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Smart City

Werkstattbericht Zusammen in Ulm

Sabine Meigel, Leiterin Digitale Agenda, über den Alltag in der Stadt Ulm.
Sabine Meigel, Leiterin Digitale Agenda, über den Alltag in der Stadt Ulm. Foto: Carola Gietzen Fotodesign

Die Stadt Ulm befindet sich aktuell in einem Rechtsstreit mit Ehrenamtlichen um den Markennamen „Verschwörhaus“ (Tagesspiegel Background berichtete mehrmals). Doch was passiert an der Adresse am Weinhof aktuell eigentlich? Ziemlich viel, meint Sabine Meigel, die Leiterin der Digitalen Agenda Ulm, in ihrem heutigen Werkstattbericht.

von Sabine Meigel

veröffentlicht am 04.04.2023

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Seit über einem Jahr findet jeden Mittwochabend in Ulm am Marktplatz eine Mahnwache für die Menschen in der Ukraine, organisiert vom Donaubüro, statt. Die Stadt sowie die zivilgesellschaftlichen Akteure in Ulm sind immer noch erschüttert über den brutalen, völkerrechtswidrigen Angriff Russlands auf die Ukraine und die Auswirkung auf die Zivilbevölkerung. Dies rührt auch daher, dass die Städte Ulm und Neu-Ulm seit Jahren freundschaftlich mit den Ländern, Regionen und Städten entlang der Donau verbunden sind. Und dazu gehört auch die Ukraine.

So engagieren sich ungewöhnlich viele zivilgesellschaftliche Gruppierungen und städtische Stellen mittlerweile unter dem Motto „Zusammen in Ulm“ und im Projekt „Smarter Together4Ukraine“. Das Ziel ist, die Menschen mit konkreten Maßnahmen zu unterstützen, die wegen der Kriegsgeschehen aus ihrem Heimatland fliehen und hier in den Großraum Ulm/Neu-Ulm kommen.

Mit digitalen Angeboten unterstützen und integrieren

Das Projekt „Smarter Together4Ukraine“ wird von der ganzen Gemeinschaft am Weinhof getragen und von der Abteilung Digitale Agenda und der Lokalen Agenda der Stadt Ulm, der Familienbildungsstätte Ulm und des Instituts für virtuelles und reales Lernen in der Erwachsenenbildung e.V. (ILEU) partnerschaftlich umgesetzt. Auch das Digitalisierungszentrum der Region im Haus unterstützt. Besonders aber der Verein ILEU setzt sich ohne Pause seit einem Jahr für die praktischen Anliegen der Familien ein, genauer gesagt der Frauen mit ihren Kindern. Darüber hinaus tragen weitere wichtige Akteure der ehrenamtlichen Arbeit, der Wissenschaft und Wirtschaft mit ihrer Expertise zum Gelingen bei. 

In den letzten Monaten hat sich der Weinhof so zum Kommunikations- und Internetstützpunkt, sprich zum „komm.treff! Ukraine“ entwickelt, der von vielen Freiwilligen aufgebaut und betreut wird. Absolut beeindruckend für mich selbst, ist die mittlerweile sehr hohe deutsche Sprachkompetenz der geflüchteten Frauen, die sich immer selbstverständlichen in den Räumen treffen und an vielen digitalen Angeboten teilnehmen und sich selbst mit Ideen einbringen. So zum Beispiel in die bestehenden Angebote, wie die interaktiven Online-Plattformen Vima Ulm und Vima Danube. Diese wurden beide zum Zwecke der Vermittlung zwischen Angebot und Nachfrage an Informationen, Fähigkeiten und Unterstützung um ukrainische Angebote erweitert.

