Kolumne : Desinformation ist ein Problem aller Altersgruppen
Desinformation betrifft nicht nur junge Menschen, sondern durchzieht alle Altersgruppen. Gerade ältere Erwachsene sind anfällig, schreiben Tim Stuchtey und Hanna Denecke vom Brandenburgischen Institut für Gesellschaft und Sicherheit. Warum Medienkompetenz nicht an der Schule enden darf und welche neuen Wege der Prävention es gibt, erläutern sie in ihrer Kolumne.
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Ein nicht zu übersehender Kulturpessimismus prägt die Haltung vieler älterer Menschen, wenn sie über das Internet und insbesondere soziale Medien sprechen. Ihre Sorge gilt weniger der Zukunft der Arbeitswelt im Zeitalter Künstlicher Intelligenz, sondern vielmehr der scheinbaren Sorglosigkeit, mit der vor allem junge Menschen Informationen aus unterschiedlichsten Quellen aufnehmen, ihnen Glauben schenken und sie weiterverbreiten. Anstatt wie früher im Brockhaus nachzuschlagen, Qualitätszeitungen zu lesen oder die Tagesschau zu verfolgen, konsumieren viele heute Nachrichten auf Plattformen wie Tiktok oder Instagram – oft ohne klare Herkunft der Informationen.
Desinformation: Ein gesamtgesellschaftliches Phänomen
Das gängige Bild von Desinformation ist schnell gezeichnet: Jugendliche, die sich durch eine Flut von Kurzvideos klicken und dabei von fragwürdigen Akteuren beeinflusst werden. Doch empirische Daten widersprechen dieser Stereotypisierung. Desinformation ist keineswegs ein Problem, das ausschließlich die Jugend betrifft – sie durchzieht sämtliche Altersgruppen. Ein Blick zurück auf den sogenannten Sturm auf das Berliner Reichstagsgebäude im Sommer 2020 verdeutlicht dies: Die Beteiligten waren überwiegend Erwachsene, mobilisiert wurde über Facebook, Whatsapp und insbesondere Telegram, nicht über Tiktok.
Aktuelle Studien belegen, dass gerade ältere Erwachsene keineswegs immun gegen Desinformation sind. Häufig verfügen sie über geringere digitale Kompetenzen und werden über Plattformen wie Facebook oder Youtube mit Falschinformationen konfrontiert. Besonders relevant: Menschen über 50 stellen nicht nur die größte Wählergruppe, sondern nehmen auch überdurchschnittlich häufig an Wahlen teil. Wer also gesellschaftliche Resilienz gegenüber Desinformation stärken will, sollte nicht nur an Schulen, sondern ebenso in Senioreneinrichtungen ansetzen.
Die Illusion der eigenen Immunität
Viele Menschen halten sich selbst für resistent gegenüber Desinformation und unterschätzen dabei die eigene Anfälligkeit. Laut einer Befragung der Bertelsmann Stiftung glauben 70 Prozent der Deutschen, dass vor allem andere für Desinformation empfänglich seien, während nur 16 Prozent ein Risiko für sich selbst sehen. Dieses verzerrte Selbstbild erschwert es, die eigene Medienkompetenz weiterzuentwickeln. Besonders glaubhaft erscheint Desinformation dann, wenn sie bestehende Überzeugungen bestätigen – Skeptiker medizinischer Maßnahmen etwa sind empfänglicher für Verschwörungsnarrative zu Impfungen. Informationen, die den eigenen Ansichten widersprechen, werden hingegen leichter als Desinformation erkannt und als Problem für andere eingeordnet.
Eine sachliche, breit angelegte Aufklärung über die tatsächlichen Risiken – fernab von Alarmismus – ist daher essenziell. Es braucht weniger Panikmache über einzelne Plattformen und mehr nüchterne Information darüber, dass jede und jeder betroffen sein kann. Denn Desinformation entfaltet ihre Wirkung insbesondere dann, wenn sie von traditionellen Medien oder in Talkshows aufgegriffen und verbreitet werden. Nur mit diesem Wissen kann ein realistisches Problembewusstsein entstehen.
Prävention und Intervention: Was hilft wirklich?
Es existiert mittlerweile eine Vielzahl an Angeboten, um den Umgang mit Desinformation zu verbessern: von Spielen und Videos über Schulprojekte bis hin zu Informationskampagnen. Faktenchecks sind dabei der bekannteste Ansatz – sie identifizieren und korrigieren Falschmeldungen. Allerdings erreichen diese Korrekturen selten die ursprünglichen Empfänger und der erste Eindruck bleibt oft bestehen, insbesondere wenn er die eigene Überzeugung stützt.
