Standpunkt Was Schadstoffe in der Luft uns alle kosten

Die Debatte um Grenzwerte konzentriert sich auf die Gesundheitseffekte lokaler Luftschadstoffe und lässt dabei Auswirkungen auf andere bedeutsame Dimensionen wie Leistungsfähigkeit oder Bildungserfolg außer Acht. Die ökonomischen Kosten der Schadstoffbelastung werden massiv unterschätzt, argumentieren Wolfgang Habla, Vera Huwe und Martin Kesternich vom ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in ihrem Standpunkt.

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Fast kein Thema ist derzeit so präsent in der deutschen Öffentlichkeit wie die Debatte um Feinstaub- und Stickoxidgrenzwerte. Nach wie vor wird hitzig über die Angemessenheit der bestehenden Grenzwerte diskutiert. Zur Rechtfertigung dieser Grenzwerte werden bisher nahezu ausschließlich Studien über die Auswirkung von Luftschadstoffen auf die Gesundheit herangezogen.

Diese Studien untersuchen vorrangig die Effekte von Schadstoffbelastung auf die Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten, insbesondere der Atemwege und des Herzens, und auf die Sterblichkeit. Ungeachtet der enormen Bedeutung der menschlichen Gesundheit handelt es sich hierbei um eine verkürzte Betrachtungsweise, weil außer Acht gelassen wird, dass Luftschadstoffe nachweislich auch die individuelle Leistungsfähigkeit, die Produktivität und den Bildungserfolg negativ beeinträchtigen. 

Dazu lohnt sich ein Blick in die ökonomische Literatur: Eine Studie aus Kalifornien aus dem Jahr 2016 hat beispielsweise festgestellt, dass sich ein erhöhtes Niveau an Feinstaub mit einer Größe von 2,5 Mikrometern (PM 2,5) in der Außenluft negativ auf die Produktivität von Fabrikarbeitern auswirkt. Konkret sank die Produktivität um 41 US-Cent pro Stunde, was in etwa sechs Prozent des Stundenlohns entsprach, wenn die Feinstaub-Konzentration um 10 Mikrogramm pro Kubikmeter anstieg.

Eine Studie mit Call-Center-Mitarbeitern aus China kam zu ähnlichen Ergebnissen: Eine höhere Belastung mit Feinstaub führte dazu, dass die Angestellten im Schnitt weniger Anrufe pro Tag annahmen und abarbeiteten. Auch Spielern in der deutschen Fußball-Bundesliga konnte bei höherer Belastung mit Feinstaub geringere Produktivität, gemessen an der Anzahl gespielter Pässe, nachgewiesen werden. Beachtenswert dabei ist, dass diese Effekte bereits für Werte, die teilweise deutlich unter den aktuellen Grenzwerten liegen, nachweisbar sind.

Hohe Feinstaubbelastung bei Prüfung = schlechtere Berufsaussichten

Die erwähnten Studien beziehen sich auf körperliche Tätigkeiten oder Tätigkeiten mit relativ geringen kognitiven Anforderungen. Da jedoch ein Großteil der ökonomischen Leistung in urbanen, industrialisierten Gesellschaften auf kognitiv anspruchsvollen Tätigkeiten beruht, ist besonders interessant, ob sich Luftverschmutzung auch in Bildungsergebnissen niederschlägt. Tatsächlich fand eine israelische Studie heraus, dass Schüler an Tagen mit hoher Feinstaubbelastung in Abschlussprüfungen signifikant schlechtere Testergebnisse erzielten.

Noch beunruhigender als der kurzfristige Effekt auf die Testergebnisse dürfte allerdings die Tatsache sein, dass sich die höhere Luftverschmutzung an den Prüfungstagen sogar langfristig negativ im späteren Arbeitseinkommen der Schüler niederschlug. Der Grund dafür ist, dass Noten von Abschlussprüfungen oft über den Zugang zu bestimmten Studiengängen entscheiden und schon unwesentlich schlechtere Noten den Zugang enorm erschweren, wenn nicht unmöglich machen. 

Man könnte nun anführen, dass der Bildungserfolg in der Regel ja nicht nur von der Leistung an einem einzigen Prüfungstag abhängt. Allerdings wurde in einer kürzlich veröffentlichten Studie ein signifikant negativer Effekt auf Bildungserfolg auch für den Fall gemessen, dass die Luftqualität an Schulen auf Grund der Nähe zu einer Autobahn oder einer vielbefahrenen Straße über einen längeren Zeitraum hinweg schlecht ist.

Es drohen Wohlstandsverluste für die gesamte Gesellschaft 

Dieses Ergebnis ist von zentraler Bedeutung, da der schulische Bildungserfolg den Grundstein für die späteren Chancen auf dem Arbeitsmarkt und somit für das Arbeitseinkommen legt. Darüber hinaus ist dieses Ergebnis relevant für Entwicklungen der sozialen Mobilität und Einkommensungleichheit: Gegeben dass Kinder aus einkommensschwächeren Haushalten tendenziell höheren Belastungen ausgesetzt sind, weil sie zum Beispiel in Vierteln wohnen oder zur Schule gehen, in denen die Luftverschmutzung höher ist, wird soziale Mobilität erschwert und langfristige Lohnungleichheit verstärkt. 

Insgesamt legen neuere Studien den Schluss nahe, dass ökonomische Verluste aus verringerter Produktivität und geringerem Bildungserfolg aufgrund der Belastung mit Feinstaub und anderen Luftschadstoffen möglicherweise erheblich sein können. Auch wenn manche dieser Effekte sehr schwierig zu messen sind (nicht zuletzt aufgrund der sehr geringen Anzahl an Messstationen für Luftschadstoffe), sind weitere Studien zu dieser Thematik dringend erforderlich.

Andernfalls besteht die Möglichkeit, dass durch zu hohe Konzentrationen von Luftschadstoffen nicht nur die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger gefährdet wird, sondern diese darüber hinaus auch weitreichende Wohlstandsverluste für die gesamte Gesellschaft zur Folge haben. 

Prof. Dr. Martin Kesternich ist stellvertretender Leiter des ZEW-Forschungsbereichs Umwelt- und Ressourcenökonomik, Umweltmanagement und Professor an der Universität Kassel. Dr. Wolfgang Habla und Vera Huwe forschen am ZEW zu transportökonomischen Fragestellungen.

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