Fleischindustrie : Gegen die Übernahme der Vion-Höfe durch Tönnies – Megaschlachthöfe stilllegen
Die Übernahme der Vion-Schlachthöfe durch die Premium Food Group (ehemals Tönnies) sollte nicht genehmigt werden, meint Reinhild Benning von der Deutschen Umwelthilfe. Statt überschüssige Schlachtkapazitäten aufrechtzuerhalten, sollen die Rahmenbedingungen zugunsten von besserer Tierhaltung, alternativen Proteinen und Regionalvermarktung gesetzt werden.
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Der niederländische Fleischkonzern Vion will seit 2024 seine Schlachthöfe in Deutschland aufgeben. Mitten in einer Hochburg der Massentierhaltung in Emstek im Kreis Cloppenburg wurde bereits ein Vion-Schlachthof geschlossen. Das ist wegweisend. Der Fleischkonsum bei Rind und Schwein in Europa sinkt. Es gibt keinen Bedarf, die Vion-Schlachthofkapazitäten zu erhalten. Die Infrastruktur an Schlachthaken ist gemessen an der sinkenden Nachfrage der Verbraucher:innen und gemessen an den Klimazielen der Bundesregierung deutlich zu groß.
Andere Vion-Schlachthöfe stehen zum Verkauf. Die möglichen Übernehmer stehen schon Schlange: Der Schlachthof-Riese Raiffeisen Viehzentrale, jüngst unter dem Verdacht, Rinder-Lieferpapiere manipuliert und bessere Haltungsstufen vorgetäuscht zu haben, übernahm vier Vion-Schlachthöfe in Nord- und Ostdeutschland.
Die beiden größten Fleischkonzerne, Tönnies und Westfleisch, haben es nun auf das süddeutsche „Tafelsilber“ der Vion-Gruppe abgesehen: die Schlachthöfe in Buchloe, Crailsheim und Waldkraiburg. Das Bundeskartellamt hat dies im Juni 2025 untersagt und auch aus Sicht der Deutschen Umwelthilfe muss eine Re-Monopolisierung des deutschen Fleischmarkts verhindert werden.
Megaschlachthöfe sind unvereinbar mit dem Ziel der Klimaneutralität 2045 und mit der gesellschaftlichen Akzeptanz mit Blick auf den Tierschutz. Tönnies ist mit rund 30 Prozent Marktanteil bei Schweinen der mit Abstand größte Schlachthofkonzern in Deutschland. Unter anderem nach den Erfahrungen mit dem Wurstkartell gilt aus strukturpolitischen Gründen das Ziel der Entflechtung. Weder der Fleischriese Tönnies noch der Genossenschaftskonzern Westfleisch sollten mit den Vion-Schlachthöfen noch mehr Marktmacht bekommen.
Es wäre im Sinne des Gemeinwohles, dass die Bundesländer prüfen, ob regionale Schlachtungen in bäuerlicher Verwaltung neu aufgestellt werden können. Dabei sollte gemäß der neuen EU-Hygieneverordnung für Rinder die in der Regel sanftere Tötung der Tiere auf den Höfen (zum Beispiel Weideschuss) und die Zerlegung in gemeinschaftlichen Verarbeitungseinrichtungen berücksichtigt werden.
Tönnies strebt Ministerinnenerlaubnis für Übernahme an
Gegen die Tönnies-Übernahme der süddeutschen Vion-Schlachthöfe hatte das Bundeskartellamt im Juni 2025 ein Veto eingelegt. Tönnies verfüge bereits über eine sehr große Marktmacht und „die Übernahme der Vion-Standorte hätte die Marktposition von Tönnies zum Nachteil der Landwirtinnen und Landwirte und der verbleibenden kleineren Wettbewerber in den betroffenen Regionen bedenklich verstärkt“, so die Kartellwächter auch mit Blick auf den Rindfleischmarkt.
Nach der Übernahme der Vion-Standorte würde Tönnies in den Einzugsgebieten der Rinderschlachthöfe in Süddeutschland Marktanteile von deutlich über 40 Prozent erreichen, mit weitem Abstand zu den verbleibenden, deutlich kleineren Wettbewerbern. Damit wäre eine kartellrechtlich relevante Größe überschritten.
Gegen die Kartellamtsentscheidung hat Tönnies beim Oberlandesgericht Düsseldorf Widerspruch eingelegt. Damit beginnt vom heutigen Montag an eine Frist von einem Monat, in der sich das Fleischunternehmen um eine Ministerinnenerlaubnis für die Übernahme bemühen kann. Die zuständige Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche hätte dann formal bis zum 11. Januar 2026 Zeit für eine Entscheidung. Wird die Ministerinnenerlaubnis beantragt, muss die Monopolkommission nach Aufforderung durch das Ministerium innerhalb von acht Wochen eine Stellungnahme abgeben.
Gute regionale Strukturen werden zerstört
Laut „Süddeutscher Zeitung“ reklamiert die aus Tönnies hervorgegangene Premium Food Group (PFG), dass es Hilferufe der Bauern gebe. Das suggeriert, die Übernahme diene dem Erhalt regionaler Schlachtmöglichkeiten für die Bauern in Bayern. Das Argument der Regionalverträglichkeit ist aber oft nur vorgeschoben, das zeigt die lange Liste der Werksschließungen nach Übernahmen von Tönnies in nur zehn Jahren:
Tönnies hat mindestens sechs Standorte übernommen und geschlossen:
- Ahlen in Westfalen: Schinkenproduktion 2024 von Tönnies übernommen, 2025 geschlossen.
- Bad Bramstedt in Schleswig-Holstein: Schlachtbetrieb wurde kurz nach dem Kauf (2015–2016) durch Tönnies geschlossen.
