Erderhitzung : So kann die Landwirtschaft zum EU-Klimaziel 2040 beitragen
Die Klimakrise setzt die europäische Landwirtschaft zunehmend unter Druck. Extremwetter wird häufiger, während die Emissionen des Sektors kaum sinken und politische Fehlanreize fortbestehen. In seinem Standpunkt skizziert Sven Harmeling vom Climate Action Network Europe Wege zu einer klimaneutralen und resilienten Landwirtschaft in der EU.
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Die menschengemachte Klimakrise stellt die europäische Landwirtschaft vor große Herausforderungen. Mehr Dürren, Waldbrände und Überschwemmungen sind nur einige der bereits deutlich spürbaren Folgen. Die Anpassung daran ist keine Option mehr, sondern zunehmend ein Imperativ für die Funktionalität der Landwirtschaft.
Die EU-Kommission stellt dazu fest: Maßnahmen zur Verbesserung der Klimaresilienz sind unabdingbar, um gesellschaftliche Funktionen und den Schutz der Menschen, die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und die Gesundheit von Volkswirtschaften und Unternehmen in der EU aufrechtzuerhalten.
Landwirtschaft hängt bei der Emissionsreduktion hinterher
Methan und gasförmige Stickstoffverbindungen wie Ammoniak und Lachgas sind die häufigsten Klimagase aus der Landwirtschaft. Sie machen laut dem jüngsten EU-Klimafortschrittsbericht etwa 13 Prozent der gesamten Klimagase der EU aus. Etwa zwei Drittel davon sind allein auf die Viehhaltung für die Fleisch- und Milchproduktion zurückzuführen. Diese sind außerdem für fast 60 Prozent der gesamten Methanemissionen der EU verantwortlich.
Zwar ist die Emissionsintensität – also der Ausstoß pro Wirtschaftseinheit – weiter zurückgegangen. Doch die Fortschritte bei den Gesamtemissionen sind seit 2005 nur gering. Der Rückgang der landwirtschaftlichen Emissionen um sieben Prozent zwischen 2005 und 2023 ist noch einmal deutlich kleiner als der Trend bei den EU-Gesamtemissionen. Diese sanken um rund ein Drittel.
Dies zeigt deutlich den Handlungsbedarf auf dem Weg zur Klimaneutralität. Nach Einschätzung der Europäischen Umweltagentur ist damit zu rechnen, dass die Emissionen der Landwirtschaft in der EU bis 2030 stagnieren, wenn nicht weitere Maßnahmen ergriffen werden. Der Sektor könnte in absehbarer Zeit die Hauptemissionsquelle werden, da in anderen Bereichen klarere Reduktionen absehbar sind – trotz jüngster Abschwächungen bei der Umsetzung der EU-Umweltpolitik.
Dabei gibt es ein großes Potenzial, dass sich der Sektor nachhaltiger mit deutlich geringeren Emissionen entwickeln könnte. Eine umfangreiche Studie des europäischen Klimabeirats ESABCC legt nahe, dass bis 2050 eine Reduzierung der Emissionen des Agrar- und Ernährungssektors um etwa 30 Prozent gegenüber dem Niveau von 2005 erreicht werden könnte – größtenteils durch angebotsseitige Maßnahmen.
Auf den ambitioniertesten Pfaden könnten die Emissionen sogar um etwa 60 Prozent gemindert werden, wenn zusätzliche nachfrageseitige Maßnahmen aufgelegt würden.
Auch der Thinktank Agora Agrar hat ermittelt, dass die Emissionen aus Landwirtschaft und Mooren bis 2045 durch einen Maßnahmenmix um 60 Prozent reduziert werden könnten. In diesem Szenario führt eine Reduzierung des Konsums tierischer Produkte um die Hälfte bis 2045 zu einem ähnlich großen Rückgang der Tierproduktion. Dies reduziert auch die Nachfrage nach Tierfutter. Zudem spielt eine deutliche Verringerung der Lebensmittelabfälle um 50 Prozent eine wichtige Rolle.
Klimafreundlichere Landwirtschaft hätte vielfältigen Nutzen
Eine emissionsärmere landwirtschaftliche Produktion könnte viele positive Nebenwirkungen haben. So würden agrarökologische Praktiken auch zur Anpassung an den Klimawandel beitragen. Der europäische Klimabeirat weist außerdem auf potenzielle positive Nebeneffekte dieser weniger treibhausgasintensiven Anbaumethoden hin. So würde weniger Mineraldünger benötigt oder mehr Kohlenstoff in landwirtschaftlichen Böden gebunden.
Weitere Vorteile wären eine verbesserte Boden-, Luft- und Wasserqualität aufgrund geringerer Nitratauswaschung, Eutrophierung und Ammoniakemissionen sowie eine höhere Klimaresilienz durch eine höhere Wasserspeicherkapazität des Bodens bei erhöhtem Kohlenstoffgehalt.
