Einblicke aus der aktuellen Debatte : Ohne freie Wissenschaft keine Nachhaltigkeit
Kriege, wirtschaftliche Unsicherheit, politischer Druck auf Forschungseinrichtungen: Internationale Nachhaltigkeitspolitik gerät ins Wanken. Wie sich trotzdem an den Nachhaltigkeitszielen der Weltgemeinschaft – wie resilienten Städten und Gemeinden – arbeiten lässt, schreibt Gesa Ziemer in ihrem Werkstattbericht.
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Die internationale Nachhaltigkeitspolitik gerät zunehmend unter Druck. Kriege und wirtschaftliche Unsicherheit, immer deutlichere Folgen des Klimawandels und ein schwindendes Vertrauen in multilaterale Institutionen erschweren es, gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Zugleich wird die Wissenschaft selbst verstärkt infrage gestellt. Erkenntnisse zum Klimawandel werden geleugnet. Universitäten und Forschungseinrichtungen verlieren finanzielle Mittel, Daten werden verzerrt oder politisch instrumentalisiert, Expertengremien nach strategischen Interessen neu besetzt. Damit geraten nicht nur Forschende unter Druck, sondern auch die erprobten Methoden, durch die belastbares Wissen entsteht. Wissenschaft hängt also unmittelbar mit Nachhaltigkeit zusammen.
Wissenschaft ist kein Ersatz für Politik. Sie trifft keine gesellschaftlichen Entscheidungen und kann politische Zielkonflikte nicht auflösen. Ihre Aufgabe besteht vielmehr darin, Zusammenhänge möglichst unabhängig zu untersuchen und empirisch fundierte Grundlagen für öffentliche Debatten, Zukunftsszenarien und politische Entscheidungen bereitzustellen. Wissenschaftliche Erkenntnis ist selten endgültig. Sie muss offen für Widerspruch bleiben. Gerade darin liegt ihre Stärke. Wenn jedoch nicht mehr zwischen überprüfbaren Tatsachen und bloßen Behauptungen unterschieden wird, schwindet die gemeinsame Grundlage demokratischer Verständigung.
Politischer Rückhalt schwindet
Wie unter diesen Bedingungen weiterhin an internationalen Nachhaltigkeitszielen gearbeitet werden kann und welche Rolle die Wissenschaft dabei spielen muss, war in den vergangenen Wochen Bestandteil zweier bedeutender internationaler Konferenzen. Ende Juni thematisierte die dritte Hamburg Sustainability Conference wie internationale und sektorübergreifende Zusammenarbeit auch in Zeiten globaler Krisen handlungsfähig bleiben kann und wie aus politischen Verpflichtungen konkrete Interventionen entstehen. Kurz darauf begann in New York das High-Level Political Forum on Sustainable Development der Vereinten Nationen. Das jährlich stattfindende Forum ist das zentrale Gremium, das den Fortschritt der Agenda 2030 prüft. Mit der Agenda hat sich die Weltgemeinschaft insgesamt 17 Ziele für eine sozial, wirtschaftlich und ökologisch nachhaltige Entwicklung gesetzt – auf Englisch: Sustainable Development Goals (SDG). In diesem Jahr stand unter anderem SDG 11 zu nachhaltigen Städten und Gemeinden im Fokus. Demnach sollen Städte und Siedlungen inklusiv, sicher, widerstandsfähig und nachhaltig gestaltet sein. Die Teilnehmenden des Forums diskutierten in diesem Jahr, welche Fortschritte erzielt wurden und wo die Umsetzung stockt.
Beide Konferenzen machten deutlich: Unter den Bedingungen globaler Krisen geht es zunehmend darum, ob verlässliche Institutionen und wissenschaftlich fundierte Entscheidungen noch genügend politischen Rückhalt erhalten. Damit rückt die Wissenschaft stärker in den Mittelpunkt. Sie ist nicht nur politische Beraterin, sondern auch Kooperationspartnerin und Verteidigerin überprüfbarer Fakten.