Weniger bekannt sind sogenannte Prebunking-Ansätze: Kurze Videos oder Spiele sensibilisieren im Vorfeld für typische Manipulationstechniken. Wer weiß, wie Desinformation funktioniert, ist weniger anfällig dafür. Erste Studien zeigen positive Effekte, doch diese sind meist nur kurzfristig. Ohne regelmäßige Wiederholung oder weiterführende Angebote bleibt der Lerneffekt begrenzt. Zudem richten sich viele dieser Angebote an Jugendliche und sind spielerisch gestaltet – ein Format, das ältere Generationen oft nicht anspricht.
Workshops, die gezielt Kompetenzen im Umgang mit Desinformation vermitteln, stellen eine weitere Möglichkeit dar, die gesellschaftliche Resilienz zu stärken. Diese Kurse sollten auf unterschiedliche Zielgruppen zugeschnitten sein und sowohl digitale Fähigkeiten als auch einen kritischen Blick auf Nachrichten und Quellen fördern. Der Aufbau solcher Kompetenzen erfordert jedoch mehr Zeit als ein kurzes Onlinespiel. Trotz zahlreicher, auch regionaler Initiativen liegt der Fokus bislang zu stark auf Schulen.
Fehlende Übersicht und Nutzung bestehender Angebote
Das Problem liegt weniger im Mangel an Initiativen als in deren begrenzter Nutzung. Die bestehenden Angebote werden meist isoliert oder von kleinen zivilgesellschaftlichen Gruppen beworben. Ein zentraler Überblick fehlt, was die Bekanntheit und Nutzung erschwert. Um die Reichweite zu erhöhen, müssen Informationen dort platziert werden, wo sich die Menschen ohnehin aufhalten: in Volkshochschulen, Arztpraxen, Stadtteilzentren – und selbstverständlich auch in Zeitungen. Entscheidend ist zudem die Wiederholung: Ein einmaliger Kurs bleibt so wenig nachhaltig wie eine einzelne Yogastunde.
Ein neues Selbstverständnis im Umgang mit Information
Mehr denn je bedarf es eines neuen Selbstverständnisses im Umgang mit digitalen Informationen. Es gilt, Informationen stets kritisch zu hinterfragen: Wie seriös sind Plattform, Medium und Autor? Sind die präsentierten Fakten belegt und überprüfbar? Offenheit für Korrekturen ist gefragt – auch wenn es unbequem ist, eigene Überzeugungen angesichts neuer, besserer Daten zu revidieren. Francis Picabia wird der Aphorismus zugeschrieben: „Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.“
Früher unterschieden sich Redaktionen in der Themenauswahl und Analyse, doch die zugrunde liegenden Fakten waren in der Regel identisch. Heute werden Behauptungen aufgestellt und als Tatsachen präsentiert, die Klicks und damit Geld generieren. Behauptungen, die sich bei genauerem Hinsehen als falsch erweisen. Manche Medien agieren gar im Interesse fremder Staaten, selbst führende Politiker schrecken nicht vor nachweislichen Lügen zurück. Wenn jeder sich in seiner eigenen „Wahrheit“ einigelt und abweichende Meinungen pauschal als Fake News abtut, verliert der gesellschaftliche Diskurs seine Funktion und fördert Radikalisierung. Der produktive Streit um die Auslegung gemeinsam anerkannter Fakten hingegen kann zu Kompromissen und echtem Wissensfortschritt führen.
Ein öffentlicher Diskurs, der von Misstrauen, Panik und Propaganda geprägt ist, vertieft die gesellschaftliche Spaltung. Wer dem wirksam begegnen will, braucht zielgruppengerechte Angebote – insbesondere auch für ältere Erwachsene – und ein breites, analoges wie digitales Informationsnetz. Nur so lässt sich der digitale Raum widerstandsfähiger, demokratischer und sicherer gestalten – und die Chancen der Digitalisierung treten wieder in den Vordergrund.
Tim Stuchtey ist geschäftsführender Direktor des Brandenburgischen Instituts für Gesellschaft und Sicherheit (BIGS).
Hanna Denecke ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am BIGS und arbeitet in dem Projekt „AIRCIS – Artificial Intelligence in Rescue Chains“.
In unserer Kolumnenreihe „Perspektiven“ kommentieren unsere Autor:innen regelmäßig aktuelle Entwicklungen, Trends und Innovationen im Bereich Cybersicherheit.
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