Eine deutliche Verlagerung des Konsums von tierbasierten Proteinen zu pflanzenbasierten könnte teilweise auch die Nahrungsmittelpreise senken und die Landnutzung effizienter gestalten. Denn etwa 90 Prozent des europäischen Sojakonsums und zwei Drittel des Getreideverbrauchs werden für die Fütterung von Nutztieren verbraucht.
Der Landwirtschaft kommt zudem eine wichtige Rolle bei der Erhaltung und Verbesserung von Kohlenstoffsenken zu, was sich beispielsweise im EU-Gesetz zur Wiederherstellung der Natur widerspiegelt. Es zielt darauf ab, entwässerte Torfgebiete unter landwirtschaftlicher Nutzung mit zeitlich festgelegten Zielen für die nächsten Jahrzehnte wiederherzustellen. Die vollständige Umsetzung durch die Mitgliedstaaten ist daher von entscheidender Bedeutung.
Handlungsbedarf auf EU-Ebene
Die Gemeinsame Agrarpolitik scheitert bisher daran, den gerechten Übergang zu nachhaltigen Ernährungssystemen zu unterstützen. Dabei verfügt sie über ein beträchtliches Budget und politische Instrumente, um einen gerechten Übergang zu fördern und die Klima- und Umweltziele in der Landwirtschaft zu priorisieren.
Bisher hat sie das aber kaum erreicht. Auch die jüngsten Reformvorschläge der EU-Kommission deuten kaum auf Besserung hin. Die Hauptbaustelle ist die Abschaffung der schädlichen Subventionen. Darunter sind solche, die aktuell noch die Produktion und den Konsum tierischer und emissionsintensiver Produkte fördern. Auch die flächenbezogenen Direktzahlungen, die sich an der Betriebsgröße und nicht an der Nachhaltigkeit der Anbaumethoden orientieren, gehören dazu.
Die Einkommensbeihilfen müssten so reformiert werden, dass sie gezielter auf die bedürftigsten Landwirte und Gemeinschaften ausgerichtet werden, insbesondere zur Unterstützung von Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen.
Verlässlicher Finanzierungsmix ist entscheidend
Kürzlich haben sich die EU-Institutionen auf das Klimaziel für 2040 geeinigt, das eine Verringerung der Netto-Emissionen um 90 Prozent gegenüber 1990 vorsieht. Gerade auch aufgrund neuer Schlupflöcher – die Nutzung von Kohlenstoffzertifikaten wird erlaubt – bleibt dieses Ziel hinter dem fairen Beitrag der EU zurück.
Zur Rolle der Landwirtschaft enthält die Einigung keine konkreten Vorgaben. Allerdings soll bei der Ausarbeitung des entsprechenden Gesetzespakets berücksichtigt werden, dass ein nachhaltiger Nahrungsmittelsektor sowie auch die Resilienz der ländlichen Gemeinschaften essenzielle Komponenten sind.
Die im Frühjahr vom EU-Agrarkommissar Hansen vorgelegte „Vision zu Landwirtschaft und Nahrung“ versprach zudem, dass die EU-Kommission Pfade für einen angemessenen Beitrag des Sektors zur Erreichung des 2040-Ziels berücksichtigen wird.
2026 wird die EU-Kommission ein aus mehreren Teilen bestehendes Gesetzespaket für den Weg zu den 2040-Zielen vorlegen, überwiegend durch Überarbeitung des bereits existierenden Rechtsrahmens. Darin sollten auch Vorschläge für ein verbindliches, wissenschaftsbasiertes Sektorreduktionsziel für die Landwirtschaft für 2040 enthalten sein.
Entscheidend wird sein, dabei einen verlässlichen Finanzierungsmix zu verfolgen. Dies ist nötig, um die potenziellen Chancen des Übergangs zur Klimaneutralität in konkrete Ergebnisse für relevante Wirtschaftsakteure, insbesondere die Landwirtinnen und Landwirte, zu übersetzen. Dazu sollten auch Optionen einer sozial gerecht ausgestalteten Emissionsbepreisung geprüft werden. Deren Preiswirkung könnte zu einer Änderung der Anreizstruktur beitragen, indem Lebensmittel mit höheren Emissionen teurer und solche mit geringeren günstiger werden könnten, wenn die Erlöse entsprechend investiert würden.
Das übergeordnete Ziel eines europäischen Pakts für den ländlichen Raum wäre es, sicherzustellen, dass der Übergang zur Klimaneutralität zu einer Chance für ländliche Gebiete in der gesamten EU wird. Deren Schlüsselakteure müssten den Weg dorthin im Kontext der notwendigen Klimaambition aktiv mitgestalten, damit sie bestmöglich effektive und lokal mitgetragene Maßnahmen umsetzen können und dabei unterstützt werden.
Sven Harmeling leitet die Klimapolitik beim europäischen Dachverband Climate Action Network (CAN) Europe.
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