 90 Prozent durch gezielte HPV-Impfung und eine effektive Früherkennung vermeiden. Die aktuelle internationale Studienlage belegt eindeutig die Verhinderung von zervikalen Präkanzerosen und Gebärmutterhalskrebs, eine sehr hohe Wirksamkeit in der Verhinderung von Analkrebs-Vorstufen, Oropharynxkarzinomen und weiteren Krebsarten im Genitalbereich. Zudem schützt die Impfung, je nach angewandtem Impfstoff, vor HPV-bedingten Genitalwarzen.
Laut dem Robert Koch-Institut (RKI) erkranken in Deutschland jährlich etwa 7.450 Frauen und 3.000 Männer an HPV-assoziierten Krebserkrankungen, wobei etwa 4.300 gemeldete Fälle von Zervixkarzinomen bei den Frauen und etwa 1.900 Neuerkrankungen von Oropharynxkarzinomen bei den Männern den jeweils größten Anteil an den HPV-bedingten Neuerkrankungen einnehmen. Diese Erkrankungen verursachen immenses persönliches Leid bei den Betroffenen und deren Familien und erhebliche medizinische Behandlungskosten. Der positive Effekt einer hohen HPV-Impfquote auf die Krankheitslast auf Bevölkerungsebene konnte in anderen Ländern bereits nachgewiesen werden. Deutschland hat die medizinischen und strukturellen Voraussetzungen, um HPV-bedingte Krebserkrankungen bei Frauen wie Männern zu eliminieren. Dennoch sind im internationalen Vergleich die Impfraten in Deutschland absolut unzureichend.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verfolgt das Ziel, Gebärmutterhalskrebs langfristig zu eliminieren. Sie empfiehlt neben weiteren Maßnahmen, dass bis 2030 möglichst 90 Prozent der 15-jährigen Mädchen gegen HPV geimpft sind. Die EU-Kommission gibt darüber hinaus vor, dass auch für Jungen die HPV-Impfquoten deutlich gesteigert werden sollen. Deutschland als Teil der EU unterstützt dieses Ziel der Krebsprävention.
Gesundheitskompetenz und Impfkompetenz
Für einen effektiven langfristigen HPV-Impfschutz empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) zwei Impfungen im Alter von 9 bis 14 Jahren und bei Impfbeginn ab dem 15. Geburtstag drei Impfungen. Bereits die erste Impfung verfügt über eine hohe Wirksamkeit. Gegebenenfalls erforderliche Nachholimpfungen sollen bis zum 18. Geburtstag erfolgen. In Deutschland verfügen Stand 2024 nur 55 Prozent der 15-jährigen Mädchen und 36 Prozent der 15-jährigen Jungen über einen vollständigen HPV-Impfschutz mit zwei erfolgten Impfungen. Gründe, warum Menschen sich gegen eine Impfung entscheiden, sind zum Beispiel fehlendes Vertrauen in die Wirksamkeit und Sicherheit von Impfungen, die persönliche Risikowahrnehmung oder auch mangelndes Wissen zu HPV und den Folgen einer HPV-Infektion.
Vertrauen schaffen, die Impfakzeptanz erhöhen und gezielt auf die genannten Einflussfaktoren eingehen, kann eine fachlich fundierte, zielgruppenspezifische, empathische und motivierende Aufklärung. Sie vermittelt, wie Impfungen funktionieren, welche Vorteile sie bieten und welche potenziellen Risiken bestehen. Dieses Wissen ermöglicht es, informierte Entscheidungen zu treffen.
Aufgrund des empfohlenen Impfalters müssen bei der HPV-Impfung verschiedene Zielgruppen adressiert werden. Informationen, die so aufbereitet werden, dass sie für jede der Zielgruppen relevant und verständlich sind, ermöglichen eine zielgruppenspezifische, gegebenenfalls digitale Kommunikation und erleichtern den Zugang zu Gesundheitsinformationen und Präventionsangeboten.
Förderung von Impfangeboten
Eine oft entscheidende Rolle für die Impfentscheidung spielt die Arzt-Patienten-Kommunikation. Aber auch medizinisches Fachpersonal in Arztpraxen und Gesundheitsämtern sowie Hebammen und Lehrkräfte können zu einer positiven Einstellung zu einer HPV-Impfung beitragen. Die professionelle, empathische Kommunikation dient nicht nur der kompetenten Vermittlung von fachlichen Inhalten, sondern auch der Beantwortung komplexer persönlicher Fragen und der Wahrnehmung von Ängsten und Bedenken.
