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Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Strategische Kapazität zur Maskenherstellung nötig

Sebastian Moritz ist Managing Partner bei der Unternehmensberatung TWS Partners.
Sebastian Moritz ist Managing Partner bei der Unternehmensberatung TWS Partners. Foto: Matthias Becker

Nachdem es Deutschland im Verlauf des ersten Pandemiejahres gelungen war, eigene Produktionslinien für Schutzmasken und anderes medizinisches Equipment zu etablieren, droht vielen Betrieben inzwischen wieder das Aus. Eine strategische Kapazität, die über die Verauktionierung von Subventionen aufgebaut wird, ist nötig, meint Sebastian Moritz.

von Sebastian Moritz

veröffentlicht am 12.08.2022

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Es scheint, als hätten wir uns in Deutschland inzwischen mit Corona angefreundet und eine Art Stillhalteabkommen mit SARS-CoV-2 für den Sommer 2022 geschlossen. Es gibt kaum mehr Restriktionen, Abstandsregeln und Maskenpflichten wurden weitestgehend aufgehoben, und die Leute scheinen endlich wieder ihr altes Leben zu führen. Viele Probleme, die wir bei der Bekämpfung der Pandemie in den letzten Jahren erlebt haben, sind mittlerweile entweder vergessen oder zumindest in den Hintergrund getreten.

Sehr deutlich wird das beim Thema Masken: Zu Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 stellte die Politik erschrocken fest, dass Deutschland gar nicht mehr in der Lage ist, seine Bevölkerung in einer pandemischen Lage, die per Definition die gesamte Welt gleichzeitig trifft, kurzfristig mit Masken aus eigener Herstellung oder durch Importe zu versorgen. Als Behelfsmaßnahme wurden zunächst in Privathaushalten in Heimarbeit Stoffmasken geschneidert, bis Virologen und Epidemiologen uns zu verstehen gaben, dass diese vielleicht modisch ansprechend sind, aber kaum relevanten Schutz bieten. Es folgten dubiose Maskendeals der Politik und jede Menge öffentliche Empörung, bis Deutschland dem Problem schließlich durch eine Masken-Produktion im eigenen Land nach Monaten endlich Herr werden konnte.

Auch wenn man dem einzelnen Bürger zugestehen möchte, dass er die Pandemie am liebsten vergessen möchte, sollte sich die Politik sehr wohl die Frage stellen, wie man die Fehler der Vergangenheit in Zukunft vermeiden kann. Und sie sollte es jetzt tun.

Der Preis ist wieder König

Nachdem es Deutschland im Verlauf des ersten Pandemiejahres schließlich gelungen war, eigene Produktionslinien für Schutzmasken und anderes medizinisches Equipment zu etablieren, droht vielen Betrieben inzwischen wieder das Aus. Etwa 150 Unternehmen hatten in der Notlage in der Frühphase der Pandemie ihre Produktion auf Masken und Schutzkleidung umgestellt. Die Bundesregierung hatte dies mit bis zu 90 Millionen Euro an Fördergeldern unterstützt.

Ursächlich für die wirtschaftlichen Probleme der bereitwilligen Maskenhersteller der ersten Stunde ist die ausländische Konkurrenz – insbesondere aus China. Diese ist schlicht günstiger. Und der Preis ist schnell wieder das entscheidende Kriterium bei der Beschaffung von Masken geworden, die dauerhafte Versorgungssicherheit hingegen längst wieder aus den Köpfen der Entscheider verschwunden.

Während OP-Masken aus deutscher Produktion im Schnitt sechs bis acht Cent kosten, gibt es chinesische Masken schon für eineinhalb Cent zu kaufen. Ähnlich ist es bei FFP2-Masken, die „made in Germany“ fast dreimal so teuer sind wie die Konkurrenz aus China. In dieser Situation hat kein Unternehmen in Deutschland einen Anreiz, seine Produktionskapazitäten in normalen Zeiten aufrechtzuerhalten. Bei der nächsten Infektionswelle, der nächsten Corona-Mutante oder einem ganz neuen Virus stehen wir dann wieder genau dort, wo wir 2020 schon einmal waren.

