Folgen von Reformprogrammen : Der IWF wollte Wachstum – und erntete Entwaldung
Eine neue Studie zeigt: Trotz der grünen Ziele des Internationalen Währungsfonds trugen dessen Kredite zu einem Anstieg der Entwaldung um neun Prozent bei. Deutschland sollte seinen Einfluss für eine Kehrtwende nutzen, schreibt Felix Finkbeiner, Gründer der Stiftung Plant for the Planet.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Während sich die Mitglieder des Internationalen Währungsfonds (IWF), unter ihnen Bundesfinanzminister Lars Klingbeil, diese Woche in Washington versammelten, um über Zölle und Ölpreise zu debattieren, wurden sie mit einer unangenehmen Nachricht konfrontiert: Sie haben ungewollt eine massive Entwaldung mitverursacht.
Eine in der Fachzeitschrift „One Earth“ veröffentlichte Studie zeigt auf, dass der IWF so gut wie nie spezifische Reformen für die Waldbewirtschaftung vorschreibt. Weniger als eine von 1000 Auflagen bezog sich auf Wälder. Dennoch korrelierten die Programme des Währungsfonds mit einem Anstieg des Baumverlusts in Entwicklungsländern um 9,2 Prozent. Konkret bedeutet das: Ein übliches dreijähriges IWF-Reformprogramm führt zu einem zusätzlichen Waldverlust von der Größe des Inselstaates Barbados.
Der IWF gewährt Notfallkredite an Staaten in Schuldenkrisen und unterstützt diese Länder bei Verhandlungen mit Gläubigern über Umschuldungen und Schuldenschnitte. Im Gegenzug müssen sich die Empfängerländer zu Sparmaßnahmen und Reformen verpflichten, die künftige Krisen verhindern sollen.
Sechs Prozent des gesamten Waldverlusts standen zum Beispiel im Jahr 2023 im Zusammenhang mit IWF-Programmen. Die Autoren der Studie analysierten Daten aus den Jahren 2000 bis 2020 in 109 Ländern mit nennenswertem Waldbestand. In den ärmsten Ländern stiegen die Abholzungsraten am stärksten.
Die Ergebnisse der Studie stehen im Widerspruch zu den selbstgesteckten Klimazielen des IWF sowie den Verpflichtungen der meisten Mitgliedstaaten, die Entwaldung bis 2030 zu stoppen und umzukehren.
Die Lehren aus Brasilien
Die globale Entwaldung erreichte in den 1980er-Jahren ihren Höhepunkt und hat sich seitdem etwa halbiert. Trotz ehrgeiziger internationaler Zusagen stagniert der Fortschritt jedoch seit einigen Jahren. Während unter Präsident Lula die Abholzungsraten in Brasilien deutlich sinken, verzeichnet Indonesien – das Land mit dem zweitgrößten tropischen Regenwald der Welt – einen dramatischen Anstieg.
Brasiliens Erfolge basieren auf der Ausweisung von Schutzgebieten und der Stärkung indigener Landrechte. Eines Brasiliens effektivster Instrumente ist jedoch die strikte Durchsetzung bestehender Gesetze durch eine bessere Finanzierung der Forstbehörden. Als Brasilien Ende der 1990er-Jahre unter einem IWF-Programm stand, wurde genau dieses Budget gekürzt – die Entwaldung nahm zu.
Der Haupttreiber der Abholzung ist die Landwirtschaft. Der einfachste Weg, die Nahrungsmittelproduktion zu steigern, ist die Ausweitung der Flächen auf Kosten der Wälder. Wo Ökosysteme wirksam geschützt werden, investieren Landwirte stattdessen in die Intensivierung: mehr Ertrag auf gleicher Fläche. Dies erfordert Investitionen in Düngemittel und landwirtschaftliche Beratung. Solche Programme sind kostspielig und fallen Sparmaßnahmen oft als Erstes zum Opfer.
Deutschland muss vorangehen
Fast unbemerkt ist Deutschland ein Vorreiter im Regenwaldschutz geworden. Die Bundesrepublik war 2008 maßgeblich an der Gründung des Amazonas-Fonds beteiligt. Auf der jüngsten Weltklimakonferenz sagte Deutschland weitere 400 Millionen Euro für den Waldschutz im Kongobecken und eine Milliarde Euro für den neuen TFFF-Mechanismus zu, der Länder für den Schutz ihrer Wälder belohnt.
Als viertgrößter Anteilseigner des IWF – mit einem Stimmrechtsanteil von 5,6 Prozent – gehört Deutschland gleichzeitig zu den einflussreichsten Mitgliedern. Dies gilt umso mehr, da es die USA jüngst als weltweit größter Geber von Entwicklungshilfe abgelöst hat.
Bundesbankpräsident Joachim Nagel und Finanzminister Lars Klingbeil, die Deutschland im IWF vertreten, sollten diesen Einfluss geltend machen. Sie müssen sicherstellen, dass der IWF untersucht, welche der gängigen Formvorschriften die größten Waldverluste verursachen. In einem zweiten Schritt sollte ein Verfahren etabliert werden, das die voraussichtlichen Auswirkungen von Reformauflagen auf die Entwaldungsrate eines Landes bewertet.
Besonderes Gewicht sollten diese Überlegungen bei Ländern wie Brasilien, Indonesien oder der Demokratischen Republik Kongo haben. Nur zehn Länder beherbergen fast 80 Prozent der weltweiten tropischen Regenwälder. Fast alle diese Wälder befinden sich in Entwicklungs- und Schwellenländern – Länder die in den kommenden Jahrzehnten voraussichtlich IWF-Programme in Anspruch nehmen werden.
Vertreter von IWF und Weltbank vermeiden gerade das Wort „Klima“, um die US-Regierung nicht zu provozieren. Indem wir das Problem der Entwaldung angehen, bekämpfen wir die Klimakrise, ohne sie anzusprechen.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden