Exporte : Mit Regulierung allein entkommt Europa dem Pestizid-Teufelskreis nicht
Europa verbietet gefährliche Pflanzenschutzmittel im Inland, exportiert sie dennoch weiter, kritisiert Juliana Jaramillo. Verbote aber sind ihrer Ansicht nach unrealistisch und nicht zielführend, um das zu ändern. Landwirte bräuchten Alternativen, Finanzierung und abgestimmte Anreize entlang der Lieferketten.
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Was passiert, wenn Europa seine Pestizidstandards verschärft, Landwirte in anderen Teilen der Welt diese aber nicht erfüllen können. Eine kürzlich veröffentlichte Studie der EU-Kommission verdeutlicht, welche wirtschaftlichen Folgen es haben könnte, wenn die EU ihre Importstandards an ihre Pestizidvorschriften angleichen würde.
Das Ergebnis: Würde die EU die Rückstandshöchstgehalte für 18 gefährliche, in der EU verbotene Pestizide auf ein Minimum senken, könnten die Agrarimporte in die EU um bis zu 41 Prozent zurückgehen. Die Studie zeigt jedoch auch, dass dieser Rückgang deutlich geringer ausfallen könnte, wenn die Erzeuger ihre Praktiken anpassen.
Seit 20 Jahren bewege ich mich zwischen zwei Welten: den politischen Entscheidungsgremien, in denen solche Beschlüsse gefasst werden, und den Feldern, auf denen sie sich auswirken – wie etwa auf der Kaffeefarm meiner Familie in Kolumbien. Die Widersprüche sind unübersehbar.
Die EU verbietet die Verwendung einiger der weltweit gefährlichsten Pestizide innerhalb ihrer Grenzen, erlaubt aber weiterhin deren Herstellung und Export in Drittländer – obwohl die EU-Kommission schon 2020 in ihrer Chemikalienstrategie zugesagt hatte, diese Praxis zu beenden. Diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist zu einer zentralen Schwäche der europäischen Pestizidpolitik geworden.
Eine Analyse von Daten der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit unterstreicht die Dringlichkeit: Demnach enthalten 56,2 Prozent des in die EU importierten Obsts und Gemüses Pestizidrückstände. Grenzwerte werden zwar nur selten überschritten, aber es sind auch bei uns verbotene Substanzen darunter.
Es überrascht nicht, dass der weltweite Pestizideinsatz in der Landwirtschaft sich seit 1990 mehr als verdoppelt hat und damit einen immer größeren ökologischen Fußabdruck hinterlässt. Jedes Jahr werden gefährliche Pestizide mit Vergiftungen bei Hunderten Millionen Menschen, der Schädigung von Böden und dem raschen Rückgang von Vögeln und nützlichen Insekten in Verbindung gebracht – darunter Bestäuber, die für die Lebensmittelproduktion unverzichtbar sind.
Ein schneller Verzicht ist unrealistisch
Für Landwirte sind Schädlinge, Krankheiten und Unkräuter jedoch keine abstrakten politischen Themen, sondern konkrete tägliche Herausforderungen – umso mehr in tropischen Regionen, wo Nutzpflanzen wie Kaffee, Tee, Kakao oder Bananen besonders anfällig sind. Wird das ökologische Gleichgewicht gestört, kann sich Schädlingsbefall rasch ausbreiten.
Leider gibt es kein schnelles Allheilmittel. Einfach über Nacht auf Pestizide zu verzichten, ist unrealistisch, solange nicht zuvor die Abhängigkeit von ihnen verringert wurde. Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen gehen nach wie vor bis zu 40 Prozent der weltweiten Ernte durch Schädlinge und Krankheiten verloren.
Von Landwirten – von denen viele ohnehin mit äußerst knappen Margen wirtschaften – zu erwarten, dieses Risiko allein zu tragen, ist weder fair noch praktikabel. Die eigentliche Herausforderung besteht daher nicht darin, Pestizide vollständig abzuschaffen, sondern darin, ihre Verwendung zu reduzieren, ohne Ernährungssysteme zu destabilisieren.
Die Studie der Europäischen Kommission verdeutlicht, worum es dabei geht: Niedrigere Rückstandshöchstgehalte können für Landwirte und Lieferketten einen starken wirtschaftlichen Anreiz schaffen, ihre Praktiken zu verändern. Wenn die Einhaltung der Vorgaben jedoch ihre Möglichkeiten übersteigt, könnte dies stattdessen den Zugang zum europäischen Markt einschränken.