Strategische Kapazitäten aufbauen

Ökonomisch betrachtet ist das Problem offensichtlich. Die Anreize von gewinnorientierten Unternehmen sind nicht deckungsgleich mit dem nationalen Interesse Deutschlands, die Versorgung mit medizinischer Ausrüstung zu jedem Zeitpunkt sicherstellen zu können. Es ergibt nun aus ökonomischer Sicht auch wenig Sinn, dass hierzulande in Normalzeiten im großen Stil Schutzmasken produziert werden. Andere Länder haben in diesem Bereich eindeutige komparative Vorteile.

Es muss der Politik aber schon darum gehen, die Fähigkeit und Kapazitäten vorzuhalten, die bei Bedarf ad-hoc aktiviert werden können, um das Land mit Schutzausrüstung zu versorgen. Dabei geht es nicht darum, in leerstehende und voll ausgestattete Produktionshallen oder prallgefüllte Lager zu investieren. Es reicht aus, wenn eine gewisse Anzahl an Unternehmen jederzeit flexibel ihre Produktion umstellen kann.

Um das zu erreichen, könnte der Staat zum Beispiel Subventionen für die Herstellung von Masken verauktionieren. Unternehmen hätten dann die Möglichkeit, diese Fördergelder zu ersteigern. Geboten würde in einer solchen Auktion aber lediglich die feste Zusage dahingehend, wie viele Masken ein Bieter dem Staat in einer pandemischen Situation mit einer Vorlaufzeit von wenigen Wochen durch Umstellung seiner Produktion garantiert liefern könnte.

Die Gewinner in dieser Auktion müssten im Gegenzug für die Subventionen in den für die Maskenproduktion notwendigen Maschinenpark und die benötigten Fähigkeiten ihrer Mitarbeiter und Lieferketten investieren. In Normalzeiten könnte das Unternehmen diese vorgehaltenen Produktionsressourcen aber auch für andere unternehmerische Zwecke nutzen. Die Fähigkeit zur Maskenherstellung würde gewissenmaßen in einigen Unternehmen „schlummern“. In Krisenzeiten hätte die Bundesregierung dann aber das Recht, eine kurzfristige Umstellung der Produktion zu verlangen und die „schlafenden“ Kapazitäten verbindlich zu aktivieren.

Plötzlich wettbewerbsfähig

Dieser Vorschlag hat neben der gewonnenen Versorgungssicherheit und der strategischen Befähigung der Industrie auch noch einen weiteren, sehr attraktiven Nebeneffekt. Dadurch dass die Subventionen einen Teil der notwendigen Investitionen und Kapitalkosten der Hersteller decken, wird auch das unternehmerische Kalkül der subventionierten Unternehmen beeinflusst. Die heimische Produktion wird insgesamt wettbewerbsfähiger und es erhöhen sich dadurch die Chancen, dass diese bei Vergaben der öffentlichen Hand zum Zug kommt.

Ein modernes Beschaffungswesen sollte nicht nur nach dem Preis entscheiden, sondern ebenfalls die Produktqualität, soziale Standards bei der Herstellung der Masken sowie den CO2-Fußabdruck der Produktion und des Transports berücksichtigen. So ist es beispielsweise auch im EU-Lieferkettengesetz angelegt und auf diese Weise könnten Masken aus lokaler Produktion durchaus wettbewerbsfähig werden.

Solche Bonus/Malus-Systeme, die auch nicht-monetäre Faktoren in der Beschaffung mit ihren finanziellen Konsequenzen in die Vergabeentscheidung integrieren, sind in der Privatwirtschaft längst Standard und erlauben es, echte Vergleichbarkeit und vor allem auch Chancengleichheit zwischen heimischen und ausländischen Anbietern herzustellen.

Eine strategische Kapazität, die über die Verauktionierung von Subventionen aufgebaut wird, schlägt also zwei Fliegen mit einer Klappe: sie hilft, die langfristige Versorgung in Krisenzeiten sicherzustellen und macht gleichzeitig Hersteller in Normalzeiten wettbewerbsfähiger gegenüber der asiatischen Konkurrenz.

Dr. Sebastian Moritz hat in Supply Chain Management promoviert und ist Managing Partner bei der Unternehmensberatung TWS Partners.

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