KI-Seepferdchen nur für Schüler? : Auch Staat und Schulen müssen schwimmen lernen

Dominik Theis
Dominik Theis vom Institut für Innovation und Technik (IIT) Foto: Iit

Geht es nach der Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“, soll jedes Grundschulkind ein „KI-Seepferdchen“ erwerben. Doch zugleich stellt sich die Frage, wie gut Schulen und Staat selbst schwimmen können? Dominik Theis schreibt, worauf es nun ankommt.

von Dominik Theis, Institut für Innovation und Technik (Iit)

veröffentlicht am

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Der aktuelle Vorschlag der unabhängigen Expertenkommission setzt einen wichtigen Impuls – beleuchtet aber nur eine Seite der Medaille. Denn: Kinder können nur schwer lernen, sich sicher in einer von KI geprägten Welt zu bewegen, wenn die Institutionen, die sie dabei begleiten, selbst noch lernen müssen, den Kopf über Wasser zu halten. Mit dem KI-Seepferdchen für Kinder stellt sich zugleich die Frage, wie gut Schulen und Staat selbst schwimmen können. Schutz, Befähigung und Teilhabe können im Alltag gut wirksam werden, wenn auch die Strukturen handlungsfähig sind, die dafür Verantwortung tragen.

Lehrkräfte auf der Suche nach Schwimmhilfen

Aktuelle Befunde zeigen, dass digitale Bildungsangebote vor allem dann wirken, wenn Zielsetzung, pädagogische Einbettung, Qualifizierung und Rahmenbedingungen ineinandergreifen. Für die Einführung des KI‑Seepferdchens bedeutet das: Das Kollegium braucht nicht nur ein tragfähiges Grundverständnis von KI und ihrer Bedeutung für Lernen und Lebenswelt; sondern sollte auch die Chancen und Grenzen von Anwendungen sowie die rechtlichen und pädagogischen Rahmenbedingungen ihrer Nutzung beurteilen können. Dafür braucht es kontinuierliche Weiterbildung und Unterstützung im Schulalltag. Ein Blick in deutsche Klassenzimmer verdeutlicht, wie groß der Orientierungsbedarf heute ist: Fragen zur Nutzung von KI stehen bei mehr als der Hälfte der Lehrkräfte ganz oben auf der Wunschliste. Zugleich blicken viele mit Sorge auf die möglichen Folgen für die Kompetenzentwicklung der Schülerinnen und Schüler.

Zwischen dem Wunsch, die Möglichkeiten von KI sinnvoll zu nutzen, und der Sorge um ihre Auswirkungen auf Lernen und Kompetenzentwicklung entsteht ein Bedarf. Das deutsche Schulsystem ist damit auf Schwimmhilfen angewiesen: auf klare Orientierung, verlässliche Rahmenbedingungen und konkrete Unterstützung durch Bund, Länder und Schulträger vor Ort.

Orientierung und klare Zuständigkeiten: Digitaler Auftrieb für Schulen

Für Schulen ist weniger entscheidend, wer formal zuständig ist, sondern ob sie schnell und verlässlich die Unterstützung bekommen, die sie brauchen: Eine Schulleitung sollte wissen können, an wen sie sich bei der Auswahl oder Einführung eines digitalen Angebots wenden kann. Einer Lehrkraft hilft eine belastbare fachliche Orientierung. Und ein Schulträger sollte Klarheit darüber haben, welche technischen Voraussetzungen langfristig getragen werden sollen.

Auf Bundesebene kann insbesondere das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) einen gemeinsamen fachlichen Rahmen unterstützen, die Abstimmung mit den Ländern organisieren und Entwicklung und Erprobung von neuen Angeboten – wie dem KI-Seepferdchen – anstoßen. Die Länder und Landesinstitute verantworten die curriculare Verankerung und die Qualifizierung der Lehrkräfte. Schulträger schaffen wichtige technische und organisatorische Voraussetzungen. Schulen und Lehrkräfte gestalten schließlich die konkrete Vermittlung. Genau in diesem Zusammenspiel zeigt sich die institutionelle Handlungsfähigkeit des deutschen Bildungssystems.

