Effiziente Rohstoffnutzung : Holzbau und Holzenergie sind zwei Seiten einer Medaille
Soll man Holz verbauen oder verbrennen? Diese Frage ist aus Sicht von Julia Möbus falsch gestellt. Denn stoffliche und energetische Nutzung gehören zusammen. Eine Kaskadenpflicht könnte die Kreislaufwirtschaft sogar gefährden, anstatt sie zu stärken.
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Holz gilt als einer der großen Hoffnungsträger für die klimaneutrale Transformation unserer Wirtschaft und Gesellschaft. Es speichert Kohlenstoff, lässt nachhaltige Gebäude oder hochwertige Möbel entstehen, schafft regionale Wertschöpfung und liefert erneuerbare Energie. So weit, so vielversprechend.
Umso mehr verwundert es, dass in den letzten Wochen eine Debatte über die Zukunft von Holz entlang einer künstlichen Trennlinie entbrannt ist: auf der einen Seite die stoffliche Nutzung für den Holzbau, auf der anderen Seite die energetische Nutzung in Form von Pellets oder Holzenergie.
Diese Gegenüberstellung geht nicht nur an der Realität vorbei, sondern blendet auch die Wechselwirkungen der Holzverwendung aus: Holzbau und Holzenergie sind keine Gegensätze, sie sind zwei Seiten derselben Medaille.
Kreislaufwirtschaft erfordert vollständige Rohstoffnutzung
Um die Verknüpfungen dieser Rohstoffströme zu verstehen, muss man einen Blick in die Säge- und Holzindustrie werfen. Seit Jahrhunderten wird hier Bauholz hergestellt: früher für Fachwerkhäuser, heute für nahezu jedes Gebäude vom Einfamilienhaus bis hin zum modernen Hochhausbau.
Doch ein Baumstamm lässt sich nicht vollständig zu Brettern und Balken verarbeiten. Bei der Verarbeitung fallen rund 40 Prozent des Rohstoffs als Sägenebenprodukte wie Hackschnitzel, Sägespäne oder Hobelspäne an.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob diese Rohstoffe genutzt werden sollen, sondern durch welche Verwendung der größte Mehrwert entsteht – für Bauvorhaben und Energie, für regionale Wertschöpfung und nicht zuletzt für Klima- und Umweltschutz.
Eine funktionierende Kreislaufwirtschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sämtliche anfallenden Ressourcen einer sinnvollen Verwendung zugeführt werden. Die Säge- und Holzindustrie kann hier als Blaupause für die Dekarbonisierung vieler anderer Branchen dienen. Reststoffe wie Rinde oder Altholz werden in eigenen Kraftwerken für erneuerbare Prozessenergie genutzt, andere Reststoffe fließen in die Produktion von Holzwerkstoffen, Papier, Zellstoff oder Holzpellets.
Gerade die Produktion von Holzpellets zeigt, wie erfolgreich marktwirtschaftliche Kreisläufe neue Produkte und Einsatzgebiete entstehen lassen. Denn die Herstellung von Holzpellets entsprang entgegen einiger Mythen nicht aus politischen Vorgaben oder Förderungen, sondern weil für große Mengen an Sägenebenprodukten bereits um die Jahrtausendwende keine ausreichende stoffliche Nachfrage vorhanden war.
Diese Problematik zeigt sich mehr als 25 Jahre später in ähnlichem Gewand: Im Jahr 2021 fielen laut dem Rohstoffmonitoring Holz des Thünen-Instituts in Deutschland rund 16,7 Millionen Kubikmeter Sägenebenprodukte bei der Herstellung von Bauholz an. Zum Vergleich: Die Nachfrage stofflicher Verwender lag in diesem Jahr bei 9,3 Millionen Kubikmetern.
Wird in der klassischen Wirtschaftslehre angenommen, dass diese Absatzwege vollständig ausgeschöpft würden und der Import ausgeblendet, müsste weiterhin für die Hälfte der Sägenebenprodukte eine wirtschaftliche Verwendung gefunden werden. Ein weitgehend identisches Bild zeigt sich bei dem Blick in den Wald auf die Bäume und Hölzer, die im Fachjargon als „nicht-sägefähig“ oder auch als „Rundholz in Industriequalität“ bezeichnet werden.
