Politischer Rahmen : Zwischen Anspruch und Wirklichkeit gesunder Ernährung
Verbraucher:innen wollen sich gesund ernähren. Im Alltag stoßen sie dabei allerdings immer wieder auf Hürden, meint Michaela Schröder, Geschäftsbereichsleiterin Verbraucherpolitik im Verbraucherzentrale Bundesverband. Die Politik müsste dafür sorgen, dass eine gesunde Ernährung für alle möglichst einfach wird – unabhängig vom Geldbeutel oder ob zuhause oder unterwegs gegessen wird.
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Die Weihnachtszeit steht vor der Tür: Die Regale im Supermarkt sind voller Weihnachtsmänner, manche in der Familie freuen sich auf die Gans und andere auf den Seitanbraten. Essen bringt uns am gemeinsamen Tisch zusammen, führt aber auch zu Kontroversen: Wie viel Zucker sollten Kinder essen? Muss es tatsächlich immer Fleisch sein auf der Festtagsstafel?
Wie wichtig Gesundheit für viele Menschen beim Essen ist, hat kürzlich der Ernährungsreport des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat gezeigt: 90 Prozent der befragten Verbraucher:innen geben an, dass es ihnen wichtig oder sehr wichtig ist, dass ihre Lebensmittel gesund sind.
Anspruch und Realität gehen oft auseinander
Es hapert allerdings an der Umsetzung. Im Verbraucherzentrale Bundesverband haben wir jüngst die Menschen nach ihrem Essverhalten gefragt und ihre Angaben mit den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) verglichen. Die Ergebnisse sind besorgniserregend. Nicht einmal die Hälfte der Befragten (42 Prozent) isst täglich Obst. Nur gut ein Drittel (35 Prozent) hat jeden Tag Gemüse auf dem Teller. Nüsse, Kerne und Samen isst nur knapp jede:r Neunte täglich.
Bei Fleisch und Wurst sieht es anders aus: Mehr als sechs von zehn der Befragten (64 Prozent) konsumieren häufiger Fleisch und Wurst als von der DGE empfohlen. Das hat negative Auswirkungen auf die Gesundheit und verursacht hohe gesellschaftliche Folgekosten: Mehr als die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland ist übergewichtig, fast ein Viertel fettleibig. Unter den 3- bis 17-Jährigen sind 15 Prozent übergewichtig, ein Drittel davon adipös, Tendenz steigend.
Überangebot an ungesunden Lebensmitteln
Im Alltag ist es für Verbraucher:innen oft eine Herausforderung, sich gesund zu ernähren. Im Supermarkt müssen Kund:innen die Regale voller Weihnachtsmänner und Fruchtgummis bewusst umgehen. Und wer auswärts isst, trifft auf ein Überangebot an zu süßen, zu salzigen und zu fettigen Speisen. Beispielsweise an Bahnhöfen bleibt häufig nur die Auswahl zwischen verschiedenen Fast-Food-Geschäften. Auch Kinder und Jugendliche sind betroffen: In Mensen und Schulkantinen stehen Gemüse und Hülsenfrüchte viel zu selten auf dem Speiseplan.
Gesunde Ernährung zu einer individuellen Entscheidung zu erklären, greift viel zu kurz. Die Ernährungsumgebung, in der sich Verbraucher:innen bewegen, hat erheblichen Einfluss auf das Essverhalten. Was und wie wir essen, ist immer auch vom vorhandenen Angebot, Werbung, kulturellen Normen und finanziellen Möglichkeiten bestimmt.
Ernährungsstrategie und Reduktionsstrategie ambitioniert fortführen
Die gesunde Wahl zur leichten Wahl machen – das sollte im Zentrum politischer Strategien wie der Ernährungsstrategie und der Reduktionsstrategie für Fett, Salz und Zucker in Fertigprodukten stehen.
Die Ernährungsstrategie muss eine gesunde Ernährung für alle ermöglichen. Die Gemeinschaftsverpflegung ist hierbei ein großer Hebel. Rund 16 Millionen Menschen in Deutschland essen täglich in Kantinen und Restaurants, auch viele Kinder und Jugendliche. Damit bereits die Jüngsten auf den Geschmack einer ausgewogenen Ernährung kommen, müssen Bundesregierung und Bundesländer flächendeckend eine beitragsfreie Kita- und Schulverpflegung sicherstellen, in der die Qualitätsstandards der DGE angewendet werden. Die Bundesregierung muss die Strategie noch ambitionierter verfolgen und konkrete Maßnahmen umsetzen.
