Effizienter Wald-Klimaschutz : LULUCF-Verordnung reformieren und Holzzuwachs stärken
Die LULUCF-Verordnung der EU, das deutsche Klimaschutzgesetz und das jüngste einschlägige Urteil des Bundesverwaltungsgerichts besagen gleichermaßen: Der Wald soll als CO2-Senke dazu beitragen, das Klima zu schützen. Dieser Fokus ist Irene Seling, Hauptgeschäftsführerin des Verbandes AGDW – Die Waldeigentümer, zu einseitig. Warum sie eine Reform der Regularien für dringend und zeitgemäß hält, erklärt sie in ihrem Standpunkt.
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In Deutschland erbringen Waldbesitzer jeden Tag Klimaschutzleistungen, die ihnen nicht angerechnet werden. Ihre Wälder binden CO2 und speichern Kohlenstoff, Holz ersetzt im Gebäudesektor CO2-intensive Baustoffe wie Beton, Koppelprodukte aus der Holzindustrie lösen fossile Energieträger an vielen Stellen als Brennstoff und zur Stromproduktion ab. Doch diese Beiträge für den Klimaschutz werden vergemeinschaftet oder anderen Sektoren zugeschrieben.
Zurück geht dies auf die Vereinbarungen zum sogenannten LULUCF-Sektor (Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft) im Kyoto-Protokoll zur Klimakonvention der Vereinten Nationen von 1997: Seither wird die Kohlenstoffspeicherung der Wälder über die Photosynthese in den nationalen Klimaschutzbilanzen verbucht. Ein Kniff in der Anrechnung, der den UN-Klimavertrag für Industriestaaten mit einem hohen Ausstoß an Treibhausgasen (THG) weniger abschreckend machte.
Mehr Unterzeichnerstaaten für den Klimavertrag konnten gewonnen werden, doch den Waldeigentümern wurde so schon früh aberkannt, dass hinter der CO2-Bindung und der Senkenleistung durch die Wälder eine forstwirtschaftliche Leistung steht. Gleichzeitig resultierten die in Kyoto getroffenen Vereinbarungen darin, dass die von der Forstwirtschaft bereitgestellten Klimaschutzleistungen von Wald und Holz, die über den CO2-Speicher hinausgehen, den aufnehmenden Branchen wie dem Gebäude- und Industriesektor statt dem Wald gutgeschrieben werden.
Missverständnis mit Folgen
Diese Festlegungen waren der Beginn eines folgenreichen politischen Missverständnisses. Der Wald wurde fortan in der Klimapolitik der Industriestaaten, allen voran in Europa, als ohnehin vorhandener und scheinbar stets aufnahmefähiger CO2-Reparaturbetrieb wahrgenommen. Klimapolitische Zielverfehlungen in anderen Branchen schienen weniger dramatisch angesichts der negativen Emissionen, die sich über den Wald abrufen ließen.
Das ging so lange gut, wie sich die Klimaschäden, die von Wirtschaftssektoren wie Verkehr, Gebäude und Industrie verursacht werden, nicht allzu stark im Wald bemerkbar machten. So konnte die Europäische Union noch im Jahr 2018 ihre LULUCF-Verordnung mit extrem ambitionierten CO2-Senkenzielen für den Wald verabschieden, die jetzt zur Überprüfung ansteht.
Parallel zur Verabschiedung dieser EU-Verordnung setzten in Deutschland und anderen mitteleuropäischen Staaten Trockenheit und eine mehrjährige Dürre ein, die in Kombination mit weiteren Extremwetterereignissen und einhergehendem Schädlingsbefall weiträumige Großkalamitäten verursachten. Die Folgen beschäftigen nicht nur die Forstwirtschaft, sondern die Gesellschaft als Ganzes bis heute. Denn die CO2-Senkenleistung des Waldes hat sich in Deutschland wie in anderen EU-Staaten deutlich vermindert. Dennoch: Die Senkenziele der EU für den LULUCF-Sektor blieben die alten und sind inzwischen gänzlich unrealistisch.
Trotzdem hält die EU-Kommission bislang an den überholten Vorgaben der LULUCF-Verordnung fest. Im Jahr 2030 soll der Wald demnach EU-weit Negativemissionen im Umfang von 310 Mio. Tonnen Kohlendioxid-Äquivalenten (CO₂-Äq.) erbringen, davon rund 31 Mio. t in Deutschland. In einem kürzlich veröffentlichten Zielpfad der Kommission wird für Deutschland prognostiziert, dass das Minderungsziel im LULUCF-Sektor bis 2029 deutlich verfehlt werde, bevor es dann ab 2030 quasi über Nacht erfüllt werden soll. Wissenschaftlich betrachtet ist dieser Zielpfad eine Farce.
