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Standpunkt

Warnung vor schädlichen Chemikalien

Alexandra Wandel, Vorstandsvorsitzende der Stiftung World Future Council
Alexandra Wandel, Vorstandsvorsitzende der Stiftung World Future Council Foto: World Future Council

Jeden Tag werden wir mit giftigen Chemikalien belastet. Wir finden sie in unserer Nahrung, unserer Kleidung, in Kosmetik, Medikamenten und Spielzeug. Zum Wohle jetziger und zukünftiger Generationen muss die Politik besser vor diesen Gefahren schützen, schreibt Alexandra Wandel, Vorstandsvorsitzende der Stiftung World Future Council.

von Alexandra Wandel

veröffentlicht am 06.07.2021

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Derzeit sind weltweit über 40.000 Industriechemikalien im Handel, und jedes Jahr kommen Hunderte von neuen Chemikalien auf den Markt. Viel zu wenige sind ordnungsgemäß auf ihre Sicherheit getestet worden. 

Besonders problematisch sind Chemikalien, die unsere Gesundheit gefährden und die sich über unsere Haut, Lebensmittel und Trinkwasser in unserem Körper ablagern. Gefährliche Chemikalien, darunter Phthalate, Schwermetalle, wie zum Beispiel Blei, Pestizide und umweltbelastende pharmazeutische Schadstoffe, können die Gesundheit von Menschen, Fauna, Flora und Ökosystemen irreversibel schädigen. Besonders Kinder sind überproportional betroffen. Heutzutage wird die Mehrheit der Babys mit unzähligen schädlichen Chemikalien im Körper geboren, die sich von Geburt an auf ihre Gesundheit auswirken. 

Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass allein im Jahr 2016 über 1,6 Millionen Menschen direkt oder indirekt an der Belastung durch Chemikalien gestorben sind und viele erkranken. Und diese Zahl steigt stetig weiter! In der Europäischen Union werden die Kosten für neurologische Verhaltensstörungen, die durch die Exposition gegenüber bestimmten Chemikalien verursacht werden, auf mehr als 170 Milliarden US-Dollar pro Jahr geschätzt. 

Diese Zahlen sind erschreckend. Gefährliche Chemikalien sollten keine Schäden für die menschliche Gesundheit oder die Umwelt verursachen. Wir brauchen ein solides Chemikalien- und Abfallmanagement, das darauf abzielt, die Exposition von Menschen und Umwelt gegenüber gefährlichen Stoffen zu vermeiden oder, wo dies (noch) nicht möglich ist, zu minimieren. Um ein solides Chemikalien- und Abfallmanagement zu erreichen, spielen rechtliche Rahmenbedingungen und politische Maßnahmen eine entscheidende Rolle. Die gute Nachricht ist, dass solche grundlegenden politischen Lösungen bereits vorhanden sind.

Future Policy Award 2021 zeichnet Gesetze zum Schutz vor schädlichen Chemikalien aus

Dennoch wird diesem Thema in der Öffentlichkeit noch viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Deshalb zeichnet die Stiftung World Future Council heute, am 6. Juli 2021 um 15 Uhr MESZ, die weltbesten Gesetze zum Schutz von Chemikalien mit dem Future Policy Award aus (Anmeldung zur Preisverleihung). Der auch als Polit-Oscar bekannte Preis würdigt Gesetze, die bessere Lebensbedingungen für heutige und zukünftige Generationen fördern. Jedes Jahr wird ein Politikfeld ausgewählt, in dem innovative Lösungen besonders wichtig sind. Von 55 nominierten Gesetzen aus 36 Ländern wurde ein Gesetz aus Schweden in der allgemeinen Kategorie „Chemikalien während des gesamten Lebenszyklus“ mit Gold prämiert: Die Ausstiegsliste für umwelt- und gesundheitsgefährdenden Chemikalien der Region Stockholm. 

Zum Schutz der Umwelt und der Gesundheit von Bürger:innen, Mitarbeiter:innen und Patient:innen hat die Region Stockholm zwei Ausstiegslisten für gefährliche Stoffe herausgegeben. Die Listen identifizieren Chemikalien, die für die Umwelt und die menschliche Gesundheit gefährlich sind, mit dem Ziel, diese Stoffe schrittweise im Beschaffungssystem auslaufen zu lassen. Diese sollen als überzeugende Präzedenzfälle für alle anderen Anwender:innen, Händler:innen und Verbraucher:innen dienen. Die Listen umfassen sowohl Chemikalien in chemischen Produkten als auch in Produkten wie Verbrauchsmaterialien und Artikeln, die in Laboratorien, im Gesundheitswesen, in der Zahnmedizin, in der IT, in der Reinigung oder in Textilien verwendet werden.

Einige Chemikalien sind für die Ausmusterung kategorisiert, andere sind verboten. Es sind circa 108 Einzelstoffe und Stoffgruppen aufgelistet, die eine Vielzahl von spezifizierten Einstufungen abdecken, wie zum Beispiel „kann Krebs erzeugen“ und „kann vererbbare Schäden verursachen“. Der Gesundheitssektor konnte durch diese Maßnahme die Verwendung von gelisteten Substanzen um 90 Prozent reduzieren.

Die Anforderungen sind oft strenger als die der EU-Chemikaliengesetzgebung „Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals“ (REACH): Im Jahr 2016 waren mehr als 90 Einzelstoffe und Stoffgruppen auf den Stockholmer Ausstiegslisten noch nicht in der REACH-Kandidatenliste enthalten.

Chemie-Godzilla: Spielzeugeidechse in Vorschule zeigt Ausmaß der Belastung

Die Stadt prüft auch ihre früheren Beschaffungen und versucht, gefährliche Stoffe auszusortieren. So wurde zum Beispiel altes PVC-Spielzeug in Stockholms Vorschule getestet, und es wurde festgestellt, dass 90 Prozent der alten Spielzeuge Phthalate in unterschiedlichen Konzentrationen enthielten. Phthalate werden zum Weichmachen von PVC-Kunststoff verwendet und können Leber, Nieren, Lunge und Fortpflanzungssysteme schädigen. Eine „Worst-Case“-Spielzeugechse bestand zu etwa 42 Prozent aus verbotenen Phthalaten. Diese alten Spielzeuge wurden dann durch neue ersetzt, die nur noch Spurenmengen unter dem Grenzwert von 0,1 Prozent enthielten.

Die Politik der Region Stockholm zeigt, dass der Ausstieg aus den gefährlichsten Chemikalien ohne negative Folgen für die wirtschaftliche Entwicklung, aber mit positivem Nutzen für die Gesellschaft möglich ist. Die Ausstiegsliste ist öffentlich und kann als Inspiration für Regionen und Landkreise in Schweden und anderswo dienen.

Zum Wohle heutiger und zukünftiger Generationen ist es absolut entscheidend, dass die Politik den Schutz vor gefährlichen Chemikalien ausbaut. 

Alexandra Wandel ist Vorstandsvorsitzende der Stiftung World Future Council in Hamburg. Die Stiftung hat zusammen mit UN Organisationen und der OECD den Preis vergeben, der durch das Umweltbundesamt und das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, die Michael Otto Stiftung und die Jua Foundation gefördert wird. 

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