Best Practice: Wissenschaftliche Zusammenarbeit für den SDG-11-Bericht
Ein Beispiel für produktive Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und internationalen Institutionen ist der neue SDG-11-Global-Report 2026, an dem ich als akademische Leiterin des United Nations Innovation Technology Accelerator for Cities (UNITAC Hamburg) mitgewirkt habe. Der Bericht untersucht die weltweiten Fortschritte bei der Umsetzung von SDG 11, das resiliente Städte und Gemeinden zum Ziel hat. Der Bericht zeigt, dass die Entwicklung zu langsam voranschreitet, und benennt konkrete Ansätze der Verbesserung. Als Best-Practice-Beispiel aus unserem Forschungslabor stellt der Bericht ein von uns entwickeltes Tool, den Building and Establishment Automated Mapper, vor. Das KI-basierte Instrument erkennt mithilfe von Luft- oder Satellitenbildern automatisiert Dächer von Gebäuden und ermöglicht es Städten, insbesondere informelle Siedlungen systematischer zu erfassen. Dadurch entstehen räumliche Datengrundlagen, die Kommunen bei der Planung von Wohnraum und Infrastruktur unterstützen.
Die Zusammenarbeit ist beispielhaft, weil sie wissenschaftliche Innovation mit der praktischen Erfahrung und internationalen Reichweite der Vereinten Nationen verbindet. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden so nicht nur veröffentlicht, sondern in konkrete Instrumente für Städte übersetzt. Die Rollen bleiben dabei klar: Die Forschung liefert belastbare Erkenntnisse und Innovation, die Vereinten Nationen bringen diese dann in internationale Verständigungs- und Umsetzungsprozesse ein.
Hamburger Erklärung zur Wissenschaftsfreiheit
Eine weitere Initiative setzt bei den institutionellen Voraussetzungen nachhaltiger Entwicklung an. Derzeit entsteht die Hamburg Declaration on Academic Freedom and Sustainability, die von der Universität Hamburg angestoßen wurde. Sie geht aus der Veranstaltung „Academic Freedom under Pressure. Sustainability at Risk?“ im Rahmen der Hamburg Sustainability Conference hervor. Ihr Ausgangspunkt ist die Überzeugung, dass Wissenschaftsfreiheit nicht allein ein Grundrecht von Forschenden, sondern eine zentrale Voraussetzung nachhaltiger Entwicklung ist. Die Erklärung soll diesen Zusammenhang international sichtbar machen und zum stärkeren Schutz von Forschenden und wissenschaftlichen Institutionen beitragen. Geplant ist kein statisches Abschlussdokument, sondern eine fortzuentwickelnde Grundlage für internationale Zusammenarbeit und institutionelle Solidarität. Damit reagiert die Initiative auf weniger sichtbare Formen des Drucks wie Selbstzensur, politische Einflussnahme und institutionelle Unsicherheit.
Beide Initiativen zeigen, dass Wissenschaft ihre Wirkung primär dort entfaltet, wo sie unabhängig bleibt und zugleich Verantwortung für die Zusammenarbeit mit der Gesellschaft übernimmt. Wer nachhaltige Entwicklung stärken will, muss deshalb nicht nur in Lösungen investieren, sondern auch in die Freiheit, Verlässlichkeit und internationale Zusammenarbeit der Wissenschaft.
Gesa Ziemer ist Professorin für Digitale Urbane Kulturen an der Hafen City Universität Hamburg. Sie leitet als Direktorin das dortige City Science Lab, das in Kooperation mit dem MIT Media Lab die Veränderung von Städten durch die Digitalisierung erforscht. Außerdem ist sie akademische Leiterin des UN-Innovationslabs für Städte Unitac (mit dem UN Habitat in Nairobi und dem OICT in New York). Zuletzt von ihr in dieser Rubrik erschienen: Wie Technologie zu sozialer Transformation werden kann.
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