Die energetische Nutzung dieser Rohstoffe ist deshalb nicht nur eine ökonomische Notwendigkeit für viele Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette Wald und Holz, sondern leistet bereits heute mit rund 65 Prozent den größten Beitrag zur erneuerbaren, sicheren und unabhängigen Wärmeversorgung unseres Landes.
Märkte und Produkte statt gesetzlicher Vorgaben
Umso problematischer ist die Forderung nach einer strikt vorgegebenen „Kaskadennutzung“ im Gebäudemodernisierungsgesetz oder der Bundesförderung für effiziente Gebäude. Die Idee, Holz möglichst lange stofflich und erst am Ende energetisch zu nutzen, erscheint auf den ersten Blick plausibel.
Was jedoch übersehen wird: Ein solch schwerwiegender Eingriff in bestehende Rohstoffmärkte, wie eine per Gesetz verordnete Kaskade wird genau das Gegenteil bewirken: Statt den Holzbau zu stärken, werden Unternehmen, die Bauholz herstellen, in ihren Absatzwegen erheblich eingeschränkt. Waldbesitzer werden ihre „unverkäuflichen“ Hölzer im Wald lassen, statt den Waldumbau voranzubringen.
Statt gesetzlichen Nutzungsvorgaben braucht es Märkte, Nachfrage und wirtschaftlich tragfähige Anwendungen. Wo diese fehlen, entsteht keine höhere Ressourceneffizienz, sondern ein Akzeptanz- und Verwertungsproblem.
Bei den aktuellen politischen Diskussionen lohnt ein Blick in die Vergangenheit auf das Gebäudeenergiegesetz: Wer den Austausch bestehender Heizsysteme ausschließlich über ordnungsrechtlichen Druck erzwingen will, riskiert Akzeptanzverluste und Fehlanreize. Beim Gebäudeenergiegesetz haben die politischen Diskussionen rund um das vermeintliche Verbot von Holzheizungen zu einer Renaissance der Öl- und Gasheizungen geführt – mit Verlierern auf ganzer Strecke vom Klimaschutz bis zu den Verbrauchern.
Gleiches gilt für Eingriffe in bestehende Rohstoffmärkte. Werden funktionierende Verwertungspfade politisch eingeschränkt, stellt sich die Frage, welche Alternative an ihre Stelle treten soll – im Heizungskeller ebenso wie bei Nutzung von Nebenprodukten.
Nachhaltigkeit als entscheidendes Kriterium
In der Debatte rund um die Holzenergie wird von Kritikern zudem regelmäßig die internationale Perspektive bemüht. Unbestritten kann Holzenergie in vielen Teilen der Welt auch zu großen Schäden an Ökosystemen führen. Darauf basierend jedoch alle energetischen Verwendungen von Holz über einen Kamm zu scheren, greift zu kurz. Entscheidend für die notwendige Unterscheidung von Ländern, Rohstoffeinsatz und Produktionsmethoden muss in den nächsten Jahren die Nachhaltigkeit der Holzenergie sein.
Aufbauend auf den bestehenden Nachweissystemen der Biomassestrom-Nachhaltigkeitsverordnung muss es nun Aufgabe der Branche sein, gemeinsam durch pragmatische Ansätze die Nachhaltigkeit unserer heimischen Holzenergie verbindlich abzubilden und damit den Diskussionen rund um die Holzenergie als böser Gegenspieler zum Holzbau entgegenzuwirken.
Transformation braucht die gesamte Wertschöpfungskette
Denn es braucht in Zukunft einen pragmatischen und technologieoffenen Blick auf die Holzverwendung. Holzbau und Holzenergie haben beide das Ziel der effizienten Nutzung eines erneuerbaren Rohstoffs.
Die Transformation gelingt nicht, indem einzelne Nutzungsformen gegeneinander ausgespielt werden, sondern durch eine starke Wertschöpfungskette – vom Wald über das Sägewerk und den Holzbau bis hin zur energetischen Nutzung. Holzbau und Holzenergie stehen sich daher nicht unvereinbar gegenüber, sondern ergänzen sich gegenseitig optimal. Nur im Zusammenspiel können sie ihr volles Potenzial für Klimaschutz, regionale Wertschöpfung und Versorgungssicherheit entfalten.
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