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Standpunkt

Pubertätsblocker: Eine Scheindebatte?

Sabine Maur, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin
Sabine Maur, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Foto: privat

Nach einem Urteil zu Pubertätsblockern für trans Jugendliche in England ist eine Debatte entbrannt. Die Diskussion gehe aber am Behandlungsalltag vorbei, denn dort werde sorgfältig abgewogen und behandelt, meint Sabine Maur.

von Sabine Maur

veröffentlicht am 09.02.2021

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Für mich ist die Debatte, die hierzulande auf das Pubertätsblockerverbot für unter 16-Jährige in England folgte, eine Scheindebatte. Diese Behandlung ist in Deutschland ohnehin nur mit Einwilligung der Sorgeberechtigten erlaubt. Es wird so getan, als könnten Jugendliche hier in Deutschland sich mit 12 Jahren alles aboperieren lassen. Aber das ist nicht so. Das deutsche Gesundheitssystem ist in diesen Fragen sehr gut und geht sehr sorgfältig mit diesen Fällen um.

Nur weil die Konversionstherapie verboten ist, heißt das noch lange nicht, dass man irgendjemanden in irgendeine Richtung therapieren müsste. Deshalb bin ich auch keine Freundin der Begriffe „affirmativ“ und „nicht affirmativ“, denn wir Psychotherapeut:innen müssen in erster Linie erst einmal eine gute, unvoreingenommene Diagnostik durchführen, die weitere Behandlung unterliegt der Sorgfaltspflicht. Für alles andere wären wir berufsrechtlich belangbar. Deshalb kann uns auch niemand eine Richtung vorschreiben, in die wir beraten sollen.

Lange Begleitung bis zum Therapiestart

Wenn ein Kind zu mir in die Praxis kommt, führe ich erst einmal eine gründliche Diagnostik durch. Wenn die Diagnose uneindeutig ist, wird es eine Verlaufsdiagnostik, bei der man im Therapieverlauf immer wieder schaut, in welche Richtung sich das Kind äußert und entwickelt. Normalerweise begleiten wir Kinder- und Jugendpsychotherapeut:innen sowie die behandelnden Psychiater:innen die Kinder über Jahre hinweg, bevor überhaupt über eine Hormontherapie nachgedacht wird. In der aktualisierten Begutachtungsanleitung der gesetzlichen Krankenkassen ist ein Mindestabstand von einem halben Jahr zwischen Erstuntersuchung und Beginn der Hormonbehandlung festgeschrieben – und das gilt für Erwachsene. Für Kinder ist das noch nicht festgelegt, aber da ist man eher vorsichtiger, und zwar deutlich. In der aktuellen Debatte wird so getan, als könne man zum Kinderarzt gehen, der verschreibt die Hormone und los geht’s.

Dass die allermeisten Patient:innen nach einer Hormontherapie auch operative Eingriffe vornehmen lassen, liegt daran, dass man sich bei der Diagnose schon sehr sicher ist, bevor die Hormonbehandlung überhaupt veranlasst wird. Dieser „Automatismus“ spricht eher dafür, dass die Begleitung bis zur Hormontherapie qualitativ gut ist. Im Übrigen sind die Effekte von Pubertätsblockern erst einmal reversibel, die Pubertät kann also durch Absetzen wieder in Gang gesetzt werden, falls der oder die Jugendlich:e sich gegen eine weitere Transition entscheidet.

Zulauf liegt an Wandel in Gesellschaft und Behandlung

Es gibt tatsächlich mehr Zulauf in den Kliniken und bei Therapeut:innen. Das liegt aber daran, dass sowohl Genderdysphorie als Leiden als auch trans Identität lange unterdiagnostiziert waren. Ich kenne noch die 30- bis 50-Jährigen, die eigentlich seit ihrer Jugend trans sind, lange still leiden und sich erst spät trauen. In den letzten Jahren haben wir vermehrt Jugendliche und junge Erwachsene gesehen, jetzt kommen schon Kinder. Das hat auch mit Information und Sensibilisierung zu tun. „Wenn ich die Kids heute frage: Woher hast Du davon erfahren?”, dann ist die Antwort meist: „Aus dem Internet“. Die setzen sich aber mithilfe dieser Informationen fundiert damit auseinander und erleben das als Erleichterung, dass ihre Empfindungen einen Namen haben und sie nicht allein sind damit.

Pubertätsblocker können Leiden verhindern oder mildern

Die Frage ist: Was würde passieren, wenn wir den Jugendlichen diese Hormone vorenthalten? Das Leiden kann zu schweren Depressionen, Suizidalität, Essstörungen und andere psychischen Erkrankungen führen. Es gibt eine Reihe von Langzeitstudien, die den positiven Effekt der Hormonbehandlungen belegen und den sehe ich auch immer wieder in meiner Praxis. Wir geben Hormone niemals leichtfertig, sondern um ein belegtes Leiden zu lindern, von dem klar ist, dass es nur so gelindert werden kann. Man kann Genderdysphorie nicht wegtherapieren, deshalb macht es auch keinen Sinn, nur Depressionen oder soziale Phobien zu therapieren, wenn der eigentliche Grund die Stigmatisierung und das Unglücklichsein mit dem eigenen Körper sind.

Es gibt eine große Langzeitstudie aus den Niederlanden mit fast 7000 Teilnehmer:innen. Da lag die Quote der Desister:innen und Retransitioner:innen bei deutlich unter einem Prozent, und das dürfte in Deutschland ähnlich sein. Außerdem ist der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die diese Behandlung früh beginnt, sehr gering. Die meisten Behandlungen mit gegengeschlechtlichen Hormonen beginnen etwa ab 16 Jahren, die Operationen ohnehin erst ab 18 Jahren. Insofern stört es mich umso mehr, dass hier Leute, die sehr unglücklich und belastet sind, zu angeblich aggressiven Lobbyisten stilisiert werden und so getan wird, als seien sie eine Bedrohung für die Gesellschaft. Außerdem wird so getan, als gäbe es keine ordentliche Behandlung – die gibt es in Deutschland aber sehr wohl.

Sabine Maur ist Kinder- und Jugendpsychotherapeutin und Vorsitzende der Psychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz.

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