Politischer Rahmen lässt Doppelstandards zu
Deshalb müssen wir ehrlich benennen, was den fortgesetzten Pestizideinsatz antreibt: chronische Unterinvestitionen in Alternativen, widersprüchliche Anreize und politischer Widerstand gegen den Wandel. Dazu gehört auch, einen unbequemen Widerspruch anzuerkennen: Solange Europa Substanzen für den Einsatz zu Hause als zu gefährlich einstuft, sie aber gleichzeitig exportiert und damit in Kauf nimmt, dass auf den Feldern im Globalen Süden Bauern und Arbeitskräfte eben diesen Substanzen ausgesetzt sind, untergräbt es seinen Anspruch auf eine Vorreiterrolle im Umweltschutz.
Im Kern wird dieses System durch einen globalen politischen Rahmen geprägt, der es zulässt, dass solche Doppelstandards fortbestehen. Solange sich mit gefährlichen Produkten anderswo weiterhin Geld verdienen lässt, fehlt ein wesentlicher Anreiz, auf sicherere Alternativen umzusteigen.
Übergang gezielt steuern
Die Debatte muss sich daher von falschen Gegensätzen lösen. Die Wahl besteht nicht zwischen Pestiziden und keinen Pestiziden, sondern zwischen einer unkontrollierten Abhängigkeit und einem gezielt gesteuerten Übergang. Dieser Wandel muss bewusst gestaltet werden: durch Investitionen in Forschung, finanzielle Anreize entlang der Lieferketten, Schulungen und Unterstützung für Landwirte sowie praktische Alternativen, um den Pestizideinsatz schrittweise reduzieren, statt auf ein absolutes Verbot zu setzen.
Aus fast 40 Jahren gemeinsamer Arbeit mit Landwirten an nachhaltigeren Anbaumethoden weiß die Rainforest Alliance, was funktioniert. Langfristige, lokal angepasste Ansätze, die gemeinsam mit Landwirten, Forschenden, Regierungen und Unternehmen entwickelt werden, können den Einsatz schädlicher Pestizide reduzieren, ohne die Erträge und damit Lebensgrundlagen von Menschen zu gefährden.
Wichtige Erkenntnisse gewinnen wir derzeit aus Versuchen in Assam, dem Zentrum des indischen Teeanbaus, wo klimabedingte Schädlingsbefälle die Erträge um bis zu 50 Prozent verringert haben. In Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen, Teeunternehmen und Organisationen des natürlichen Landbaus zeigen erste Ergebnisse, wie wichtig die frühzeitige Erkennung von Schädlingen, gesunde Böden, die Beobachtung der biologischen Vielfalt und eine enge Zusammenarbeit der relevanten Akteure sind.
Pilotprojekte müssten Standard werden
Es mangelt uns nicht an bewährten Lösungen. Die entscheidende Hürde ist nicht mehr technischer, sondern systemischer Natur. Ohne aufeinander abgestimmte Anreize, Finanzierung und ein kohärentes Regelwerk schaffen es erfolgreiche Pilotprojekte nur selten, zum Standard zu werden.
Diese Lücke ist inzwischen das zentrale Problem. Die meisten Bemühungen bleiben die Ausnahme, statt zur Regel zu werden. Sie sind auf Zusammenarbeit und Investitionen angewiesen, die allzu oft fehlen. In diesem Vakuum bleiben Landwirten nur wenige Alternativen zu chemieintensiven Anbaumethoden. Wenn Europa möchte, dass seine Standards über die eigenen Grenzen hinaus Veränderungen bewirken, muss es den Wandel wirtschaftlich und praktisch umsetzbar machen – statt lediglich die Einhaltung von Vorgaben zu verlangen.
Obwohl die EU den Green Deal geschwächt hat, präsentiert sie sich weiterhin als globale Vorreiterin einer nachhaltigen Landwirtschaft. Doch Führungsstärke bemisst sich nicht daran, wie viele Substanzen verboten werden. Entscheidend ist vielmehr, ob tragfähige Systeme aufgebaut werden, die sie ersetzen können, und ob unbequeme Widersprüche angegangen werden, statt ihre Lösung aufzuschieben.
Dasselbe gilt für Importstandards: Ihr Erfolg sollte nicht nur daran gemessen werden, ob sie nicht konforme Produkte vom Markt fernhalten, sondern auch daran, ob sie den Übergang zu sichereren landwirtschaftlichen Praktiken beschleunigen.
Europa steckt noch immer in einer Entwicklung fest, in der der technologische Fortschrittsglaube dem ökologischen Verständnis vorausläuft. Die Frage ist nun, ob die Politik weiterhin Symptome bekämpft oder endlich beginnt, das System, das sie hervorbringt, neu zu gestalten.
Denn solange Europa die Kluft zwischen dem, was es verbietet, was es produziert und was es exportiert, nicht schließt, wird sich der Teufelskreis der Pestizidnutzung weiterdrehen.
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