Standpunkt Wieso wir Grund zum Jubeln haben

Von wegen Impfstoff-Desaster. Aus der Sicht von Evelyn Freitag, der Finanzchefin von Sanofi-Aventis in Deutschland, ist bei der Entwicklung von Vakzinen gegen das Coronavirus ein wahres Wunder geschehen. In einem Jahr sei geleistet worden, was früher in zehn kaum zu schaffen war, schreibt sie im Standpunkt.

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Zu spät, zu wenig, zu langsam – die Deutschen beklagen das aktuelle Corona-Impftempo. Je wütender die Enttäuschung, desto größer die Schlagzeile. Und so wird aus dem Frust eine sich selbstverstärkende Echo-Schleife. Das ist schade, denn eigentlich hätten wir allen Grund zum Jubeln.  

Klar, werden Sie jetzt vielleicht denken, für einen Pharmakonzern ist die Pandemie ein großes Geschenk. Erst gibt es staatliche Gelder für die Impfstoffentwicklung und am Ende lockt ein Riesengeschäft mit sieben Milliarden Kunden, oder? Bitte geben Sie mir drei Minuten.

Covid-19 ist für niemanden ein Lottogewinn

Zuerst: Covid-19 ist für niemanden ein Lottogewinn. Im Gegenteil. Auch Sanofi stand von einem Tag auf den anderen vor gewaltigen Herausforderungen. Wie sichern wir in einer zusammenbrechenden globalen Wirtschaft die Lieferung lebenswichtiger Medikamente? Wie schützen wir unsere 100.000 Mitarbeiter weltweit vor einer Infektion? Wie arbeiten wir ohne Qualitätseinbußen „remote“? Und vor allem: Wo kriegen wir möglichst schnell den rettenden Impfstoff her? 

Die breite Öffentlichkeit betrachtet die „Jagd auf den Impfstoff“ wie ein Sportturnier, bei dem am Ende der Gewinner einen Pokal bekommt. Aber als Finanzchefin habe ich eine andere Perspektive. „Alles auf die 17“ mag im Spielcasino eine coole Wette sein, für einen Konzern mit einem weltweiten Therapiespektrum von Multipler Sklerose bis Onkologie, von Diabetes bis Herzkreislauferkrankungen, von Husten bis Verdauung wäre ein „alles auf Covid-19“ schlichtweg verantwortungslos.  

Wie in jeder Branche müssen bei den Investitionen Chancen und Risiken abgewogen werden. Wirksamkeit, Sicherheit und Qualität unserer Medizin stehen aber immer im Vordergrund. Und das kostet Zeit.  

Alle mussten deutlich schneller drehen

Angesichts der globalen Bedrohung mussten alle Akteure der Gesundheitsbranche lernen, deutlich schneller zu drehen. Und hier ist schon mal ein wahres Wunder passiert: Seit Ausbruch der Pandemie sind erst 15 Monate vergangen – und weltweit gibt es nicht nur einen Impfstoff. Nein, in der EU sind jetzt schon drei Impfstoffe zugelassen. Der vierte ist im Zulassungsverfahren, Nummer 5 und 6 in Sichtweite.  

Zum besseren Verständnis: Das ist so, als wäre jemand die 100 Meter nicht in zehn, sondern in nur einer Sekunde gelaufen. Und fünf weitere Läufer kommen nur Zehntelsekunden später über die Ziellinie. Natürlich könnte man jetzt kritisieren, dass andere Läufer immer noch unterwegs sind. Aber sorry, wir sind erst in Sekunde Zwei dieses Supersprints!  

Nochmal, weil es so großartig ist: Wir haben in einem Jahr geleistet, was früher in zehn kaum zu schaffen war! Und das ist gelungen, weil sich die Gesundheitsbranche in bisher unbekannter Weise als Teamplayer gezeigt hat.  

269 verschiedene Impfprojekte

Die Welt der Wissenschaft war sowieso nie getrennt. Man beobachtet einander genau, ergänzt und reflektiert sich wechselseitig in den Forschungsarbeiten. Doch jetzt hat Covid-19 den Turbo eingeschaltet: Die Forschungs- und Produktionsunternehmen kämpfen nicht gegeneinander, sondern gegen das Virus. Sie schließen dabei vielfältige Allianzen. In der Forschung kommt verstärkt KI zum Einsatz. Recruiting von Patienten für die Studien läuft zum Teil online weltweit und geht schneller als je zuvor. Dossiers werden schneller publiziert und schneller beurteilt. Der Wissenstransfer findet in Echtzeit statt.  

Seit Januar 2020 sind weltweit 269 verschiedene Impfstoffprojekte angelaufen. Parallel zur klinischen Entwicklung wurden vielfältigste Maßnahmen ergriffen, um mit der Massenproduktion beginnen zu können, sobald ein serienreifer Impfstoff vorliegt. Dafür braucht es spezialisierte Fabriken, die je nach Impfstoff besondere Ansprüche erfüllen müssen – etwa wie bei mRNA-Impfstoffen mit den tiefen Temperaturen. Und man braucht nicht nur speziell eingerichtete Gebäude, Maschinen und ausgebildete Arbeitskräfte, sondern beispielsweise auch massenhaft Durchstichfläschchen. Kein einziger Schritt in der Wertschöpfungskette darf zum Flaschenhals werden.

Wir lernen voneinander und unterstützen andere 

Damit das alles in so unfassbar kurzer Zeit verfügbar ist, arbeiten wir gemeinsam über alle Grenzen früherer Konkurrenz hinweg. Wir lernen voneinander, treten einen Schritt zurück und unterstützen andere, wenn sie schneller Fortschritte machen als wir selbst. Wir stellen Knowhow und Produktionskapazitäten für andere Präparate zur Verfügung, wenn die Versorgung nicht ausreichend oder schnell genug ist. Und zwar grenzüberschreitend, rund um den Planeten. 

Deswegen lasst uns bitte auch das absurde Impf-Wettrennen der Nationen beiseitelegen! Wichtig ist nicht, wer im Impf-Ranking auf dem ersten oder letzten Platz steht. Wir müssen den Siegeszug des Virus global, schnell und nachhaltig stoppen. Statt uns wechselseitig zu übertrumpfen oder zu beschimpfen, lasst uns bitte voneinander lernen. Statt an altbewährten 
länderspezifischen Pfaden festzuhalten, lasst uns hier auch neue Wege gehen, von anderen Ländern Prozesse mit wenig Bürokratie und hoher Durchschlagskraft in der Abwicklung und Versorgung von Patienten übernehmen oder weitergeben. Denn am Ende gewinnt nicht ein Unternehmen, nicht ein  Land, sondern nur die ganze Menschheit. Gemeinsam.

Evelyne Freitag ist Mitglied der Geschäftsführung der Sanofi-Aventis Deutschland GmbH und für den Bereich Finanzen in Deutschland, Österreich und der Schweiz verantwortlich.

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