Deutschland – nur bedingt resilient : Resilienz stärken, Kritis schützen und Wirtschaft handlungsfähig halten
Deutschland ist nicht so krisenfest, wie es glaubt. Das neue Kritis-Dachgesetz ist ein überfälliger Schritt. Doch es reicht nicht aus. Was das Land jetzt braucht: politischen Mut, konkrete Verordnungen und gezielte Investitionen. Ein Appell von Carsten Feddern, Geschäftsführer des Verbands für Sicherheitstechnik.
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Deutschland versteht sich als ein Land, das auf Krisen vorbereitet ist. Doch die Realität zeigt: Unsere Resilienz ist fragil. Die geopolitische Lage hat sich dramatisch verändert, hybride Bedrohungen nehmen zu, und gleichzeitig wächst die Abhängigkeit unserer Gesellschaft von hochkomplexen, eng vernetzten Infrastrukturen. Die Frage nach unserer Krisenvorsorge ist daher nicht theoretisch – sie ist existenziell. Denn es steht viel auf dem Spiel.
Kritische Infrastrukturen bilden das Rückgrat unseres Gemeinwesens. Energie, Wasser, Ernährung, Gesundheit, Transport, Informationstechnik – all diese Systeme sind nicht nur technische Einrichtungen, sondern die Grundlage für gesellschaftliche Stabilität und staatliches Handeln.
Fällt eines dieser Systeme aus, geraten Wirtschaft, öffentliche Ordnung und das tägliche Leben der Menschen schnell an ihre Grenzen. Kritische Infrastrukturen sind keine Nische, sondern ein zentraler Pfeiler unserer Sicherheit. Gerade deshalb müssen wir uns der unbequemen Wahrheit stellen: Unsere Systeme sind verletzlich, und wir handeln nicht mit der Entschlossenheit, die die Lage erfordert!
Das Inkrafttreten des Kritis‑Dachgesetzes ist zweifellos ein notwendiger und überfälliger Schritt. Angesichts geopolitischer Spannungen, zunehmender Cyberangriffe und der Verwundbarkeit physischer Anlagen war ein solcher Rahmen längst überfällig. Das Gesetz setzt ein wichtiges Signal: Der Schutz kritischer Infrastrukturen ist eine nationale Aufgabe.
Kritis-Dachgesetz reicht nicht aus
Doch so bedeutsam das Kritis‑Dachgesetz ist – es bleibt in zentralen Punkten unkonkret. Viele entscheidende Fragen werden auf spätere Rechtsverordnungen verschoben, deren Veröffentlichung derzeit nicht absehbar ist. Dabei sind genau diese Verordnungen der Schlüssel zur praktischen Umsetzung. Ohne sie bleibt das Gesetz ein Torso.
Es wird eine ganze Reihe solcher Verordnungen brauchen: sektorspezifische Regelungen zur Identifizierung kritischer Anlagen (§§ 4, 5 Kritis‑Dach), Vorgaben zu sektorenübergreifenden Mindeststandards des physischen Schutzes (§ 14), Regelungen zu Resilienzpflichten, Nachweisen und Gleichwertigkeit (§§ 13, 16, 17), um nur die wichtigsten zu nennen.
Gerade die sektorspezifischen Konkretisierungen entscheiden darüber, welche Betreiber überhaupt in die Pflicht genommen werden, welche Schutzmaßnahmen gelten und wie schnell diese umgesetzt werden müssen. Solange diese Definitionen fehlen, bleibt unklar, wer handeln muss – und in welchem Umfang. Viele Betreiber warten ab, statt aktiv zu werden. Doch genau diese Zeit haben wir nicht.
Die Bedrohungslage entwickelt sich schneller, als unsere Regulierung hinterherkommt. Angriffe auf Energieversorger, Wasserwerke, Krankenhäuser oder Logistikzentren sind längst Realität. Jede Verzögerung bei der Konkretisierung der Vorgaben bedeutet, dass wir wertvolle Monate verlieren, in denen unsere Infrastrukturen verwundbar bleiben.
Finanzierbarkeit als Voraussetzung für Sicherheit
Wer Sicherheit will, muss investieren. Resilienz entsteht nicht durch Appelle, sondern durch Ressourcen. Die Umsetzung des Kritis‑Dachgesetzes verlangt von Unternehmen eine deutlich erhöhte Widerstandsfähigkeit gegenüber physischen, technischen und organisatorischen Risiken. Für große Konzerne ist das bereits ein erheblicher Kraftakt – für viele kleine und mittlere Unternehmen jedoch ohne gezielte Unterstützung schlicht nicht zu stemmen.
Dabei ist gerade der Mittelstand das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Er sichert Wertschöpfung, Innovation und Beschäftigung – und gewinnt zunehmend sicherheitspolitische Bedeutung. Im Operationsplan Deutschland der Bundeswehr wird die Rolle als Teil der gesamtstaatlichen Sicherheitsarchitektur ausdrücklich hervorgehoben. Doch angesichts eines immer härteren globalen Wettbewerbs geraten viele dieser Unternehmen finanziell unter Druck.
Gleichzeitig zeigt sich: Resiliente Unternehmen sind ein zentraler Stabilitätsfaktor für Staat und Gesellschaft. Sie halten Lieferketten aufrecht, sichern die Versorgung und stärken die Widerstandsfähigkeit des Landes insgesamt. Wenn wir diese Unternehmen mit zusätzlichen Pflichten belasten, ohne sie finanziell zu unterstützen, riskieren wir das Gegenteil dessen, was das Kritis‑Dachgesetz erreichen will.
Deshalb braucht es jetzt gezielte Förderungen, Entlastungen und Investitionsanreize. Nur so können KMU die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen nach dem Alle‑Gefahren‑Ansatz systematisch ausbauen, die Anforderungen des Kritis‑Dachgesetzes erfüllen und durch Resilienz das Vertrauen in der Gesellschaft erhöhen.
Appell an die Politik
Resilienz ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit und eine sicherheitspolitische Verpflichtung. Die Bundesregierung muss jetzt gezielt in die Resilienz der Wirtschaft investieren. Es braucht sofortige Haushaltsmittel, Förderprogramme und steuerliche Entlastungen. Diese Investitionen sind kein Kostenfaktor, sondern eine Voraussetzung für die Sicherheit unseres Landes.
Die Umsetzung des Kritis‑Dachgesetzes darf nicht zur Frage der Unternehmensgröße werden. Die Politik muss die wirtschaftliche Realität kleiner und mittlerer Betriebe anerkennen und sie gezielt entlasten. Dazu gehören zinsgünstige KfW‑Kredite, direkte Förderprogramme, steuerliche Anreize und branchenspezifische Unterstützungsmaßnahmen.
Die grundgesetzlichen Möglichkeiten sind vorhanden: Das Sondervermögen für Infrastruktur und die Ausnahmen bei der Schuldenbremse im Verteidigungsbereich eröffnen Handlungsspielräume, die jetzt genutzt werden müssen.
Carsten Feddern ist Geschäftsführer beim Verband für Sicherheitstechnik in Hamburg. Nach acht Jahren Vorstandstätigkeit für Siemens in dem Verband, hat Feddern zum Oktober 2025 die hauptamtliche Geschäftsführung übernommen.
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