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Standpunkt

Beteiligung neu denken: Wie Kommunen kokreativ arbeiten

Jascha Rohr (IPG) und Michael Pachmajer (d.quarks)
Jascha Rohr (IPG) und Michael Pachmajer (d.quarks) Foto: IPG und d.quarks

Kokreation liefert einen neuen Ansatz der Bürgerbeteiligung: Es ist ein Entwurfsprozess, bei dem die Beteiligten konkrete Lösungen zu gesellschaftlichen Fragestellungen erarbeiten. Vor allem für Kommunen kann das neue Türen öffnen und nachhaltige Zukunftsstrukturen formen, so Michael Pachmajer und Jascha Rohr, die mit Moritz Hüneberg das Konzept der kokreativen Kommune entwickelt haben.

von Michael Pachmajer und Jascha Rohr, mit Moritz Hüneberg

veröffentlicht am 29.09.2022

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Bürger:innenbeteiligung dient der Stärkung unserer Demokratie. Dass mehr Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven in Planungsprozessen berücksichtigt werden, ist richtig. Für die Kommunen bedeutet das, die notwendigen Fähigkeiten zur Partizipation aufzubauen. Sie sind die Ebene, die den Bürger:innen und deren Lebensrealitäten am nächsten ist und haben eine besondere Verantwortung, notwendige Veränderungen zu ermöglichen. Die Frage ist nur, wie gelingt das?

Beteiligung wie wir sie kennen

Wir unterscheiden drei Stufen der Partizipation: die informative, die deliberative und die kokreative Partizipation.

Informative Partizipation ist ein wichtiger Mindeststandard. Es gibt es eine klar definierte Sender- und Empfängerrolle und einen vorher abgestimmten Umfang von Informationen, den die Bürger:innen „erhalten“ (zum Beispiel in einer Bürger:innenversammlung oder bei einer Anhörung). Bürger:innen werden informiert, eventuell können sie Fragen stellen.

Bürgerräte sind derzeit das prominenteste Beispiel für deliberative Beteiligung. Verschiedene Bürger:innen werden mit Expert:innen und anderen Stakeholdern eingeladen (zum Beispiel in einem losbasierten Verfahren), um mitzureden, sich eine Meinung zu bilden und Handlungsempfehlungen für Entscheider:innen zu erarbeiten. Deliberative Partizipation ist momentan state-of-the-art.

Für die vielen notwendigen Wenden (die Energie-, Verkehrs-, Landwirtschafts- oder Klimawende) benötigen wir darüber hinaus Beteiligungsformen, bei denen Bürger:innen nicht nur informiert werden oder Empfehlungen erstellen, sondern wo sie gemeinsam konkrete umsetzbare Lösungen gestalten können. Ziel sollte es sein, dass Bürger:innen ihre eigene Innovationskraft und Problemlösungskompetenz einbringen können und gleichzeitig in eine Mitverantwortung genommen werden als mündige Bürger:innen und letztlich als Souverän.

Beteiligung neu denken

Das kann Kokreation: ein partizipativer Entwurfsprozess, bei dem die Beteiligten konkrete Lösungen zu gesellschaftlichen Fragestellungen erarbeiten. Sie bestimmen die Agenda und das Verfahren, aus dem heraus ein Entwurf, eine Innovation, ein Projekt entsteht. Kokreative Formate sind geprägt von ergebnisoffenen Arbeiten und einem tiefen lösungsorientierten Prozess der Auseinandersetzung mit einem Thema (vergleichbar mit einem Design Thinking Prozess).

Seit Jahren gestalten wir auf diese Weise Partizipation und erleben, wie die Haltung, das Verhalten der Beteiligten durch den Prozess verändert wird. Wir erleben, dass Menschen in der Lage sind konkrete Vorschläge zur Verbesserung ihres Lebenskontextes beizutragen und sich auch an deren Umsetzung beteiligen.

Kokreative Kommunen

Kommunen sind in unserem Verständnis dazu da, das gute Leben vor Ort in einem funktionierenden Gemeinwesen zu organisieren. Kokreative Kommunen tun das partizipativ, partnerschaftlich, inklusiv, transparent, innovativ, lösungs- und projektorientiert mit einem deutlichen Fokus auf der Bewältigung der immensen Transformationsaufgaben unserer Zeit.

Das Leitbild der kokreativen Kommune denkt die Kommune als ein produktives und kreatives Miteinander aller Stakeholder, die gemeinsam die notwendigen Transformationen ihres Gemeinwesens in Angriff nehmen. Und das über alle Phasen der Projektentwicklung hinweg: bei der Analyse, dem Ziel- und Agenda-Setting, ebenso wie in Ideenfindung, Vorentwurf und Entwurf, bei der Detailplanung und in der Umsetzung. Dazu baut die Kommune entsprechende Zukunftsstrukturen auf: Räume, in denen kreativ und konstruktiv zusammengearbeitet werden kann. Partizipationsprozesse, die die Teilnahme aller relevanten Akteur:innen regeln. Fortbildungen, um die notwendigen Kompetenzen zu erwerben. Neue Haltungen, die transparente und ehrliche Kommunikation ermöglichen.

