Zum Wandel motivieren : Gesunde Ernährung braucht klare politische Leitplanken
Ohne die richtigen Rahmenbedingungen für die Transformation des Ernährungssystems muss das Engagement von Unternehmen Stückwerk bleiben, meint Richard Trechman von Danone. Zu den Details gehört seiner Ansicht nach, die Steuer auf Milchersatzprodukte zu senken. Ein Ernährungsgipfel sollte das große Ganze angehen und mutig neue Strukturen schaffen.
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Als Vater zweier Grundschulkinder und leidenschaftlicher Sportler ist mir bewusst, wie sehr Gesundheit und Ernährung zusammenhängen und wie entscheidend beides für die Zukunft unserer Kinder ist. Ernährung und damit auch Ernährungspolitik sind für mich deshalb nicht nur beruflich relevant, sondern eine Herzensangelegenheit.
Als Geschäftsführer eines Unternehmens, das sich seit über hundert Jahren der Verbesserung der Lebensqualität durch Ernährung verschrieben hat, ist für mich klar: Gesunde Ernährung sollte einen festen Platz im Alltag haben. Doch für diesen Alltag brauchen die Menschen das richtige Produktangebot – und hier ist zunächst die Industrie gefordert. Denn sie kann viel bewegen: durch bessere Rezepturen, nährstoffoptimierte Produkte und nachhaltige Innovationen.
Aber die Industrie benötigt dafür auch die politische Rückendeckung. Ernährungspolitik sollte heute kein Randthema sein. Sie ist ein zentraler Hebel für die Gesundheit der Bevölkerung, gleichzeitig auch für die Umwelt und damit auch die gesamte Wirtschaft. Eine nachhaltige Ernährungspolitik kann dazu beitragen, den ökologischen Fußabdruck zu verringern, die Lebensqualität zu verbessern und die Ernährung der Zukunft mitzugestalten.
Wir leben in einem Land, in dem ernährungsbedingte Krankheiten die Gesellschaft jährlich je nach Studie zwischen 30 und 100 Milliarden kosten. Wir leben in einem Land, in dem Kinder mit zu viel Zucker aufwachsen, in dem Menschen zu wenig Jod zu sich nehmen und in dem wir keine echte Ernährungsbildung in den Kitas und Schulen haben – um nur einige Themen anzusprechen.
Gleichzeitig erleben wir eine Klimakrise, die durch unsere Ernährung befeuert wird, und eine Gesellschaft, die sich nach Orientierung sehnt. Was fehlt, ist ein koordinierender politischer Rahmen, der Gesundheit, Nachhaltigkeit und Innovationen nicht als Gegensätze, sondern als gemeinsame Ziele versteht.
Danone hat sich bereits früh auf den Weg gemacht und wir verbessern unsere Rezepturen kontinuierlich: Beispielsweise enthalten unsere Fruchtzwerge heute 40 Prozent weniger Zucker und rund 70 Prozent weniger Fett als das Ursprungsprodukt. Alle unsere Actimel-Produkte für Kinder haben weniger als 10 Gramm Zucker pro 100 Gramm. Ein weiteres Beispiel: Wir reichern unsere pflanzlichen Drinks mit wichtigen Nährstoffen wie Calcium, Vitamin B12, D oder Jod an – weil wir wissen, dass hier die Empfehlungen von Fachgesellschaften nicht immer erreicht werden.
Wir brauchen die Unterstützung der Politik
Und wir haben uns selbst die Regel gegeben, keine Werbung für gesüßte Getränke an Kinder zu richten. Deshalb sieht uns die unabhängige Access to Nutrition Initiative, die analysiert, wie stark ein Unternehmen zur Verbesserung von Ernährung und Gesundheit beiträgt, auch auf Platz 1 – weltweit. Wir wissen trotzdem, dass wir nicht perfekt sind. Wir lernen jeden Tag dazu und wir verbessern unsere Produkte kontinuierlich. Denn Fortschritt ist kein Zustand, sondern ein Prozess.
Doch wir stoßen an Grenzen. Ohne klare politische Leitplanken bleibt unser Engagement Stückwerk. Die Verantwortung der Wirtschaft ist groß, aber wir brauchen die Unterstützung der Politik.
Uns ist allerdings auch klar, dass Ernährungspolitik nicht einfach ist. Ein schönes Beispiel hierfür ist die Debatte zum Kinder-Lebensmittel-Werbegesetz. Was als gutgemeinte Schutzmaßnahme begann, wurde schnell zum juristischen Minenfeld. Fragen wie: „Ist dieses Gesetz nicht sowieso Ländersache?“ oder „Darf ein Bäcker dann noch für sein Croissant im Schaufenster werben?“ zeigen, wie komplex die Umsetzung solcher Gesetze ist.
