Cyberabwehr : Wie KI Europas wertvollstes Gut stärken kann: Vertrauen
Die rasante Verbreitung von KI-gestützten Cyberbedrohungen stellt die Zuverlässigkeit der Systeme, auf die sich die Europäer täglich verlassen, auf die Probe. Rick Driggers argumentiert, dass das Vertrauen der Bürger in Institutionen nur geschützt werden kann, wenn Europa bei der Cyberabwehr eine von Menschen gesteuerte KI nutzt, um diese zu modernisieren und die Cyberresilienz von Behörden zu stärken.
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Europa befindet sich an einem entscheidenden Wendepunkt seiner digitalen Geschichte. Künstliche Intelligenz (KI) verändert die Cyberwelt in beispiellosem Tempo, beschleunigt Angriffe, senkt Eintrittsbarrieren und industrialisiert Bedrohungen.
Angreifer können heute innerhalb weniger Minuten auf KI-Modelle zugreifen und damit Cyberattacken ausführen – ohne spezielles Fachwissen, besondere Tools oder staatliche Ressourcen. Zahlreiche Modelle sind im Internet frei verfügbar und können ohne weitere Sicherheitsvorkehrungen genutzt werden. Gleichzeitig bieten Open-Source-Toolkits Cyberkriminellen schlüsselfertige Angriffsmöglichkeiten. Dadurch sind die technischen Hürden für Cyberangriffe drastisch gesunken, sodass selbst weniger versierte Akteure Operationen umsetzen können, die früher nur organisierten Gruppen mit vielen Ressourcen möglich waren.
Mit anderen Worten: Die Angreifer schaffen ein kommerzielles Dienstleistungsmodell, um Cyberbedrohungen zu industrialisieren. Doch dieselben Technologien, die Cyberangriffe präziser und skalierbarer machen, eröffnen Europa gleichzeitig die Chance, das Fundament seiner Demokratien zu stärken: das Vertrauen.
Vertrauen als strategischer Vorteil Europas
Cyberangriffe stören nicht nur digitale Systeme, sondern können auch das Vertrauen untergraben. Das ist nicht trivial, denn moderne Demokratien sind auf das Vertrauen ihrer Bürger darin angewiesen, dass beispielsweise digitale Identitäten geschützt sind, öffentliche Dienste zuverlässig funktionieren und kritische Infrastrukturen betriebsbereit bleiben.
Vertrauen ist damit ein strategischer nationaler Vorteil und einer der Grundpfeiler des europäischen Modells. Die föderalen Strukturen, die vielfältigen Vorschriften sowie die miteinander verbundenen Volkswirtschaften und Systeme des Kontinents erfordern eine sichere digitale Infrastruktur, um effektiv zu funktionieren. Schwindet das Vertrauen in digitale Systeme, wirkt sich das unmittelbar auf Governance, Wettbewerbsfähigkeit und sozialen Zusammenhalt aus. Vertrauen ist jedoch auch eine der Stärken Europas.
Durch den Aufbau transparenter, rechenschaftspflichtiger und am Menschen orientierter KI-Systeme für die Cyberabwehr kann Europa zeigen, dass Sicherheit und demokratische Werte nicht im Widerspruch zueinander stehen, sondern sich gegenseitig verstärken. Das Vertrauen der Bürger wächst, wenn sie wissen, dass die Systeme nicht nur technisch sicher sind, sondern auch verantwortungsvoll geschützt werden.
Der erste Schritt zum Schutz dieses öffentlichen Vertrauens besteht darin, die Bedrohungslage zu verstehen und zu erkennen, welche spezifischen Risiken mit fortschrittlicher KI einhergehen.
Die Industrialisierung von Cyberangriffen … und ihre Abwehr
KI kann Schwachstellen automatisch analysieren, maßgeschneiderte Exploits generieren und Millionen von Angriffspfaden in Sekunden simulieren. Außerdem kann die Technologie Angriffe mit minimalem menschlichem Zutun skalieren. Diese Dynamik lässt sich in allen Branchen beobachten, etwa im Gesundheitswesen, in dem Ransomware-Kampagnen erheblich zugenommen haben.