In der Fachwelt ist man sich einig, dass die LULUCF-Vorgaben nicht zu halten und reformbedürftig sind – und mit ihnen das deutsche Klimaschutzgesetz, das die Vorgaben der EU-Verordnung in Deutschland umsetzt. Die Europäische Umweltagentur rechnet in einer Studie vom Juni 2025 auf Basis der von den EU-Mitgliedstaaten eingereichten Schätzungen mit negativen Emissionen des LULUCF-Sektors von 224 bis 240 Mio. t CO₂-Äq. im Jahr 2030. Gegenüber der Vorgabe der LULUCF-Verordnung ergibt sich somit EU-weit eine Differenz von bis zu 86 Mio. t CO₂-Äq. Das zeigt: Die aktuellen Zielvorgaben basieren nicht auf realistischen Annahmen zur Leistungsfähigkeit unserer Wälder im Klimastress.
Deutschland ist mit den Vorgaben der LULUCF-Verordnung vor dem Hintergrund historisch hoher Holzvorräte konfrontiert. Trotz der Auswirkungen des Klimawandels erreicht der Holzvorrat im Bundesmittel 335 Kubikmeter pro Hektar. Der EU-Durchschnitt wird damit um rund 85 Prozent übertroffen. Aber hohe Vorräte sind kein Klimaschutzautomatismus. Im Gegenteil: Sie erhöhen die Risiken für Stabilität und Resilienz der Wälder und machen sie anfällig für Stürme, Dürre und Schädlinge.
Eine Nachhaltigkeitsstrategie, die allein auf Vorratsaufbau setzt, hat sich angesichts von Klimawandel und Standortsdrift als Irrweg erwiesen. Für den Klimaschutz ist nicht der absolute Holzvorrat entscheidend, sondern die CO2-Bindung durch Zuwachs und die daraus folgenden Nutzungs- und Substitutionseffekte des Rohstoffs Holz. Es ist höchste Zeit, diese Erkenntnis in die politische Realität zu übersetzen.
Klare Empfehlung aus der Wissenschaft
Die Wissenschaft hat eindeutig Stellung genommen: Die Leiterinnen und Leiter der deutschsprachigen forstlichen Forschungsanstalten haben im November in 13 Schlussfolgerungen eine Anpassung der EU-Klimaschutzziele angemahnt. Der Wissenschaftliche Beirat für Waldpolitik beim Bundeslandwirtschaftsministerium (WBW) kritisiert in einer Stellungnahme vom Juli 2025 das im Klimaschutzgesetz verankerte LULUCF-Ziel als nicht sachgerecht. Der WBW empfiehlt, Waldspeicher, Holzproduktespeicher und Substitution gemeinsam zu betrachten und betont den Stellenwert stabiler, produktiver und klimaangepasster Wälder als Garanten effektiver und langfristiger CO₂-Bindung.
Was der Wald für den Klimaschutz leistet
Trotz Klimastress trägt der deutsche Wald weiterhin stark zum Klimaschutz bei:
- Treibhausgasemissionen von mehr als 30 Mio. t CO2-Äq. wurden 2024 durch die Nutzung der Holzenergie eingespart.
- Mit dem Ersatz energieintensiver Rohstoffe durch Holz werden jährlich CO2-Emissionen in einer Größenordnung von knapp 30 Mio. t CO₂-Äq. vermieden.
- Die Nutzung der Windkraft über dem Wald erbrachte 2024 etwa 10 Mio. t CO2-Äq. an THG-Vermeidung.
Diese Zahlen machen deutlich: Klimaschutz durch Wald und Holz entsteht vor allem über Holzzuwachs, Nutzung und Ersetzen fossiler Materialien – nicht allein über den Vorratsaufbau. Dem muss die Klimapolitik Rechnung tragen. Das verdeutlicht auch das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts von Ende Januar, in dem ergänzende Maßnahmen für das Klimaschutzgesetz angemahnt werden.
Dieses Gesetz ist mit Blick auf den LULUCF-Sektor und den Wald-Klimaschutz dringend reformbedürftig. Ein Kurswechsel ist nötig und möglich. Indem überhöhte Holzvorräte abgebaut sowie Bestände verjüngt werden und wir im Zuge der nachhaltigen Waldbewirtschaftung konsequent auf klimaangepasste Mischwälder setzen, stärken wir die Stabilität der Wälder, die CO2-Bindungsleistung und damit den Klimaschutz.
Wissenschaft und Praxis sind sich einig: Notwendig ist eine Reform der LULUCF-Verordnung und des Klimaschutzgesetzes ebenso wie des Klimaschutzprogramms der Bundesregierung, um die unrealistischen Zielvorgaben für den Kohlenstoffspeicher Wald zu korrigieren. In einem nächsten Schritt sollten die CO2-Bindung durch Holzzuwachs und die Substitution fossiler Rohstoffe durch Holz in der Klimabilanz des Waldes angemessen Berücksichtigung finden.
Eine ehrliche Klimapolitik braucht realistische Ziele. Der Wald kann und wird seinen Beitrag leisten – aber nicht als Ausfallbürge für die Versäumnisse anderer Wirtschaftsbereiche. Die Überarbeitung der LULUCF-Verordnung muss für einen Reality-Check des Klimaschutzbeitrags Europas genutzt werden. Nur wenn Wald und Holz gemeinsam betrachtet werden, kann Klimaschutz wirksam, wissenschaftlich fundiert und zukunftsfähig gestaltet werden.
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