- Landsberg in Bayern (Zur-Mühlen, ehemals Lutz, dann Tönnies): Standort wurde 2020 geschlossen.
- Tillman’s (Herzebrock) und Marten (Gütersloh) in NRW: Beide Standorte wurden von Tönnies übernommen und 2018 dichtgemacht.
- Beckum in NRW (vormals städtischer Rinderschlachthof, dann von Tönnies übernommen): 2019 stillgelegt.
- Schmerzke in Brandenburg: Standort wurde 2022 geschlossen.
Von der Erhaltung regionaler Fleischwerke und von Gemeinwohl kann also keine Rede sein. Das wahre Interesse der Großen in der Schlachtbranche ist ohnehin bekannt: „Ziel der Unternehmen ist es, die vorhandene Infrastruktur möglichst optimal auszulasten, um einerseits die Stückkosten zu senken und andererseits ein breit gefächertes Angebot zu produzieren“, so die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) in einem Bericht.
Macht der Schlachter verschärft Marktmacht der Supermärkte
Bauernhöfe könnten bei einer Vion-Übernahme durch Tönnies oder Westfleisch ihre Interessen gegen Fleischgiganten noch weniger durchsetzen. Untersuchungen des Landes Baden-Württemberg belegen, dass die Schere zwischen Verbraucherpreisen für Fleisch und Erzeugerpreisen ohnehin stark auseinandergeht. Während Supermärkte die Verbraucherpreise teils massiv erhöhen, sinkt oder stagniert der Erlösanteil der Erzeugerbetriebe, schrieb die Landesanstalt für Landwirtschaft, Ernährung und Ländlichen Raum Baden Württemberg 2023.
Beispiele für Preisentwicklungen bei geltender Marktmachtverteilung: Verbraucherpreise steigen, aber bei Erzeugenden kommt das Geld oft nicht an.
Westfleisch auch nicht für die Übernahme geeignet
Auch für den Übernahmebewerber Westfleisch, dem zweitgrößten Fleischindustrie-Unternehmen in Deutschland mit 15,5 Prozent Marktanteil bei Schweinen, ist aus Sicht der DUH Vorsicht geboten. Laut eigenen Angaben exportiert die Westfleisch ein Drittel des Gesamtabsatzes, davon ein Drittel in Länder außerhalb der EU. Der Weltmarktpreis für Schweinefleisch liegt aber in aller Regel unterhalb der Produktionskosten in der EU. In der Konsequenz erhalten Bauernhöfe, die an exportfixierte Fleischunternehmen liefern, über Monate, manchmal über Jahre hinweg keine kostendeckenden Fleischpreise.
Weitere Gründe für die Stilllegung der Vion-Schlachthöfe
„Der Verbrauch von Schweinefleisch wird durch Nachhaltigkeitsaspekte in Frage gestellt und wird daher voraussichtlich bis 2035 zurückgehen. Intensive Schweinefleischproduktionssysteme werden wahrscheinlich weiter in die gesellschaftliche Kritik geraten, was zu einem Rückgang der Schweinefleischerzeugung in der EU beitragen wird“, so die EU-Kommission in ihrer Marktprognose für 2035.
- Die Tierhaltung in Deutschland trägt zu 68 Prozent zu den Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft bei. Die Klimaemissionen deutscher Fleischkonzerne liegen auf hohem Niveau, wie eine Studie von Germanwatch 2024 zeigte. Aus Klimaschutzgründen muss die Fleischindustrie schrumpfen. Zugleich sollte die Tierhaltung zu umwelt- und tierfreundlicheren Haltungsformen wie Weide und Auslauf wechseln.
- Überproduktion: Die Produktion bei Schweinefleisch in Deutschland übertrifft den Konsum hierzulande um 35 Prozent, bei Rind sind es acht Prozent. Der gewaltige Exportüberschuss bei Fleischwaren betrug 2024 laut BLE rund 1,2 Millionen Tonnen Schlachtgewicht.
- Fleischersatzprodukte erobern zunehmend die Gaumen der Verbraucher:innen und die Supermarktregale, Kantinen und Cateringunternehmen, der Konsum steigt EU-weit. Um heimische Landwirtinnen und Landwirte an der Wertschöpfung in diesem Wachstumssektor teilhaben zu lassen, muss ein politischer Rahmen für die „Proteinwende auf den Äckern“ in Deutschland geschaffen werden.
- Tierschutzmängel in den Vion-Schlachthöfen müssen beendet und nicht weiterverkauft werden.
- Die EU erlaubt Hofschlachtungen ohne Lebendtiertransporte, das bringt neue Chancen für die Regionalvermarktung, die einen Megatrend darstellt.
Fazit
Klar ist angesichts der Fleischberge und Überproduktion in Deutschland: Weniger Schlachtkapazitäten hierzulande werden keinen Importsog nach Fleisch aus fernen Ländern auslösen. Vielmehr kostet die Ausfuhr der Überschüsse die deutschen Steuerzahlenden eine Stange Geld: Bundesagrarminister Alois Rainer will 2025 17 Millionen Euro für deutsche Außenhandelsbeziehungen ausgegeben, vor allem für Messen und Veranstaltungen. Hinzukommt, dass das Futter der Tiere in der EU mit mehr als 150 Euro je Hektar indirekt staatlich agrarsubventioniert wird.
Externe Kosten wie Nitrat aus der Gülle im Grundwasser oder Klimaschäden und Artenverlust werden ebenfalls von der Gesellschaft getragen. Nur mit diesen direkten und indirekten Quersubventionen kann Fleisch künstlich verbilligt auf Märkte gedrückt werden. Dabei widerspricht das herrschende Produktions- und Exportsystem praktisch allen Nachhaltigkeitszielen gleichzeitig.
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