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Mehr Demokratie durch Digitalisierung: Museen der Zukunft

Helmuth Trischler (Deutsches Museum) und Klement Tockner (Senckenberg Gesellschaft)
Helmuth Trischler (Deutsches Museum) und Klement Tockner (Senckenberg Gesellschaft) Foto: Hubert Czech

Welche Rolle spielen Kulturinstitutionen wie Museen in Zeiten der Digitalisierung und Klimakrise? Auf dem „Global Summit of Research Museums“, kommen aktuell Leitungs- und Führungspersonen aus der ganzen Welt zusammen, um das zu besprechen. Helmuth Trischler, Leiter des Bereichs Forschung des Deutschen Museum, und Klement Tockner, Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, plädieren für eine offene, integrative und partizipative digitale Forschungsinsfrastruktur.

von Helmuth Trischler und Klement Tockner

veröffentlicht am 18.10.2022

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Ein besonderes Gipfeltreffen findet gerade am Deutschen Museum in München statt: Der „Global Summit of Research Museums“ ist der erste seiner Art, wird von den acht Forschungsmuseen der Leibniz-Gemeinschaft organisiert und steht unter dem Titel „Objects in Motion – Museums in Motion“. Vom 17. bis 19. Oktober diskutieren rund 200 Leitungen von Museen aus über 50 Staaten, von den Smithsonian-Museen in den USA bis zu Kulturinstitutionen in Brasilien, Kolumbien, Senegal, Neuseeland oder Korea, über zentrale Themen der globalen Kulturszene: Kann der Zugang zu unserem kulturellen und natürlichen Erbe durch Digitalisierung demokratisiert werden? Wie erreicht man Inklusion und Partizipation? Wie kann der Dialog zwischen Museen des Globalen Südens und des Globalen Nordens weiter verbessert werden, und wie kann eine Restitution von Kultur- und Naturgütern gelingen?

Warum eine digitale Öffnung wichtig ist

In Deutschland allein umfassen die natur- und kulturhistorischen Forschungssammlungen mehr als 150 Millionen Objekte. Sie sind globale Wissensspeicher und unschätzbarer Fundus an biologischer, kultureller und wissenschaftlich-kultureller Vielfalt. Dieses gewaltige Potenzial gilt es auszuschöpfen. Gerade Forschungsmuseen sind als Orte des Vertrauens und des Dialogs hervorragend geeignet, um die dringend notwendigen gesellschaftlichen Transformationen voranzutreiben, etwa um innovative Lösungen für die massiven Umweltprobleme zu entwickeln oder um soziale Gerechtigkeit zu befördern – lokal, national und global.

So haben Erderwärmung und Verlust der biologischen Vielfalt seit dem ersten Gipfeltreffen der Forschungsmuseen am Museum für Naturkunde Berlin vor vier Jahren noch deutlich zugenommen. In der Tat, wir müssen alles daransetzen, damit das Zeitalter des Anthropozän nicht zur kürzesten Epoche der gesamten Erdgeschichte wird.

Ein Schlüssel ist die digitale Öffnung und Nutzung der Sammlungen durch gemeinsame Technologien, Standards und interdisziplinäre Plattformen. Dafür haben die Forschungsmuseen der Leibniz-Gemeinschaft, in Kooperation mit universitären Partnern, ein Konsortium zum Aufbau einer offenen, integrativen und partizipativen digitalen Forschungsinfrastruktur geschaffen: Collection Information Infrastructure (CIIS).

Ziel des Konsortiums für die kommenden Jahre sind die umfassende digitale Erschließung und die verbesserte wissenschaftliche Charakterisierung der Sammlungsbestände. Dabei sollen neue, KI-gestützte Technologien als Zukunftswerkzeuge der Informationserschließung für die Verknüpfung heterogener Datensätze entwickelt und genutzt werden. Konsequent interdisziplinäre, partizipativ-transdisziplinäre und ko-kreative Methoden sowie Konzepte der digitalen Erschließung stärken den offenen Zugang zum Wissen. Ein nicht nur nationales, sondern globales Alleinstellungsmerkmal ist dabei die digitale Verknüpfung biologischer, kultureller und wissenschaftlich-technischer Sammlungen.

CIIS – ein Verbindungsstück zwischen Natur, Kultur und Technik

Im Mai dieses Jahres haben die drei Leibniz-Naturmuseen in Berlin, Frankfurt und Bonn anlässlich des bevorstehenden UN-Weltnaturgipfels mit der Berliner Erklärung „Für die Zukunft der Menschheit“ von der Politik ein entschlossenes Handeln eingefordert, um den ungebremst voranschreitenden Verlust der biologischen Vielfalt einzudämmen.

Das Konzept des CIIS-Konsortiums geht über diese Forderung noch hinaus: Erstens bezieht es neben dem biologischen Erbe der Museumssammlungen auch Lebendsammlungen mit ein. Dazu zählen insbesondere die Bioressourcen des Leibniz-Instituts „Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen“ (DSMZ). Zweitens, und noch konsequenter zukunftsorientiert und radikaler in seinen Folgerungen, verbindet CIIS die Bibliotheken der Natur mit den Archiven der Kultur und der Naturwissenschaften und Technik zu einem einzigartigen digitalen Speicher bio-techo-kultureller Diversität.

Denn nur wenn es uns gelingt, ähnlich wie im „One-Health“-Ansatz, den Mehrwert einer integrierten Verknüpfung dieser umfassenden Vielfalt zu mobilisieren, können wir die Zwillingskrise von Erderwärmung und Verlust der biologischen Vielfalt noch bewältigen und zugleich die Resilienz unser Gesellschaften gegenüber den vielfältigen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Krisen in Gegenwart und Zukunft stärken.

Wo stehen wir, was brauchen wir? Das CIIS-Konsortium ist mittlerweile aufgrund seiner wissenschaftlichen Qualität und immensen gesellschaftlichen Bedeutung in die „Roadmap Forschungsinfrastrukturen“ der Leibniz-Gemeinschaft aufgenommen worden. Parallel dazu werden die wissenschaftlichen und infrastrukturellen Vorarbeiten gemeinsam vorangetrieben. In diesem Prozess werden die Schnittstellen zur im Aufbau befindlichen, komplementären Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) definiert und Synergien zu in Teilen vergleichbaren Forschungsinitiativen auf europäischer und weltweiter Ebene ausgelotet.

Denn CIIS zielt nicht auf nationale Insellösungen, sondern setzt auf ein konzentriertes Programm der digitalen Inwertsetzung der gesamtstaatlich bedeutenden Forschungssammlungen als Voraussetzung für die Vorbild- und Vorreiterrolle in internationalen Kooperationen. Dafür braucht es nicht nur die Kompetenz und die Expertise der beteiligten Forschungseinrichtungen, sondern auch ein mutiges und umfassendes Engagement auf Bundes- und Länderebene.

Helmuth Trischler leitet den Bereich Forschung des Deutschen Museums, ist Professor für Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Direktor des Rachel Carson Center for Environment and Society.

Der Gewässerökologe Klement Tockner ist Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und Professor für Ökosystemwissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt.

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