Die HPV-Impfung erfolgt zumeist in pädiatrischen, hausärztlichen oder gynäkologischen Praxen im Rahmen von Vorsorgeuntersuchungen. Seltene Arztkontakte machen die Altersgruppe der 9- bis 14-Jährigen und der älteren Jugendlichen schwer erreichbar. Persönliche Lebensumstände, Terminschwierigkeiten und Alltagsbelastungen sowie eine gegebenenfalls fehlende ärztliche Anbindung stellen zudem Impfhürden dar. Eine gesetzliche Übernahme der U10 und U11 für alle versicherten Kinder ermöglichte, in der U10 bereits auf die anstehende HPV-Impfung hinzuweisen und die erste HPV-Impfung bei der U11 durchzuführen. Ergänzende subsidiäre Impfangebote der Gesundheitsämter in Impfsprechstunden in den Ämtern und vor Ort im alltäglichen, persönlichen Umfeld der Personen erreichen insbesondere bisher unterversorgte Bevölkerungsgruppen.
Eine separate Vergütung inhaltlich und zeitlich sehr aufwendiger ärztlicher Impfaufklärung sowie die Sicherstellung der Abrechnung umgesetzter neuer Schutzimpfungsrichtlinien ab Inkrafttreten bis die finale Impfvereinbarung in Kraft tritt, könnten impfende Ärztinnen und Ärzte zudem zur Durchführung von Impfungen motivieren.
Digitalisierung bringt die Prävention voran
Ein digitales Impfmanagement, möglichst ein von allen Impfakteuren genutztes einheitliches System, ermöglichte, auf anstehende Impfungen zielgerichtet, individuell und vertraulich aufmerksam zu machen und datenschutzkonform digital zu erinnern. Diese Impferinnerung ermöglichte auch ein elektronischer Impfpass (eIP) als Teil der elektronischen Patientenakte (ePA), der Impfdaten aller Impfakteure wie zum Beispiel in Arztpraxen, Kliniken, Betrieben, Öffentlichem Gesundheitsdienst und Bundeswehr tätigen Ärztinnen und Ärzte dokumentiert.
Datenschutzgerecht wären eine zeitnahe, kleinräumige Aussage zu Impfquoten und eine Identifizierung von Impflücken möglich. Kann seit März 2024 die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) Impflücken in den Abrechnungsdaten erkennen und datengeschützt Versicherte gezielt auf von der STIKO empfohlene Impfangebote hinweisen, ist mit dem geplanten Gesetz für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen eine Erweiterung der Datengrundlage um ePA-Daten zu erwarten mit der Option, unvollständig Geimpfte zielgruppengenau und niedrigschwellig über einen digitalen Recall anzusprechen. Ein digitales Impfmanagement steigert durch Arbeitserleichterung die Effizienz im Gesundheitswesen.
Weiterentwicklung von Monitoring und Surveillance
Durch eine gute Surveillance können die Impfteilnahme und langfristig Auswirkungen der HPV-Impfungen auf Inzidenzraten HPV-induzierter Erkrankungen bewertet werden. Inzidenzraten von Gebärmutterhalskrebs in der Altersgruppe von 20 bis 34 Jahren eignen sich bei den Krebsregistern bereits heute dazu, den Effekt der HPV-Impfung in der weiblichen Bevölkerung zu beschreiben. Seit Oktober 2025 sind GKV-Routinedaten von etwa 74 Millionen Versicherten in Deutschland auswertbar. Über die Verknüpfung mit Krebsregisterdaten wird perspektivisch auch die Beobachtung von Impfeffekten auf die Inzidenz, Prävalenz und Mortalität der HPV-induzierten Krebsarten möglich.
Die Nationale Lenkungsgruppe Impfen (NaLI) und das Nationale Aktionsbündnis Impfen (NABI) setzen sich dafür ein, das Bewusstsein für die Wichtigkeit der HPV-Impfung zu schärfen und die HPV-Impfquoten in Deutschland deutlich zu steigern. Im von der NaLi vorgeschlagenen nationalen HPV-Impfjahr 2028 soll mit einer von der NaLi koordinierten Zusammenarbeit verschiedener Akteure und der Implementierung vielfältiger, zielgerichteter Maßnahmen gemeinsam ein nachhaltiger Beitrag zur Prävention von HPV-bedingten Erkrankungen geleistet werden.
Dr. Katharina Hüppe ist Vorsitzende des Nationalen Aktionsbündnisses Impfen NABI e.V.
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