Antworten auf offene Fragen suchen

Überrascht war ich dann trotzdem, als sich im Barcamp vor ein paar Wochen ungefähr gleich viele deutsche und ukrainische Teilnehmende versammelten. Gemeinsam diskutierten wir die Herausforderungen in den Themenbereichen Arbeit, Wohnen, Freizeit und soziale Integration für ukrainische Geflüchtete im Donauraum diskutiert. Folgende Fragestellungen wurden hierfür ausgewählt:

  • Wie können wir ukrainische Jugendliche (und andere Nationalitäten) dabei unterstützen, gesellschaftlichen Anschluss über die Schule hinaus zu finden, der freundschaftlich und ohne Mobbing stattfindet?
  • Wie können wir ukrainische Arbeitnehmer:innen (und andere Nationalitäten) dabei unterstützen, einfach und schnell einen Job zu finden, der möglichst nahe an der ursprünglichen Profession ist?
  • Wie können wir ukrainischen Alleinerziehende (und andere Nationalitäten) dabei unterstützen, einfach und schnell einen Job zu finden, der so gestaltet ist, dass es mit der Care-Arbeit vereinbar ist? 

Für uns alle im Weinhof hat sich die Atmosphäre im Haus seit dem Start des Projektes im vergangenen Sommer sehr verändert, eine neue Farbe ist dazugekommen. Nicht allein der digitale Fokus prägt die gemeinsame und vorwiegend ehrenamtliche Arbeit – der tatsächliche Nutzen digitaler Ansätze für die Menschen nimmt einen viel höheren Stellenwert ein.

Worauf es ankommt

Das hat Auswirkungen: Manche, eher männlich geprägte Gruppen kommen nicht mehr, andere Gruppen füllen nun das Haus. Ob deswegen gleich die digitale Zukunft im Haus wirklich eine Pause macht, wie manche behaupten, wird hier nicht so empfunden. Die digitale Zukunft steht vielmehr viel direkter auf dem Prüfstand: Wo und wie dienen die digitalen Möglichkeiten, mit denen nach wie vor gern experimentiert wird, den Menschen in ihren Bedürfnissen? Auch das Diskussionspapier („Generationenübergreifendes bürgerschaftliches Engagement für Zukunftsthemen in Kommunen“) von der Forscherin Claudia Neu stellt sich eine neue Sichtweise dar.

Wir im Haus erleben mittlerweile ein freundliches Miteinander, geprägt von Hilfsbereitschaft, Verständnis, Vertrauen und Dankbarkeit und eine andere Selbstverständlichkeit im Umgang mit Digitalem. So zeigen die gemeinsamen Frauenabende mit Alt und Jung zu verschieden Anlässen sowohl viele Gemeinsamkeiten auf in Familie und Beruf, aber auch deutliche Unterschiede im Fortschritt der Digitalisierung.

Somit leistet das Projekt einen Beitrag zur Förderung der Kultur und der Kontakte zwischen den Menschen, nach der Pandemie und während des Ukrainekrieges, ganz konkret vor Ort und im Netz. Es baut Vorurteile und Stereotype ab und stärkt die Verbindung zueinander und die europäische Identität. Und vielleicht zeigt es auch einen anderen Weg, fern ab von viel Emotionen in den sozialen Medien, für eine gemeinsame digitale Zukunft für alle?   

Sabine Meigel leitet die Digitale Agenda der Stadt Ulm. In dieser Rolle verantwortet sie unter anderem die Vorhaben Zukunftsstadt 2030 und Zukunftskommune@bw und koordiniert Smart-City-Projekte im Rahmen des Förderprogramms des Bundesinnenministeriums. Außerdem vertritt sie die Stadt Ulm im Netzwerk der 100 intelligenten Städte Europas (ICC Network).

Bisher in dieser Rubrik von ihr erschienen: „Der Programmierer aus New York“„Unser Kirchturm reist nach Dubai“„Wie kommt Innovation zur Bürgerschaft?“„Wir brauchen die Talente“„Donauland Ukraine: Smarte Unterstützung für Geflüchtete“Verstetigung von Reallaboren am Beispiel „Daheim Dank Digital“„Studierende aus der ganzen Welt zu Gast in Ulm“ und „Türen auf mit der Maus: Digitalisierung für die ganze Familie“

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