Kennzeichnung für gesunde Produkte auf der Verpackung
Aus unserer Sicht gibt es aber auch einen anderen Weg: Wir brauchen weniger Verbote, sondern incentivierende, motivierende Rahmenbedingungen. Wir brauchen Rahmenbedingungen, die die Unternehmen unterstützen, die sich auf den Weg zu gesünderen Produkten gemacht haben – damit sie diesen Weg auch erfolgreich weitergehen können. Wie diese (oder ein Teil dieser) Rahmenbedingungen aussehen könnten, haben wir vor zwei Monaten in einem ernährungspolitischen Vorschlagskatalog vorgestellt, der aufzeigen soll, wie eine gesunde Ernährung für alle möglich werden kann. Zentrale Elemente sind:
- Bessere Nährwertprofile von Produkten: Frische Milchprodukte für Kinder sollten zum Beispiel maximal 10 Gramm Zucker pro 100 Gramm enthalten.
- Mehrwertsteuerfairness: Pflanzliche Drinks verdienen den ermäßigten Steuersatz. Aktuell zahlen Verbraucher 19 Prozent, für Kuhmilch nur 7 Prozent.
- Ernährungskompetenz: Bildung muss früh beginnen – von der Kita bis zur weiterführenden Schule.
- Kennzeichnung: Eine europaweit einheitliche Front-of-Pack-Kennzeichnung, die gesunde Produkte leichter erkennbar macht.
- Mangelernährung bekämpfen: Regelmäßige Screenings von Patienten in Kliniken und Pflichtschulungen für medizinisches Personal sind überfällig.
Diese Vorschläge decken natürlich nicht alle Aspekte ab. Sie waren und sind eine Anregung zum Dialog, wissenschaftlich fundiert, umsetzbar und messbar.
Empfehlungen des Bürgerrats beachten
Manchmal sind es aber auch die kleinen Schritte, die große Wirkung entfalten können. Ein Beispiel: Jod. Es gibt heute schon eine Website des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Heimat. Hier wird zum Gebrauch von jodiertem Salz angeregt, um dem existierenden Jodmangel entgegenzuwirken. Es wäre ein Leichtes, hier auch den Rat der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, mit Jod angereicherte pflanzliche Alternativen zu wählen, zu integrieren. Ein kleiner Schritt – mit einer potenziell großen Wirkung.
Unsere Vision ist klar: Danone will der Lebensmittelhersteller mit dem gesündesten Portfolio sein. Nicht aus PR-Gründen, sondern weil wir überzeugt sind: Wer gesunde Produkte entwickelt, kann gesellschaftlich etwas bewegen. Wir sehen uns als Teil der Lösung, aber wir brauchen die richtigen Rahmenbedingungen, um unsere Wirkung entfalten zu können.
Dazu gehören eben auch die Steuern. Es ist aus unserer Sicht nicht nachvollziehbar, warum Pflanzendrinks, die mittlerweile fester Bestandteil der Ernährung sind, höher besteuert werden als eine Kuhmilch.
Bei all dem sollten wir nicht nur an die gesunden Menschen denken, sondern auch an diejenigen, bei denen Ernährung Voraussetzung für eine gelungene Therapie ist. Auch hier braucht es die richtigen Rahmenbedingungen. Die Politik muss ein verpflichtendes Screening auf klinische Mangelernährung bei Patienten in Krankenhäusern einführen. Das ist nicht nur eine Voraussetzung für größere Therapieerfolge, sondern auch volkswirtschaftlich sinnvoll.
Und wenn wir über Ernährung sprechen, dürfen wir den „Bürgerrat“ nicht vergessen. Seine Empfehlungen – vom kostenfreien Mittagessen bis zur klaren Kennzeichnung – zeigen, wie viel kluge Ideen aus der Mitte der Gesellschaft kommen.
Wir brauchen einen Ernährungsgipfel, der alle Akteure an einen Tisch bringt. Und wir brauchen den Mut, alte Strukturen zu hinterfragen und neue Wege zu gehen. Die Politik muss die richtigen Rahmenbedingungen schaffen – motivierend, incentivierend und im Dialog mit Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft.
Gesunde Ernährung darf kein Privileg sein. Sie muss zur Selbstverständlichkeit werden. Wir bei Danone sind bereit, unseren Teil dafür zu leisten.
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