Um Schritt zu halten, müssen auch Cyberabwehr-Spezialisten diese technologischen Möglichkeiten noch konsequenter einsetzen. Bereits heute können KI-gesteuerte Verteidigungssysteme beispielsweise Anomalien durch Angriffe in Echtzeit erkennen, Eindämmungsmaßnahmen automatisieren, gegnerische Taktiken simulieren und die Reaktion über verteilte Netzwerke koordinieren. Unter der Anleitung erfahrener Cybersicherheitsexperten kann KI bei der Entscheidungsfindung helfen. Dabei bleiben strategische Aufsicht, ethische Leitplanken und operative Verantwortung aber fest in menschlicher Hand. Die KI sorgt für Geschwindigkeit, Umfang und Präzision.
Ein neuer Ansatz: KI-gestützte, vom Menschen gelenkte Verteidigung
Europa hat die Möglichkeit, seine Cyberabwehr anhand von drei Prinzipien zu modernisieren: Integration, Leistungsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit.
Auf technologischer Ebene müssen Verteidigungssysteme KI sichern und gleichzeitig aktiv nutzen. KI-Tools und -Fähigkeiten sind nicht mehr optional. Sie sind obligatorisch, um mit dem Tempo der neuen Bedrohungslandschaft Schritt zu halten. Ebenso müssen die Verantwortlichen für Cybersicherheit ihre Fähigkeiten weiterentwickeln. Kompetenzen in Datenwissenschaft, KI-Modell-Governance, Adversarial Testing und Automatisierung werden ebenso grundlegend sein wie einst die Netzwerksicherheit.
Entscheidend ist, dass KI weiterhin vom Menschen gesteuert wird, um sicherzustellen, dass die Verteidigung mit demokratischen Prinzipien, rechtlichen Rahmenbedingungen und gesellschaftlichen Erwartungen im Einklang steht. Strategische Entscheidungen, Rechenschaftspflicht und ethische Überlegungen können nicht an Algorithmen ausgelagert werden. Wie der „WEF Global Cybersecurity Outlook 2026” darlegt, „verbessert KI die Sicherheit nur dann, wenn sie mit einer starken Governance, kontinuierlicher Validierung und menschlicher Aufsicht einhergeht”.
Von Prävention zu Resilienz
Der Übergang von reiner Prävention zu operativer Resilienz ist in vollem Gange. Da kein System jemals vollkommen sicher sein wird, lautet die entscheidende Frage, ob Regierungen und Volkswirtschaften auch im Angriffsfall – selbst wenn sie beeinträchtigt sind – funktionsfähig bleiben können.
Energieversorger, Krankenhäuser, Finanzinstitute, Rettungsdienste und Unternehmen sind miteinander verbundene Komponenten der europäischen Resilienzarchitektur. Diese Organisationen müssen ihre präventiven Abwehrmaßnahmen mit KI verstärken und die Angriffsfläche verkleinern, bevor Gegner sie ausnutzen können. Nur so lässt sich das Vertrauen der Öffentlichkeit in Krisenzeiten bewahren.
Ein entscheidender Moment
In einer Zeit geopolitischer Spannungen und hybrider Bedrohungen hat Europa die Chance, sich einen Vorteil zu verschaffen und von einer reaktiven Verteidigung zu einer proaktiven Resilienz überzugehen. Ein zentraler Faktor ist dabei der Nutzen von durch Menschen geführten und von KI gestützten Cyberabwehrmaßnahmen. Dies ist nicht nur eine technologische, sondern auch eine demokratische Modernisierungsmaßnahme.
So kann Europa nicht nur Bedrohungen abwehren, sondern auch zeigen, dass fortschrittliche Technologie, wenn sie verantwortungsvoll eingesetzt wird, die demokratische Stabilität stärkt und die wichtigste Ressource der modernen Demokratie schützt: Vertrauen.
Rick Driggers ist globaler Leiter für Health & Public Services im Bereich Cybersicherheit bei Accenture. Zuvor hat er für die US-Bundesregierung gearbeitet, unter anderem als Sicherheitsbeauftragter der US-Behörde für Cyberabwehr und Infrastruktursicherheit (Cisa).
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