Klar ist: Sich dabei auf Freiwilligkeit seitens der Industrie zu verlassen, ist nicht zielführend. Das beweist die Reduktionsstrategie der Bundesregierung, die seit sage und schreibe sieben Jahren (!) auf Freiwilligkeit beruht. Bislang hat sie kaum Wirkung gezeigt. Die bei Jugendlichen beliebten Softdrinks sind nur um wenige Prozent zuckerärmer geworden. Deutlich weniger als die Hälfte der Produkte mit Kinderoptik entsprechen dem Nährwert-Modell der Weltgesundheitsorganisation.
Das kann nicht der Anspruch sein. Das Lebensmittelangebot muss für Verbraucher:innen flächendeckend gesünder werden. Statt auf Freiwilligkeit muss die Bundesregierung auf verbindliche Reduktionsziele und Vorgaben setzen. Vor allem für Produkte, die sich an Kinder richten, müssen Obergrenzen für Fett, Salz und Zucker festgelegt werden. Für Softdrinks braucht es eine Hersteller-Abgabe. Das schafft für Hersteller einen Anreiz, den Zuckergehalt ihrer Getränke zu reduzieren.
Die Prävention von ernährungsbedingten Krankheiten ist dabei kein rein ernährungspolitisches Thema. Sie ist vielmehr ein Querschnittsthema der Ernährungs-, Gesundheits- und Familienpolitik.
Mix an politischen Maßnahmen
Es gibt nicht die eine politische Maßnahme, die allen Verbraucher:innen eine gesunde Ernährung ermöglicht. Für eine ausgewogene Ernährung braucht es einen Mix aus verschiedenen Ansätzen. Als Verbraucherschützer setzen wir uns deshalb bei der Politik für ein Bündel wirksamer Maßnahmen ein:
- Eine Abgabe auf Süßgetränke bietet Herstellern einen Anreiz, ihr Produkt gesünder zu machen und Verbraucher:innen, eine gesündere Wahl zu treffen.
- Obergrenzen für Fett, Salz und Zucker für Produkte, die sich an Kinder richten, erleichtern Eltern und Kindern den Alltag.
- Die Abschaffung der Mehrwertsteuer auf unverarbeitetes Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte macht gesunde Lebensmittel erschwinglicher. Ernährungsminister Rainer hat sich bereits dafür ausgesprochen und auch der Bürgerrat Ernährung hat sich in seinen Empfehlungen dafür ausgesprochen.
- Die flächendeckende Anwendung der DGE-Standards in der Gemeinschaftsverpflegung kann den Anteil von Gemüse und Obst deutlich erhöhen.
- Eine unabhängige Preis- und Kostenbeobachtungsstelle sorgt für mehr Transparenz in der Lieferkette und kann zu fairen Preisen beitragen, sowohl für Landwirt:innen, als auch für Verbraucher:innen. So kann eine gesunde Ernährung für alle erschwinglicher werden.
Verbrauchererwartungen an die Politik
Wir haben das Ohr dicht an den Menschen. Und wir fragen auch nach, welche Erwartungen und Wünsche sie haben. Im Dezember vergangenen Jahres wollten wir wissen, wie die Verbraucher:innen zu unseren politischen Empfehlungen stehen. Das Ergebnis: Die große Mehrheit der Befragten befürwortet die vorgeschlagenen staatlichen Maßnahmen zur Förderung gesunder Ernährung.
Die Bundesregierung sollte dieses klare Signal ernst nehmen und die Menschen dabei unterstützen, ihren Wunsch nach gesundem Essen umzusetzen. Damit dieser Wunsch nicht nur ein guter Vorsatz für das neue Jahr bleibt, braucht es klare politische Rahmenbedingungen. Die konsequente Umsetzung der Ernährungs- und Reduktionsstrategie wäre ein wichtiger und wirksamer Schritt. So kann aus dem Anspruch einer gesunden Ernährung endlich Wirklichkeit werden.
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