Zulassungsverfahren : Nicht die Bürokratie gefährdet unsere Selbstversorgung, sondern das System
Der geringe Selbstversorgungsgrad bei manchen Lebensmitteln in Deutschland wird gern der Bürokratie zugeschrieben. Tatsächlich liegen die Ursachen aber in Struktur, Markt und Politik: Hohe Kosten, Preisdruck und fehlende Vielfalt sind die Folgen der Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft. Ernährungssicherheit braucht funktionierende Systeme – und keine verkürzten Zulassungsverfahren, schreibt Christian Vieth, Geschäftsführer der Stiftung Agrarkultur leben.
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In der öffentlichen Debatte ist oft zu hören, Deutschland verliere die Fähigkeit, sich selbst mit Lebensmitteln zu versorgen. Als Ursache gelten – nach Ansicht von Branchenvertretern – zu hohe Auflagen und ein zu komplexes Zulassungssystem für Pflanzenschutzmittel.
Doch diese Diagnose greift zu kurz. Der Selbstversorgungsgrad schwankt stark zwischen den Produktgruppen. Während er bei Getreide, Milch und Fleisch hoch ist, ist er bei Obst und Gemüse gering. Von einem generellen Rückgang kann keine Rede sein.
Abhängigkeiten in unserem Agrar- und Ernährungssystem sind struktureller Natur: Sie sind eine Folge der Kosten-, Markt- und Produktionsbedingungen, nicht übermäßiger Regulierung. Wer die Ursachen verstehen will, muss über die Bürokratie hinaus auf die systemischen Herausforderungen der Landwirtschaft blicken.
Strukturen statt Schlagzeilen
Der sogenannte Selbstversorgungsgrad ist kein Gradmesser für die Effizienz von Behörden, sondern für die Struktur unserer Agrar- und Ernährungswirtschaft.
Dass Deutschland bei Obst, Gemüse oder Ölsaaten nur zwischen 20 und 37 Prozent Eigenproduktion erreicht, ist seit Jahren bekannt. Zurückzuführen ist das vor allem auf hohe Arbeitskosten, Vermarktungsstrukturen und Handelskonzentration sowie auf die Verlagerung arbeitsintensiver Kulturen in Länder mit niedrigeren Löhnen. Der Verlust einzelner Pflanzenschutzwirkstoffe spielt dabei nur eine marginale Rolle.
Deutschland produziert bei Getreide, Milch und Fleisch weiterhin Überschüsse, während Defizite im Obst- und Gemüseanbau strukturell bedingt sind. Importe von Eiweißfuttermitteln – vor allem Sojaschrot – bleiben auf hohem Niveau, ohne zuletzt deutlich zu steigen. Zugleich bleibt der Energiepflanzenanbau hoch. Die Flächenkonkurrenz zwischen Tierhaltung, Biogas und Marktfrüchten verschärft sich.
All das sind politische und strukturelle Fragen – und keine chemischen.
Das Vorsorgeprinzip ist keine Schikane
Das europäische Zulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel ist komplex, aber notwendig.
Es basiert auf dem Vorsorgeprinzip, dem Kern des europäischen Umwelt- und Gesundheitsschutzes. Dieses wurde nicht erfunden, um Innovationen zu verhindern, sondern um sicherzustellen, dass der Schutz von Mensch, Tier und Umwelt Vorrang hat, wenn Risiken wissenschaftlich nicht abschließend bewertet werden können.
Dass bestimmte Wirkstoffe in den letzten Jahren nicht mehr zugelassen wurden, liegt an nachgewiesenen Belastungen für Wasserorganismen, Insekten, Böden oder Rückständen in Lebensmitteln – nicht an „übertriebener Bürokratie“. Wer das Vorsorgeprinzip als Hemmnis darstellt, greift eine der tragenden Säulen europäischer Agrarpolitik an.
Innovation braucht Vertrauen, nicht Deregulierung
Natürlich braucht eine resiliente Landwirtschaft Innovationen. Doch Innovation bedeutet mehr als Chemie. Sie entsteht dort, wo Wissen, Technik und Ökologie zusammengedacht werden: im integrierten Pflanzenschutz, in Fruchtfolgen, im Zwischenfruchtanbau, in der Digitalisierung, in der Züchtung robuster Sorten, in ökologischen und regenerativen Verfahren.
Der Ruf nach „schnelleren Zulassungen“ greift zu kurz. Beschleunigung allein schafft weder in der Bevölkerung noch bei den Landwirten, die am Ende mit den Folgen leben, Vertrauen. Ein System, das das Vertrauen der Menschen gewinnt, braucht stattdessen Transparenz und unabhängige Behörden. Außerdem stellt es sicher, dass Entscheidungen auf wissenschaftlicher Grundlage und unter Einbeziehung langfristiger Umweltwirkungen getroffen werden.
Ernährungssicherheit ist mehr als Ertrag
Ernährungssicherheit bedeutet nicht, jeden Hektar mit maximalem Input zu bewirtschaften, sondern die Fähigkeit, dauerhaft gesunde Lebensmittel zu erzeugen – in einem funktionierenden sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Umfeld. Dazu gehören faire Erzeugerpreise, regionale Verarbeitung, Zugang zu Land, klimaangepasste Anbausysteme, Ausbildung, Beratung und gesellschaftliche Wertschätzung.
Wenn Landwirte Betriebe aufgeben, liegt das selten an zu langsamen Zulassungen, sondern an fehlender Perspektive, an Markt- und Preisdruck sowie an Bürokratie in ganz anderen Bereichen. Beispielsweise stellen Förderanträge und -bedingungen Betriebe regelmäßig vor Herausforderungen. Zugleich bevorzugt das System oft die Erzeugung billiger Lebensmittel statt die Erhaltung lebendiger Kulturlandschaften.
Der Weg zu echter Resilienz
Ein hoher Selbstversorgungsgrad entsteht nicht durch Verzicht auf Umweltprüfung, sondern durch Stärkung der inneren Widerstandsfähigkeit der Landwirtschaft. Konkret
- durch Vielfalt statt Abhängigkeit,
- durch funktionierende Fruchtfolgen und gesunde Böden,
- durch regionale Wertschöpfung und faire Preise,
- durch Forschung an nachhaltigen Pflanzenschutzstrategien, die biologische, mechanische und digitale Lösungen kombinieren.
Eine solche Landwirtschaft schützt nicht nur ihre Kulturen, sondern auch das Vertrauen der Gesellschaft – und damit die Grundlage ihrer Legitimation.
Der Verlust einzelner Wirkstoffe ist kein Kontrollverlust über unsere Ernährungssicherheit. Der wahre Kontrollverlust beginnt dort, wo wir die Ursachen von Abhängigkeit, Bodenerosion, Preisdruck und fehlender regionaler Infrastruktur ignorieren.
Wenn Deutschland seine Selbstversorgung stärken will, muss in Bildung, Forschung, Beratung, Bodenpolitik und regionale Kreisläufe investiert werden. Die Verkürzung von Prüfverfahren schwächt dagegen das Vorsorgeprinzip und ist nicht der richtige Hebel.
Ernährungssicherheit wächst nicht auf chemischem, sondern auf gesellschaftlichem Boden. Und diesen gilt es zu pflegen – mit Vernunft, Verantwortung und Weitsicht.
Christian Vieth ist Geschäftsführer der Stiftung Agrarkultur leben gGmbH und berät landwirtschaftliche Betriebe, Kommunen und Institutionen in Fragen von Hofnachfolge, Eigentum und Agrarstruktur.
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