Partizipation, die neue Kernkompetenz der Kommunen

Wie in vielen anderen Bereichen, wird auch in der Partizipation das Wissen sukzessive externalisiert. Umsetzungen dauern lange und sind kostenintensiv, Absprachen wirken beschwerlich und wenn der Dienstleister seinen Auftrag beendet hat, endet auch die Partizipation.

Kommunen sollten daher selbst die Kompetenzen, Strukturen und Technologien für eine kontinuierliche und vernetzte Partizipation aufbauen. Wenn sie das Wissen, die Erfahrungen und Methoden durch eigene vorhandene beziehungsweise neu eingestellte Mitarbeiter:innen besitzen, reduzieren sie dabei gleichzeitig die Abhängigkeit von externen Dienstleistern. Partizipation muss Kernkompetenz jeder modernen Verwaltung sein.

Wir befähigen Menschen in der Verwaltung und versetzen sie in die Lage, Beteiligungsprozesse selber erfolgreich durchzuführen. Beim Aufbau von Partizipationsfähigkeit sind unserer Erfahrung nach entlang von sechs strategischen Dimensionen folgende zentrale Fragestellungen zu beantworten:

● Menschen: Welche Rollen und Kompetenzen sind im Beteiligungsteam einzuführen beziehungsweise aufzubauen? Wen und wie viele Personen brauchen wir?

● Kultur & Organisation: Welche Prinzipien der Zusammenarbeit gelten und wie sieht daraus abgeleitet die geeignete Organisationsform in der kokreativen Kommune aus?

● Partizipationsprozess: Welche kokreativen Formate besitzt das Beteiligungsverfahren und wie läuft es ab?

● Tools & Methoden: Wie ist der Werkzeugkasten Kokreation bestückt? Welche technischen Tools und Methoden braucht es, um kokreative Beteiligung zu ermöglichen?

● Raum: In welchen Räumen und an welchen Orten findet Partizipation statt?

● Governance: Nach welchen Spielregeln läuft das Beteiligungsverfahren ab? Wie werden während des Prozesses Entscheidungen getroffen?

Sinnvoll ist, wenn diese Fähigkeit infolge von ein oder zwei konkreten Beteiligungsprozessen eingeführt wird. Mitarbeiter:innen der Verwaltung lernen damit die Anwendung neuer Arbeitsweisen im Beteiligungsverfahren selbst kennen. Sie sammeln Erfahrungen mit Kokreation. Ein Standard für Partizipation wird in der kokreativen Kommune etabliert. Durch den Aufbau von Partizipationsfähigkeit transformiert sich die Verwaltung selbst – Strukturen, Prozesse sowie Rollen und Governance werden signifikant verändert.

Im kommunalen Gemeinwesen sind alle Akteur:innen aus Verwaltung, Politik, Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft, Medien und Kultur gefragt, um miteinander innovative Ideen zu entwickeln, mutige Entscheidungen zu finden und diese zügig und ergebnisorientiert umzusetzen. Das zu organisieren und zu unterstützen ist die Aufgabe kommunaler Institutionen. Dazu müssen Zukunftsstrukturen entstehen sowie die Fähigkeit zur kokreativen Beteiligung. Sie erst garantieren gegenseitiges Verständnis, Unterstützung und fördern Mut, Engagement und die Freude am Gestalten eines guten Lebens vor Ort.

Michael Pachmajer ist Digital- und Transformationsexperte und Sparringspartner in Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft. Er ist Co-Founder & Geschäftsführer von d.quarks, Initiator mehrerer Netzwerke, Autor, Gastgeber des Podcast „Der Moment der Wahrheit“, Dozent an der Goethe Business School und Vorsitzender des Stiftungsrats der Cocreation Foundation.

Jascha Rohr ist Philosoph, Sozialunternehmer, Entwickler und Moderator partizipativer und kokreativer Gestaltungsprozesse. Er ist Gründer und Geschäftsführer des Instituts für Partizipatives Gestalten und Gründer und Vorstand der Cocreation Foundation.

Moritz Hüneberg ist Senior Berater am Institut für Partizipatives Gestalten und Projektleiter für Digitalisierungs-, Strategie-, und Transformationsprozesse. Er arbeitet eng mit Verwaltung und Politik zusammen, um Beteiligungsprozesse und Transformation an den konkreten Erfordernissen vor Ort auszurichten und umzusetzen.

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