UN-Konferenz gegen Wüstenbildung : Was unter unseren Füßen verloren geht – und warum auch Deutschland seine Böden besser schützen muss
Landwirtschaft kann auf Dauer nur funktionieren, wenn der Boden, von dem sie lebt, gesund bleibt, schreibt Mathias Mogge aus Ulaanbaatar, wo er an der UN-Konferenz gegen die Wüstenbildung teilnimmt. Bodenschutz ist nicht nur eine Aufgabe des Globalen Südens, sondern betrifft auch unsere eigene Zukunft, meint er.
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Waldbrände, rissige Böden, Ernteausfälle und ausgetrocknete Flüsse: Dieser Sommer hat uns drastisch vor Augen geführt, was die Klimakrise für Deutschland bedeutet. Wiederholte Hitzewellen und anhaltende Trockenheit haben große Teile Europas erfasst. Rhein und Donau erreichten im August historische Niedrigstände. Ernten vertrocknen, Schiffe können weiterhin nicht voll beladen fahren.
Momentan können wir diese Folgen in Deutschland noch kompensieren. Eine schlechte Ernte bedeutet hier nicht gleich Hunger.
In vielen ärmeren Ländern gehen Dürre und Ernährungsunsicherheit dagegen längst Hand in Hand. Doch auch Deutschland sollte sich nicht in Sicherheit wiegen, denn langfristig steht etwas auf dem Spiel, das wir für selbstverständlich halten: die Gesundheit und Fruchtbarkeit des Bodens, auf dem unsere Lebensmittel wachsen.
Wir müssen jetzt handeln.
Bis zu 40 Prozent weltweiter Landflächen gelten bereits als degradiert, heißt im Global Land Outlook der UN-Konvention gegen die Wüstenbildung. Jedes Jahr gehen mehr als 100 Millionen Hektar produktives Land verloren. Die wirtschaftlichen Kosten von Landdegradation, Wüstenbildung und Dürre werden laut UN jährlich auf 878 Milliarden US-Dollar geschätzt. Die nächste große Ernährungskrise könnte deshalb nicht durch einen Krieg ausgelöst werden, sondern durch den schleichenden Verlust unserer nutzbaren Böden.
Es ist nicht zu spät, diesen Trend umzukehren. Aber wir müssen jetzt handeln. Genau darum geht es diese Woche in der Mongolei auf der UN-Konferenz gegen Wüstenbildung und Landdegradation, der UNCCD COP17.
Bodenschutz ist Klimaschutz und -anpassung zugleich
Hier verhandeln Staaten darüber, wie Böden geschützt, zerstörte Landschaften wiederhergestellt und Länder widerstandsfähiger gegen Dürren werden können.
Dass diese Konferenz im Vergleich zur Klima-COP wenig öffentliche Aufmerksamkeit bekommt, steht in einem erstaunlichen Gegensatz zur Dimension des Problems. Denn beim Zustand unserer Böden laufen einige der großen Herausforderungen unserer Zeit zusammen: Klimawandel, Artenverlust, Wasserknappheit, soziale Gerechtigkeit und Hunger.
Gesunde Böden speichern Wasser und Kohlenstoff, beherbergen einen Großteil der biologischen Vielfalt, sichern Ernten und machen Landschaften widerstandsfähiger gegen Extremwetter. Bodenschutz ist deshalb zugleich Klimaschutz, Artenschutz, Anpassung an den Klimawandel und Ernährungssicherung.
Gesunde Böden sind eine Investition in globale Stabilität
Die Dringlichkeit ist hier in Ulaanbaatar deutlich zu spüren. Gerade Staaten des Globalen Südens, für die Dürren und Bodendegradation schon heute existenzielle Folgen haben, drängen auf internationale Lösungen und verbindliche Vereinbarungen. Die Ambition vieler Länder ist da. Gleichzeitig sind zahlreiche Verhandlungstexte noch voller Klammern und Fragezeichen. Vor allem die USA und Russland stehen bei konkreten verbindlichen Zusagen auf der Bremse.
Dabei ist Landdegradation ein Problem, das kein Land allein lösen kann. Unsere Ernährungssysteme sind global miteinander verbunden. Wenn Dürren und degradierte Böden in wichtigen Anbauregionen Ernten einbrechen lassen, sind die Folgen über steigende Preise und unsichere Lieferketten auch Tausende Kilometer entfernt zu spüren.
Investitionen in gesunde Böden und widerstandsfähige Landwirtschaft sind deshalb keine Entwicklungspolitik für weit entfernte Länder, sondern eine Investition in globale Stabilität, Klimaresilienz und damit auch in unsere eigene Sicherheit.
Auch Deutschland trägt Verantwortung
Was wir brauchen, sind klare Ziele, verbindliche Zusagen und vor allem Finanzierungen zu besserem Bodenschutz. Wo Böden bereits degradiert sind, müssen diese wiederhergestellt werden. Das lohnt sich: Für jeden in die Wiederherstellung von Böden investierten US-Dollar werden 7 bis 30 US-Dollar an wirtschaftlichem Wert geschaffen.
Auch Deutschland trägt Verantwortung und muss handeln. Klimaschutz allein reicht nicht mehr aus. Wir müssen gleichzeitig unsere Landwirtschaft an ein Klima anpassen, das sich längst verändert hat.
Das wirft Fragen auf: Haben unsere landwirtschaftlichen Anbausysteme noch eine Zukunft? Können wasserintensive Kulturen dort bestehen, wo Wasser zunehmend knapp wird?
Dabei müssen wir auch in Deutschland von Erfahrungen lernen, die wir bei der Welthungerhilfe seit Jahrzehnten in besonders von Dürre und Bodendegradation betroffenen Regionen machen: Wir brauchen eine Landwirtschaft, die Wasser besser im Boden hält und ihn widerstandsfähiger macht: klimaresiliente Kulturen, vielfältigere Anbausysteme, Agroforstwirtschaft, mehr organisches Material im Boden und geschlossene Wasserkreisläufe.
Wer Böden heute gesund hält, schützt die Ernten von morgen
Viele dieser Ansätze sind nicht neu. Aber sie zeigen, dass Anpassung nicht erst beginnen darf, wenn Ernten ausfallen und das Wasser knapp wird. Wer Böden heute gesund hält, schützt die Ernten von morgen. Das gilt für landwirtschaftliche Betriebe in Ostafrika genauso wie für unsere Bauern in Deutschland.
Natürlich unterscheiden sich die Bedingungen, das Grundprinzip bleibt jedoch dasselbe: Landwirtschaft kann auf Dauer nur funktionieren, wenn der Boden, von dem sie lebt, gesund bleibt und seine essenziellen Funktionen erfüllt.
Die Verhandlungen hier in Ulaanbaatar mögen von Deutschland aus betrachtet weit entfernt erscheinen. Die Fragen, um die es dabei geht, sind es nicht. Bodenschutz ist nicht nur Thema des Globalen Südens und längst keine Nebensache. Es ist Voraussetzung für unsere Ernährungssicherheit.
Ohne Bodenschutz ist eine Welt ohne Hunger nicht möglich.
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