Feedback-Loops im Schulsystem: Aus der Praxis lernen

Handlungsfähigkeit zeigt sich nicht zuletzt darin, wie ein System mit Erfahrungen umgeht – und aus der Praxis lernt. Entscheidend für den Erfolg ist also, dass digitale Angebote überprüft und weiterentwickelt werden. Regelmäßig, und zwar auf Basis von Pilotierung und Evaluationen. Das bedeutet nicht, alle Antworten im Voraus zu kennen, sondern verlässliche Verfahren zu schaffen, mit denen neue Fragen erkannt, Erfahrungen eingeordnet und Entscheidungen weiterentwickelt werden.

Wie solche Feedback-Loops funktionieren können, lässt sich bereits in einigen Bundesländern bei der datengestützten Schulentwicklung beobachten. Hamburg und Baden-Württemberg haben beispielsweise unterschiedliche Strukturen aufgebaut, um Informationen aus Schulen für Qualitätsentwicklung zu nutzen. Ein wichtiger gemeinsamer Gedanke dabei ist, dass Daten dann vor allem hilfreich werden, wenn sie gemeinsam interpretiert und mit konkreter Unterstützung verbunden werden. Heißt: Bei der Einführung von neuen Maßnahmen sollten Rückmeldungen aus Schulen von Anfang an Teil der Umsetzung sein.

Der Freischwimmer für Schulen und ihre Lehrkräfte

Anders als Grundschulkinder und Heranwachsende, sollten Schulen in der Lage sein, sich auch unter anspruchsvollen Bedingungen sicher im Wasser zu bewegen. Ein Seepferdchen dürfte hier allein nicht ausreichen. Vielmehr wären Lehrkräfte mit einem Freischwimmerabzeichen wichtig. Vor allem wenn es darum geht, bei rauer See, veränderten Anforderungen und offenen Fragen handlungsfähig zu bleiben. Dazu sollten Lehrkräfte qualifiziert werden, die ihr Wissen in die Kollegien tragen können. Dafür brauchen sie Zeit und verlässliche Unterstützung im Schulalltag.

Bund, Länder und Schulträger sollten Klarheit darüber haben, welche Verantwortung bei ihnen liegt. Empirische Erkenntnisse aus der schulischen Praxis bilden eine wichtige Grundlage, um zukunftsfähige Angebote für Kinder und Jugendliche zu entwickeln. Ein Blick in andere Länder zeigt, wie das funktionieren kann: Norwegen verbindet klare nationale Zielsetzungen mit schulnaher Lehrkräftequalifizierung und einem kontinuierlichen, evidenzbasierten Monitoring; die Schweiz zeigt zugleich, wie föderale Zuständigkeiten durch dauerhaft institutionalisierte Koordination wirksam zusammengeführt werden können.

Das KI-Seepferdchen richtet den Blick auf die Kompetenzen, die junge Menschen in einer von KI geprägten Welt brauchen. Die entscheidende Frage lautet: Sind die Strukturen so aufgestellt, dass aus politischen Zielen gute Praxis wird? Wenn dies gelingt, kann das Abzeichen Kinder für den Umgang mit KI vorbereiten – und zugleich zeigen, wie aus einer guten Idee tragfähige Praxis wird.

Wenn Kinder und Jugendliche schwimmen lernen, dürfen Staat, Schulen und ihre Lehrkräfte nicht am Beckenrand stehen bleiben.

Dominik Theis ist Experte für digitale Bildung, Bildungsinfrastrukturen und Bildungsgerechtigkeit am Institut für Innovation und Technik (IIT). Er war im Bundesministerium für Bildung und Forschung am Projekt „Mein Bildungsraum“ beteiligt und arbeitete im Auftrag der EU-Kommission zu intelligenten tutoriellen Systemen.

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